Ärzte Zeitung online, 10.01.2011

Kritik an deutscher Zahlungsmoral für Haiti

BERLIN (dpa). Knapp ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti haben Hilfsorganisationen die Zahlungsmoral vieler UN-Mitgliedsstaaten scharf kritisiert. "Die Staatengemeinschaft fällt deutlich hinter ihre Zusagen zurück", sagte der Geschäftsführer des Bündnis Entwicklung Hilft, Peter Mucke. Brisant: Deutschland hat offenbar noch nicht einen Cent bezahlt. "Das ist skandalös", so Mucke.

Kritik an deutscher Zahlungsmoral für Haiti

Haiti benötigt Hilfe: Das Kind erhält eine orale Rehydrationslösung. Für den Wiederaufbau braucht das Land Geld, viele Geber zahlen aber offenbar nicht.

© dpa

Nach der Katastrophe im Januar 2010, bei der rund 230.000 Menschen starben, hatten etwa 60 der 192 UN-Staaten auf einer Geberkonferenz Wiederaufbau-Hilfe in Höhe von fast zehn Milliarden US-Dollar zugesagt.

Davon sollten im vergangenen Jahr bereits rund zwei Milliarden Dollar gezahlt werden. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind davon jedoch noch nicht mal zwei Drittel eingegangen.

Als besonders brisant hob Mucke hervor, dass Deutschland von seinem versprochenen Anteil für 2010 laut UN überhaupt noch nichts gezahlt habe. "Dabei hat die Bundesregierung im europäischen Vergleich auf der Geberkonferenz sowieso nur geringe Zusagen gemacht", sagte Mucke der Nachrichtenagentur dpa.

Auf der Konferenz im März vergangenen Jahres hatte die Europäische Union Haiti 1,67 Milliarden Dollar versprochen. Für Deutschland wies die EU einen Anteil von 51,8 Millionen Dollar aus.

Davon waren für das vergangene Jahr eigentlich rund 36 Millionen Dollar eingeplant. Den UN-Angaben zufolge ist davon noch nichts geleistet worden.

Das Entwicklungsministerium wies die Kritik zurück. Die Bundesregierung habe sich bereits unmittelbar nach dem Beben mit rund 18,5 Millionen Soforthilfe beteiligt.

Von den darüber hinaus bei der Geberkonferenz zugesagten 40,9 Millionen Euro sei ein großer Teil bereits für längerfristige Maßnahmen eingeplant, unter anderem durch Welthungerhilfe und Deutsches Rotes Kreuz, rechnete ein Sprecher am Sonntag vor. Er verwies auch auf den deutschen Anteil an der von der EU geleisteten Hilfe.

Mucke sagte: "Die Länder, die Geld versprochen haben, müssen alles daran setzen, dass dies nun schnellstmöglich gezahlt wird. Es wird dringend gebraucht." Auch ein Jahr nach dem Erdbeben sei die Lage in einigen Gegenden des karibischen Inselstaats katastrophal.

Schätzungen zufolge leben immer noch etwa eine Million Menschen in Notunterkünften. Von den rund 20 Millionen Kubikmetern Schutt seien bisher nur fünf Prozent beseitigt worden.

Der Bau und die Reparatur von Straßen, Häusern, Kläranlagen sowie von Leitungen und Filtersystemen für sauberes Trinkwasser komme nur stockend voran, sagte Mucke.

Große Probleme bereite den Helfern, dass die staatlichen Strukturen zum Wiederaufbau fehlten, der Besitz von Bodenflächen oft nicht geklärt sei und es zu wenig haitianische Fachkräfte gebe.

"Es gibt aber auch deutliche Erfolge in der Arbeit - trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen", betonte Mucke. Sein Bündnis Entwicklung Hilft - dem die Welthungerhilfe, terre des hommes, Brot für die Welt, medico international und Misereor angehören - habe gemeinsam mit lokalen Partnern die medizinische Versorgung und die Ernährungslage verbessert, Häuser und Bewässerungssysteme gebaut, Brunnen und Abwasserkanäle repariert.

An all diesen Maßnahmen seien Haitianer beteiligt gewesen. "Aber die Hilfsorganisationen könnten noch viel mehr umsetzen, wenn sie mehr Geld zur Verfügung hätten."

Allerdings warnte Mucke vor zu großen Erwartungen: "Die Zerstörung in Haiti nach dem Beben ist in etwa so groß wie die von Hamburg, Berlin und Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg", sagte er. "Das hat Jahrzehnte gedauert, alles wieder aufzubauen."

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