Ärzte Zeitung online, 06.05.2011

Auch der Messias publiziert in Fachjournalen

Der "Verborgene Imam", eine islamische Erlösergestalt, hat offenbar ein Faible für organische Chemie. Gleich in zwei Fachzeitschriften verkündete er seine neusten Offenbarungen. Beginnt damit nun das Ende aller Zeiten?

Von Thomas Müller

Auch der Messias publiziert in Fachjournalen

Auch ein Mahdi: Muhammad Ahmed al-Mahdi, ein populärer Führer im Sudan des 19. Jahrhunderts, nannte sich auch "der Erlöser".

© Keystone / ZUMA / imago

TEHERAN. So mancher muslimische Chemiker dürfte sich in den letzten Wochen verwundert die Augen gerieben haben, denn niemand geringerer als der "Verborgene Imam", der islamische Messias, hat als Erstautor zwei Forschungsartikel zu Polymerchemie veröffentlicht.

In der Zeitschrift "Macromolecular Research" (2011; 19: 156) schrieb Mahdi Moeud Ajjalallah (auf Deutsch etwa: "Der versprochene Erlöser", "Gott möge seine Ankunft beschleunigen") über die Mikrostruktur von Polyvinyl-Kunststoffen.

Zu einem ähnlichen Thema publizierte Imam Mahdi nun auch im "Journal of Polymer Research" (2011 online). In beiden Fällen trat ein gewisser Professor Rostami Daronkola von der Teheraner Tarbiat Modares Universität als Koautor auf, er verfügt offenbar über einen besonders guten Draht zum Erlöser.

Die beiden Publikationen sorgen nicht zuletzt im Internet für einigen Wirbel, ist doch das Erscheinen des Verborgenen Imams unweigerlich mit dem Ende der Welt verknüpft.

So soll Mahdi nach schiitischem Glauben neun bis 19 Jahre vor dem Jüngsten Gericht auf die Erde zurückkehren - übrigens zusammen mit einem anderen Erlöser Namens Jesus von Nazareth - und gemeinsam mit diesem die Welt von Tyrannen und allem sonstigen Übel befreien.

Auch bei der BBC ist man inzwischen auf das Erscheinen des Verborgenen Imams aufmerksam geworden und berichtet auf der persischsprachigen Seite ausführlich über seine Offenbarungen.

Nun entspannt sich eine Diskussion darüber, was uns der Imam damit sagen will: Erholt er sich nur bei ein paar naturwissenschaftlichen Gedanken vom Tyrannenstürzen in Nordafrika, das ja seit einiger Zeit nicht mehr richtig vorangeht, oder ist er etwas zu früh gekommen und vertreibt sich als Hobbychemiker die Zeit, bis auch sein Kumpel Jesus den Weg zurückgefunden hat?

Böse Zungen behaupten hingegen in Blogs, Imam Mahdi habe Professor Daronkola nur als Inspirationsquelle gedient. Dann sei es allerdings nicht korrekt, ihn als Erstautor zu nennen, sondern allenfalls in den Danksagungen, den Acknowledgements.

Die Uni Teheran hat ebenfalls ihre Zweifel. Professor Rostami Daronkola sei schon seit einem halben Jahr nicht mehr dort beschäftigt, im Übrigen müsse man nicht jeden Unsinn publizieren, der eingereicht werde.

Daronkola weist jedoch jede Kritik von sich: Warum sollte der zwar verborgene, aber dennoch "omnipräsente Imam aller Zeiten nicht auch in einem Chemielabor auftauchen?"

Man darf also gespannt sein, was der Messias und der Professor als nächstes veröffentlichen.

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