Ärzte Zeitung online, 19.07.2011

Regierung bleibt bei "weichen" Dildos

Manche Vibratoren stanken so penetrant nach Chemie, dass Tester anmerkten: Schon beim Auspacken verfliege jegliche Lust. Risiken durch Sexspielzeug? Die Grünen wollten es genau wissen.

Regierung bleibt bei "weichen" Dildos

Kunststoff-Dildos - oft mit Weichmachern.

© dpa

BERLIN (dpa). Die Bundesregierung plant keinen nationalen Alleingang gegen riskante Weichmacher in Dildos, Vibratoren und anderem Sexspielzeug.

"Die Verwendung von gefährlichen Stoffen für die Herstellung von Erotikartikeln ist kein auf Deutschland begrenztes Problem", heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen, auf die am Montag der Pressedienst des Bundestags hinwies.

Mit nationalen Alleingängen könnten auch kaum Internetbestellungen und Importe geregelt werden. Deutschland unterstütze dagegen ein harmonisiertes europäisches Vorgehen bei gefährlichen Stoffen.

Jeder zweite Dildo enthält Weichmacher

Die Grünen hatten unter Berufung auf eine Studie des Magazins "Öko-Test" aus dem Jahr 2006 darauf hingewiesen, dass in allen der untersuchten Vibratoren Phthalate als Weichmacher gefunden wurden. In knapp der Hälfte wurden zudem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe entdeckt.

Auch weitere mögliche Inhaltsstoffe werden als gefährlich genannt. Zu den Risiken zählten Hormonstörungen, Diabetes und Krebs. Sexspielzeug bestehe laut der Studie bis zu 58 Prozent aus Weichmachern.

Gesundheitsgefahren könnten weite Teile der Bevölkerung treffen. Nach einer Studie des Kondomherstellers Durex benutzt jeder fünfte erwachsene Bundesbürger Sexspielzeug, wie die Grünen zitieren.

REACH soll es lösen

Daten zur Bewertung des Risikos dieser Produkte gebe es kaum, teilte das Bundesverbraucherministerium in seiner Antwort mit. Zunächst müssten Hersteller und Importeure in eigener Verantwortung dafür sorgen, dass ihre Produkte sicher seien.

Allerdings unterlägen Stoffe in Verbraucherprodukten der REACH-Verordnung der EU für chemische Stoffe.

Einige der Phthalate seien bereits in das Regelwerk aufgenommen worden - sie dürften ohne spezielle Zulassung nur bis Anfang 2015 verwendet werden. Danach habe die Industrie auch für eine Verwendung in Erotikartikeln extra Zulassungsanträge zu stellen.

2009 hatte "Öko-Test" in einer weiteren Untersuchung 18 Vibratoren ins Labor geschickt. Zwölf Massagestäbe erhielten die Note "sehr gut" - fünf wegen der Schadstoffe "befriedigend" oder "ungenügend".

Zehn Stunden Dildogebrauch ohne Gefahr

Als schadstoffarm stellten sich vor allem harte, unflexible Vibratoren heraus. Auch flexible Vibratoren seien aber meist unbelastet. Viele riskante Weichmacher wiesen manche weiche Vibratoren auf. Teils sollen diese aber bereits aus dem Programm genommen werden.

Dänemarks Regierung hatte im vergangenen Jahr Vorschläge für ein EU-Verbot von Phthalaten in Sexspielzeug angekündigt. Die Stoffe könnten letztlich die Samenqualität bei Männern vermindern, zu Missbildungen an den Geschlechtsorganen männlicher Nachkommen führen und bei Mädchen den Beginn der Pubertät beschleunigen.

Nach Angaben niederländischer Warenprüfer könnten Vibratoren aus Kunststoff bis zu zehn Stunden pro Woche gefahrlos benutzt werden. Bei längerem Gebrauch könnten die Weichmacher die Nieren sowie andere Organe schädigen.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Herzschutz-Effekt durch spezielle Fischöl-Kapseln

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren hat in der REDUCE IT-Studie eine erstaunliche Wirkung entfaltet. Zu einem anderen Ergebnis kommt die Studie VITAL. mehr »

In Westeuropa sterben Deutsche am frühesten

Deutschland hat unter 22 westeuropäischen Ländern die niedrigste Lebenserwartung. Wie aus einem aktuellen WHO-Bericht hervorgeht, gibt es im weltweiten Vergleich noch immer drastische Unterschiede – von bis zu 40 Jahren. mehr »

Gemeinsam gegen Antibiotika-Resistenzen

Die Weltantibiotikawoche ist angelaufen: Während die WHO für mehr Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Medizin wirbt, versucht ein Projekt von Ärzten und Kassen die Bürger für Resistenzen zu sensibilisieren. mehr »