Ärzte Zeitung online, 10.12.2010

Sehnsucht nach dem Schokoriegel: Auch Gedanken können satt machen

NEW YORK/WASHINGTON (dpa). Die genaue Vorstellung von einem Schokoriegel macht nicht dick, aber satt: Wer nur ausführlich genug an Essen denkt, bekommt nach amerikanischen Forschungsergebnissen nicht mehr Appetit, sondern weniger. Das haben Wissenschaftler der privaten Carnegie-Mellon-Universität aus Pittsburgh (US-Staat Pennsylvania) herausgefunden und berichten im Wissenschaftsjournal "Science" darüber.

Sehnsucht nach dem Schokoriegel: Auch Gedanken können satt machen

Widersteht sie der Versuchung? Je genauer die Vorstellung von der Schokolade auf der Zunge, desto weniger sollte zumindest der Hunger werden.

© Patrizia Tilly / fotolia.com

Bislang war nicht nur bei Laien die Auffassung weit verbreitet, dass man beim Denken an zum Beispiel einen Braten auch Appetit auf einen solchen bekommt. Auch die Mehrheit der Wissenschaftler war der Auffassung, dass beim Denken an eine Speise die gleichen neuronalen Prozesse ablaufen wie beim Essen, Riechen oder Sehen des Gerichts.

Nach den Ergebnissen der Pittsburgher Forscher ist es aber komplizierter: Zwar macht der flüchtige Gedanke an eine Speise Appetit, je detaillierter man sich jedoch vorstellt, sie zu essen, umso stärker schrumpft der Appetit.

"Unsere Resultate zeigen, dass es grundsätzlich verkehrt ist, die Gedanken an begehrte Speisen zu unterdrücken, um seinen Appetit zu zügeln", sagte Studienleiter Carey Morewedge. Er hatte mit seinen Mitarbeitern einige Probanden gebeten, sich das Essen von Schokoladendragees vorzustellen. Andere sollten an das Einwerfen von Münzen denken, jeweils mit unterschiedlicher, aber genau festgelegter Anzahl. Anschließend wurden allen die Bonbons angeboten - wer sie vorher schon in Gedanken gegessen hatte, griff jetzt weniger zu. Die Forscher rechnen das der Gewöhnung (Habituierung) an den Appetitreiz zu.

"Habituierung ist einer der fundamentalen Prozesse, die bestimmen, wie viel wir konsumieren, wann wir aufhören, und wann wir dazu übergehen, etwas anderes zu konsumieren", sagte Joachim Vosgerau, Professor für Marketing und Beteiligter an der Untersuchung. "Zu einem gewissen Grad ist die reine Vorstellung einer Erfahrung ein Ersatz für tatsächliche Erfahrung. Der Unterschied zwischen mentaler Vorstellung und tatsächlicher Erfahrung mag sehr viel kleiner sein als bisher angenommen."

Zum Abstract der Originalpublikation in "Science"

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