Ärzte Zeitung, 02.02.2011

Auf den Spuren des Mädchens aus dem Moor

"Moora" musste hart arbeiten, sie hatte ein kurzes und schweres Leben. Neue Untersuchungen zeigen: Niedersachsens älteste Moorleiche litt an vielen Krankheiten - Forscher haben inzwischen ihr Gesicht rekonstruiert.

Von Heidi Niemann

Auf den Spuren des Mädchens aus dem Moor

Schon vor mehr als fünf Jahren fasziniert von Moora: Rechtsmediziner Klaus Püschel, der niedersächische Landesarchäologe Henning Hamann, Paläontologe Andreas Bauerochse (v.l.)

© dpa

HANNOVER/GÖTTINGEN Niedersachsens älteste Moorleiche "Moora" hat in ihrem kurzen Leben nicht nur unter vielen Krankheiten, sondern auch unter Gewaltanwendung gelitten. Das haben Spezialuntersuchungen der Göttinger Universitätsmedizin ergeben.

"Moora" habe unter anderem eine Wirbelsäulenverkrümmung, eine chronische Entzündung des Schienbeins und einen Tumor an der Schädelbasis gehabt, erläuterte vor kurzem der Göttinger Paläopathologe Professor Michael Schultz im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover.

Seit fünf Jahren untersuchen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die etwa 2650 Jahre alte Leiche aus der Eisenzeit, die im Jahr 2000 bei Torfabbauarbeiten im Uchter Moor im Kreis Nienburg/Weser entdeckt worden war.

Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka nannte es einen "Glücksfall für die Forschung", dass die Leiche erst so spät entdeckt worden ist. Erst mit den heutigen modernen Methoden und Techniken sei es möglich, dem spektakulären Fund so viele Geheimnisse zu entlocken.

Auf den Spuren des Mädchens aus dem Moor

Die Ergebnisse mehrerer Wissenschaftler geben der Moorleiche "Moora" aus dem Uchter Moor ein Gesicht.

© dpa

Vor allem die medizinischen Untersuchungen geben einigen Aufschluss über das Leben und die Lebensbedingungen des "Mädchens aus dem Uchter Moor", das vermutlich im Alter zwischen 17 und 20 Jahren gestorben ist.

"Moora" sei unter schweren Bedingungen aufgewachsen und habe eine ganze Reihe von "Arme-Leute-Krankheiten" gehabt, sagte Professor Michael Schultz. Der Göttinger Paläopathologe, der die medizinischen Untersuchungen geleitet hat, gilt als weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Erforschung prähistorischer Krankheiten.

Er fand unter anderem Spuren einer Kiefernhöhlen- sowie einer Hirnhautentzündung, die möglicherweise von einer Tuberkulose herrührte. Die Wirbelsäulenverkrümmung zeuge davon, dass "Moora" körperlich hart gearbeitet habe, sagte Schultz.

Sie habe auch an Wachstumsstörungen gelitten, die vermutlich auf Mangelernährung und Infektionskrankheiten in der Kindheit zurückzuführen seien. Außerdem wurde sie wahrscheinlich geschlagen, dies zeigen zwei Frakturen am Schädeldach. Trotz dieser vielen Befunde bleibe allerdings eines unklar: "Woran sie gestorben ist, wissen wir nicht", sagte Schultz.

In einem weiteren Gemeinschaftsprojekt haben Wissenschaftler mehrerer Forschungseinrichtungen versucht, "Mooras" Gesicht zu rekonstruieren.

 Zunächst habe man mit modernen bildgebenden Verfahren die Knochenteile wie ein Puzzle zusammengesetzt, sagte der Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Professor Klaus Püschel. Anhand dieses Computerbildes wurde dann mit einem Spritzguss-Verfahren ein Modell hergestellt, das als Grundlage für die Rekonstruktion diente.

Experten verschiedener Einrichtungen, unter anderem der Universitäten Dundee (Schottland), Freiburg und Hamburg sowie des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt, fertigten dann mit unterschiedlichen Verfahren verschiedene Varianten an. "Wir wissen nicht, wie Moora genau ausgesehen hat", sagte Püschel.

Aus den Rekonstruktionen ergebe sich aber ein Gesamteindruck. "Es ist der Blick in das Gesicht einer jungen Frau, zu deren Lebzeiten Rom noch ein unbedeutendes Dorf am Tiber war", sagte der Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Stefan Winghart.

Auch in Zukunft wollen die Wissenschaftler noch weitere Geheimnisse lüften. Unter anderem seien noch DNA-Untersuchungen der Moorleiche geplant, sagte Projektkoordinator Andreas Bauerochse.

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