Ärzte Zeitung online, 20.03.2011

Japan: 20.000 Tote und Vermisste - Lage in Fukushima weiter kritisch

TOKIO (dpa). In Fukushima bleibt die Lage weiter kritisch: In dem wegen seiner plutoniumhaltien-Brennelemente besonders gefährlichen Reaktorblock 3 war der Druck am 20. März vorübergehend gestiegen. Erneut wurden verstrahlte Lebensmittel aus der Fukushima-Region gefunden. Die Zahl der Toten und Vermissten nach dem Erdbeben und Tsunami wird inzwischen mit über 20.000 angegeben.

Japan: 20.000 Tote und Vermisste - Lage in Fukushima kritisch, aber stabil

Aufgebahrte Leichen in Rikuzentakata. Menschen suchen dort nach vermissten Angehörigen.

©dpa

Block 3 wurde bis zum 20. März früh 13 Stunden mit Wasserwerfern gekühlt. "Das war eine sehr gefährliche und schwierige Aufgabe", sagte einer der beteiligten Feuerwehrmänner dem Sender NHK. "Überall lagen Trümmer herum. Den Mitgliedern des Teams war die Gefahr der Verstrahlung sehr bewusst." Die in Block 3 verwendeten Brennelemente sind gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt.

Auch Block 4 wurde für zunächst etwa eine Stunde mit Wasser bespritzt. Eingesetzt wurden zehn Wasserwerfer der japanischen Streitkräfte und ein Fahrzeug der US-Streitkräfte. Dort ist es ebenfalls das Ziel, den Wasserstand des Abklingbeckens mit abgebrannten Kernbrennstäben zu erhöhen. Block 4 war wegen Wartungsarbeiten schon vor dem Erdbeben abgeschaltet.

Nach dem Einsatz von Wasserwerfern ging die Strahlung am Rand der Anlage um rund 25 Prozent auf 2,625 Millisievert (mSv) pro Stunde zurück, wie der Rundfunksender NHK am Sonntagmittag (Ortszeit) berichtete.

Unterdessen wurde das Kühlsystem im Reaktor 6 wieder in Gang gesetzt, nachdem dort die Stromversorgung wiederhergestellt worden war. Anschließend sei die Temperatur in einem überhitzen Kühlbecken deutlich gesunken, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den Kraftwerksbetreiber Tepco berichtete.

Tepco: Reaktor Fukushima 2 hat wieder Strom

Der Block 2 des Reaktors von Fukushima hat wieder Strom. Das berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am 20. März mit Verweis auf das Betreiberunternehmen Tepco. Das soll helfen, um die Beleuchtung und die Kühlung der dortigen Abklingbecken in Gang zu setzen. Ob die Wasserpumpen allerdings funktionieren, ist noch unklar.

Nach Explosionen und Bränden war die innere Hülle des Reaktors beschädigt und Radioaktivität ausgetreten.

Auch die Stromversorgung für die zentralen Kontrollräume des Reaktorblocks 1 sollte noch am 20. März wieder hergestellt werden.

Erneut stark verstrahlte Milch und Spinat entdeckt

Bei Milch und Spinat in Japan sind erneut stark verstrahlte Produkte registriert worden. Das sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Sonntag nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Kyodo. Diese Lebensmittel seien aber nicht in den Verkauf gekommen, hieß es weiter. Die Regierung wolle am 21. März entscheiden, ob sie eine Verordnung zu Agrarprodukten, die in der Nähe von Atomkraftwerken angebaut wurden, erlasse.

Bereits am 19. März hatte Edano erklärt, dass Spinat und Milch aus der vom Atomunfall betroffenen japanischen Provinz Fukushima verstrahlt seien. Eine akute Gesundheitsgefährdung sei aber derzeit nicht zu erwarten.

Wenn ein Japaner ein Jahr lang anstelle der normalen Produkte die belastete Milch trinken und den verstrahlten Spinat essen würde, erhalte er eine Strahlendosis von der Stärke einer Computertomografie, erläuterte Edano. Auch in der Provinz Ibaraki, südlich von Fukushima, sei belasteter Spinat entdeckt worden.

In der Präfektur Fukushima wie in den angrenzenden Verwaltungsregionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt. Die Werte liegen zwischen 0,27 und 77 Becquerel pro Kilogramm bei einem Grenzwert von 300 Becquerel.

Eine Messung des Leitungswassers in Tokio ergab eine Jod-Belastung von 1,5 Becquerel. Die Verstrahlung mit Cäsium erreichte Werte von 0,22 bis 1,6 Becquerel pro Kilogramm bei einem zulässigen Grenzwert von 200 Becquerel. Das Gesundheitsministerium erklärte, im Moment gehe von dem Leitungswasser keine Gefahr für die menschliche Gesundheit aus.

Mehr als 20 000 Tote und Vermisste in Japan

Neun Tage nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan ist die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 20.000 gestiegen. Die Polizeiführung teilte am 21. März mit, dass mindestens 8133 Menschen in den Tod gerissen wurden. 12.272 gelten offiziell als vermisst. Die Katastrophe vom 11. März ist damit das größte Unglück in der Geschichte Japans seit dem Zweiten Weltkrieg.

Es wird erwartet, dass die Zahlen weiter steigen werden. Kyodo zitierte am Sonntag einen örtlichen Polizeichef in der Präfektur Miyagi, dass allein in diesem Verwaltungsgebiet 15.000 Menschen ums Leben kamen. Zu den am schwersten betroffenen Orten gehört Minamisanriku, wo nach dem Tsunami von 9500 Bewohnern jedes Lebenszeichen fehlte.

Direkt betroffen sind insgesamt 12 der 47 Präfekturen in Japan, wie die Zeitung "Asahi Shimbun" am 21. März in einer vorläufigen Bilanz berichtete. Die meisten Todesopfer gab es in Miyagi. Danach folgen die Präfekturen Iwate und Fukushima. Bis zu 400.000 Menschen in Notunterkünften unterbracht.

Am 20. März wurden im Katastrophengebiet eine 80-jährige Frau und ein 16 Jahre alter Junge aus Trümmern gerettet. Wie der Fernsehsender NHK berichtete, wirkten die beiden geschwächt, hätten jedoch auf Rufe der Polizei reagiert. Die beiden wurden in Ishinomaki, in der mit am schwersten betroffenen Provinz Miyagi gefunden und ins Krankenhaus gebracht.

Zum Special "Katastrophe in Japan"

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