Ärzte Zeitung online, 22.07.2011

Opfer der Loveparade: Zoff um Entschädigung

Zehn Jahre dauerte das juristische Nachspiel des Concorde-Flugzeugunglücks. Ähnlich langwierig könnte die komplizierte Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe werden. Ein Jahr danach streiten Juristen um eine schnellere Entschädigung der Opfer - mit bislang nur kleinen Erfolgen.

Von Rolf Schraa

Opfer der Loveparade: Zoff um Entschädigung

Tunnel unter dem ehemaligen Loveparade-Gelände in Duisburg: Ein Jahr nach dem Unglück kämpfen die Opfer immer noch um Entschädigung.

© Oliver Berg / dpa

DUISBURG. Zum Jahrestag des Loveparade-Unglücks mit 21 Toten und Hunderten Verletzten kocht die Diskussion um eine schnelle Entschädigung der Opfer wieder hoch.

Der Anwalt Thomas Kämmer, der die Mutter einer Loveparade-Toten vertritt, fordert in der "Welt" eine Vermittlungskommission, die Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen zügig außergerichtlich klären soll. Ein langwieriges Zivilverfahren würde für die Opfer "eine fortgesetzte Ohnmacht bedeuten", sagte Kämmer.

Juristen rechnen mit jahrelangen Prozessen rund um die Katastrophe. Bisher gibt es nicht einmal eine Entscheidung über eine mögliche Anklageerhebung. Einem Strafprozess würde der Zivilprozess aber mit womöglich mehreren Instanzen dann erst folgen.

Versicherer zahlen Schadenersatz

Einen ersten Durchbruch für eine schnelle Entschädigung gibt es: Die Versicherung des Loveparade-Veranstalters, Axa, und der kommunale Versicherungsverband, der die Stadt Duisburg vertritt, haben Ende Mai gemeinsam beschlossen, schon vor der endgültigen juristischen Klärung Schadenersatz zu zahlen.

Diese Einigung sei vielleicht der größte Erfolg seiner Arbeit, sagt Jürgen Hagemann, Vorsitzender der Opferorganisation "Massenpanik Selbsthilfe" der dpa.

Doch es wurde auch Kritik laut: Anwalt Kämmer bezeichnet die Absprache sogar als "Versuch, eine wirklich angemessene Entschädigung zu vereiteln."

Opfer nicht mit einbezogen

Die Einigung sei ohne Beteiligung der Opfer zustande gekommen und auch nicht offen kommuniziert worden, kritisiert auch der Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter. Nach jetzigem Stand seien nur kleine Hilfen für die Betroffenen zu erwarten, sagte Reiter bei wdr.de.

Trotzdem sei die Geste dahinter für die Betroffenen psychologisch wichtig und helfe den Opfern, mit der Sache abzuschließen, schätzt Reiter.

Der Anwalt, der in einer gemeinsamen Kanzlei mit dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum 76 Opfer der Loveparade vertritt, fordert aber, dass sich auch das Land an einer Entschädigungsregelung beteiligen solle.

Soforthilfe hat funktioniert

Unstreitig ist, dass die Soforthilfe des Landes unmittelbar nach der Katastrophe gut geklappt hat: Aus dem 1,5-Millionen-Nothilfefonds des Landes wurden laut Reiter bereits rund 1,2 Millionen Euro abgerufen.

Bei stationärer Behandlung hatten die Opfer daraus 500 Euro pro Tag im Krankenhaus bekommen - bis zu 20.000 Euro pro Person. "Das hat gut geklappt und uns sehr geholfen", sagt die Mutter einer Loveparade-Toten.

Zusätzlich sei aber die Gründung einer Stiftung nötig, fordert Reiter seit längerem. Damit sollten langfristige Folgen etwa durch Jobverlust oder posttraumatische Belastungsstörungen aufgefangen werden.

"Die Einführung einer Stiftung fordern wir, weil wir Sorge haben, dass die Geschädigten, wenn der Medienrummel vorbei ist, vor verschlossener Tür stehen könnten", sagte Reiter.

Viele Folgen der Loveparade wie etwa Schulversagen oder Probleme im Job seien nicht justiziabel. In einer Stiftung könnten Opfer auch solche Ansprüche formulieren. (dpa)

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