Ärzte Zeitung online, 21.12.2010
 

Fernziel: Taube Ärzte

BAD KREUZNACH Gehörlose mit Medizinstudium? Das könnte in Zukunft auch in Deutschland Realität sein. Und zwar an der ersten europäischen Gebärdensprachen-Universität in Bad Kreuznach. 2013 soll die Hochschule für Gehörlose eröffnen, an der in Gebärdensprache kommuniziert wird.

Von Janina Plato

Sie haben einen Traum und versuchen ihn wahr werden zu lassen: Gehörlose möchten eine eigene Universität gründen und zwar im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach. Sie wäre die erste in ganz Europa und die zweite Hochschule dieser Art weltweit. Bislang kann man nur in den Vereinigten Staaten an der Gallaudet University in Washington, D.C., in der Gebärdensprache studieren.

"Mit dieser Universität können wir den Gehörlosen neue akademische und berufliche Chancen eröffnen", betont Ingo Barth. Er ist der Vorsitzende des Trägervereins "Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität Bad Kreuznach", der sich im Juni 2010 gegründet hat und nun für das Sammeln der Geldspenden zuständig ist. Insgesamt werden rund 100 Millionen Euro benötigt. Eröffnen soll die neue Uni im Jahr 2013. Im ersten Schritt wird es eine private Spezialuniversität sein, Ziel sei aber die Verstaatlichung und europäische Anerkennung.

Nach Barths Vorstellungen könnte dann auch in Europa der Weg frei sein für gehörlose Freiberufler wie Ärzte: "In Amerika gibt es schon taube Professoren, Ärzte, Staatsanwälte, Filmdozenten, Pfarrer und Rechtsanwälte. Das wollen wir auch in Europa erreichen!"

Grundlage ist die Deutsche Gebärdensprache

Sowohl taube als auch hörende Studenten, Dozenten und sonstige Mitarbeiter sollen in Bad Kreuznach studieren, lehren und arbeiten - eines ist ihnen jedoch allen gemeinsam: das Benutzen der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Beginnen soll es mit rund 300 Studenten. Die Kapazitäten reichen im Idealfall jedoch für bis zu 2000 Studienplätze - ähnlich wie in Washington.

"Gehörlose Studenten sind aktuell auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen. Diese zu organisieren ist kein leichtes Unterfangen", beschreibt Andreas Bittner vom Deutschen Gehörlosen-Bund in Berlin den hohen Aufwand parallel zum Studium. Daher begrüßt der Verband die Einrichtung einer Gebärdensprachen-Universität und ist selbst eines der Gründungsmitglieder des Trägervereins.

Uni entsteht auf ehemaliger amerikanischer Militärbasis

Entstehen soll die neue Bildungsstätte auf einer ehemaligen amerikanischen Militärbasis. "Hier stehen bereits Gebäude, die aber renoviert werden müssen", erklärt der 34-jährige Barth, der selbst gehörlos ist. Weitere Bauten auf dem acht Hektar großen Gelände wie ein Theater, eine Bibliothek und Gebäude für Lehre und Forschung seien geplant. "Unser erstes Ziel ist es, zwei Millionen Euro zu sammeln, um das gesamte Grundstück zu reservieren. Davon sind erst spärliche 20 000 Euro vorhanden", erklärt der Berliner, der theoretischer Chemiker und Physiker am Max-Planck-Institut ist. Das gesamte Gelände koste zwischen sieben und acht Millionen Euro.

Doch warum ausgerechnet Bad Kreuznach? "Zum einen gibt es den politischen Willen von Stadt und Landkreis, das Projekt zu unterstützen", so Barth. Weiterer Pluspunkt sei das geeignete Grundstück mit genügend Fläche und den bereits bestehenden Gebäuden. Doch der gebürtige Leipziger sieht noch einen weiteren Vorteil: "Bad Kreuznach liegt sehr zentral in Deutschland und auch in Europa."

Angeboten werden sollen alle Fächer von Jura bis zur Tiermedizin. Erst als Bachelor-Studiengang, später auch als Master. "Wir planen, mit mindestens zwei Fakultäten zu starten, darunter Sprach- und Sozialwissenschaften", erklärt Barth. Doch die Planungen reichen noch weiter: "Es soll ein Sign-Language Zentrum geben, an dem Gebärdensprachen gelehrt werden. Ideal wäre auch ein Media Zentrum, das Sendungen in Gebärdensprache ausstrahlt."

Etwa 100 Gehörlose sind an Unis derzeit eingeschrieben

Derzeit gibt es nach Schätzungen von Ingo Barth und dem Deutschen Gehörlosen-Bund rund 100 gehörlose Studenten in Deutschland. Eine von ihnen ist Liona Paulus. Die 26-Jährige studiert Buchwissenschaften, Portugiesisch und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Eine eigene Uni fände sie prinzipiell gut. "Wir Gebärdensprachler hätten dort eine gemeinsame Kommunikations- und Kulturebene, die wir uneingeschränkt ausleben können", erklärt die gebürtige Würzburgerin. Außerdem glaubt sie, dass der wissenschaftliche Dialog und die Entwicklung der eigenen Identität enorm bereichert werden könnten.

Beruflich möchte sie nach ihrem Studium mit oder für Gehörlose arbeiten. Ein klassischer Weg, wie Barth erklärt: "Taube Absolventen unterrichten derzeit vor allem als Gebärdensprachlehrer an speziellen Schulen." (dpa)

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