Ärzte Zeitung online, 02.04.2011

Bittere Pillen: Ärzte-"Tatort" aus Berlin am Sonntag

Der Deutschen liebste Krimiserie dürfte wohl der "Tatort" sein. Zweimal im Jahr kommt sie aus der Hauptstadt, so auch an diesem Sonntag. Im Fokus der Ermittler: Missstände im Gesundheitswesen, Regressdrohungen - und Hausärzte.

Von Nada Weigelt

Bittere Pillen: Ärzte-"Tatort" aus Berlin am Sonntag

"Tatort" in Berlin: Beim Notarzteinsatz am Sonntag um 20.30 Uhr im Ersten geht es Ritter (Dominic Raacke, 2.v.l.) und Stark (Boris Aljinovic, re.) nicht schnell genug.

© rbb / GORDON

BERLIN. Millionenbeträge gehen den Krankenkassen jedes Jahr durch Abrechnungsbetrug verloren - die Zeche zahlen die Versicherten.

Im neuen Tatort (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) kommen die Berliner Ermittler Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) bei der Aufklärung eines mysteriösen Todesfalls derartigen Machenschaften auf die Spur. Aber in der Folge "Edel sei der Mensch und gesund" bleibt letztlich nichts, wie es zunächst scheint.

Die Geschichte klingt einfach: Der schwer kranke Pensionär Olaf Mühlhaus (Thomas Neumann) stirbt einen Tag nach dem Besuch bei seinem langjährigen Hausarzt.

Aus Termingründen hatte ihn diesmal nicht der altbekannte Doktor, sondern die mögliche Praxisnachfolgerin Antje Berger (Julika Jenkins) untersucht. Die vielen blauen Flecken am Körper des Toten machen die Ermittler stutzig.

Häusliche Gewalt? Hat etwa die labile Tochter (Christina Große) den Vater malträtiert? Doch die Obduktion ergibt, dass die Unverträglichkeit zweier Medikamente zum Tod geführt hat.

Bei der Suche nach dem Täter stoßen Hauptkommissar Ritter und sein Kollege Stark auf immer erschreckendere Missstände im deutschen Gesundheitswesen.

"Acht Minuten habe ich im Schnitt für jeden Kassenpatienten. Acht Minuten! Danach mache ich Verluste", klagt Hausarzt Dr. Gerhard Schmuckler (Dieter Mann).

Der Arzt aus Leidenschaft will seine Patienten nur mit den allerbesten Arzneimitteln versorgen, doch die Vorschriften der Kassen machen ihm das Leben schwer.

Aber nicht nur das. Zu leiden hat Dr. Schmuckler auch unter der angespannten Beziehung zu seinem ehrgeizigen Sohn, der die eingeführte Praxis in Berlin-Mitte lieber heute als morgen übernehmen würde.

Und welche Rolle spielt die attraktive Nachwuchsärztin Berger? Als auch noch ein zweiter Mensch gewaltsam ums Leben kommt, wird endgültig klar, dass Gut und Böse nicht so einfach zu unterscheiden sind.

"Ich versuche in jeder Krimiarbeit, die Schwarz-Weiß-Situation mehr in einen Graubereich zu bekommen", sagte laut ARD-Presseheft der Schweizer Regisseur Florian Froschmayer, der bereits zum vierten Mal für den "Tatort" hinter der Kamera stand.

Genüsslich lässt er das Berliner Ermittler-Duo seine bekannten Schrulligkeiten ausleben. Und vor allem der unverzichtbare Assistent Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill) sorgt mit seiner Berliner Schnauze für das notwendige Lokalkolorit.

Hauptkommissar Stark läuft - passend zum Thema - mit wechselnden Anzeichen schwerer Krankheiten herum.

Sein Macho-Kollege Ritter hat für solche Zipperlein wenig Verständnis, dafür umso mehr (Mit-)Gefühl für die hübsche Café-Besitzerin Susanne (Kirsten Block), deren kecke Tochter Sophia (Lucy Ella von Scheele) an einer chronischen Lungenkrankheit leidet und deshalb auch Patientin von Dr. Schmuckler ist.

Er habe versucht, ein massives gesellschaftspolitisches Problem ohne moralischen Zeigefinger zu beleuchten, sagt Regisseur Froschmayer.

"Wenn die eine oder andere Seite dies als Kritik empfindet, dann haben wir es vielleicht tatsächlich geschafft, die wunden Punkte anzusprechen." (dpa)

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Panorama (30883)
[03.04.2011, 23:56:56]
Dr. Jürgen Schmidt 
Die Welt als Wille und Tatort
Seit längerer Zeit werden Fernsehsendungen wie der Tatort mit dem sozialpädagogischen Zeigefinger gestaltet.
Über diese meist auch moralisierende und oft dick aufgetragene Verbrämung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages und Weltendarstellung (bei der dann doch das Gute siegt oder zumindest die Bösen gefasst werden) müsste man sich nicht weiter aufregen, wenn die zu Grunde liegende Geschichten glaubwürdiger wären.
Vorliegend wurden wir nicht nur Zuschauer eines völlig unwahrscheinlichen Handlungsablaufes, sondern auch Zeuge, wie ein nicht unbedeutender Stab recherchierender Redakteure die bittere Realität der offenen oder auch verdeckten Rationierung in den Praxen in die Form eines bösen Märchens kleidet.
In der Wirklichkeit ist es aber kein Märchen! zum Beitrag »

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