Ärzte Zeitung online, 29.07.2011

Intelligente Wohnungen für Ältere

Ältere Menschen könnten künftig länger allein und selbstständig zu Hause wohnen, wenn ihre Wohnungen mit elektronischen Sensor-Netzwerken ausgerüstet sind. Mit einem Forschungsprojekt wird an der TU Braunschweig derzeit eine Modellwohnung entwickelt.

Von Klaus Sievers

Intelligente Wohnungen für Ältere

Haux in seinem Wohnungslabor: Das Display zeigt, wie die Wohnung mit Sensoren komplette überwacht wird.

© Julian Stratenschulte / dpa

BRAUNSCHWEIG. Die Elektronik macht es möglich: Ältere und kranke Menschen könnten künftig länger allein und selbstständig in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben.

In der intelligenten Wohnung der Zukunft, die mit Sensor-Netzwerken bestückt ist, könnten sie komfortabler und sicherer leben. Eine solche Wohnung wird mit einem Forschungsprojekt an der Technischen Universität Braunschweig in Niedersachsen entwickelt.

"Unser Projekt ist insofern einzigartig in Deutschland, weil daran nicht nur Wissenschaftler, sondern auch für die praktische Umsetzung wichtige Institutionen wie Wohnungswirtschaft, Ärzte, Sozialdienste und Handwerker beteiligt sind", betont Professor Reinhold Haux.

Er leitet das Peter L. Reichertz Institut für medizinische Informatik, das von der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover getragen wird.

Schon im nächsten Jahr will das stadteigene Unternehmen Nibelungen-Wohnbau GmbH die ersten elektronischen Wohnungen zur Vermietung anbieten.

Automatische Beleuchtung auf dem Weg zum Klo

Im TU Institut wurde eine komplett möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad als Experimentierwerkstatt eingerichtet.

Überall sind Sensoren, Bewegungsmelder und zusätzliche Schalter installiert, Elektronik in Türen, Fenster, Geräte, Möbel oder Lampen eingebaut. "Das ist alles miteinander vernetzt", erläutert Projektleiter Maik Plischke.

Er nennt einige, bereits erprobte Anwendungen: Wenn beispielsweise der Bewohner nachts aufsteht und auf die Toilette muss, wird automatisch das Licht auf den Weg dorthin ein- und später wieder ausgeschaltet.

Herd und Licht werden ausgeschaltet, wenn man die Wohnung verlässt. Vom Sessel aus können Fenster und Türen per Fernbedienung geöffnet und geschlossen werden.

In Küchen- und Bücherschränken sind bewegliche Regale eingebaut, die bei Bedarf heruntergefahren werden können. Bei Einbruchsverdacht werden das Licht- und der Fernsehapparat eingeschaltet.

Stürze meldet künftig der Gürtel

Besonders wichtig ist ein Bewegungssensor, der an der Kleidung oder am Gürtel getragen wird und der einen Sturz schnell registriert, sofort einen Notruf an bestimmte Kontaktpersonen in der Verwandtschaft, an eine Sozialstation oder an den Hausarzt sendet.

"Einige dieser Systeme verbessern einfach den Wohnkomfort und könnten auch für andere Bewohner interessant sein", meint Plischke.

Doch die Modellwohnung biete noch mehr. Aus den gesammelten Messdaten der installierten oder am Körper getragenen Sensoren kann ein Rechner in der Wohnung bestimmte Verhaltensmuster, Tagesabläufe und Routinen der Bewohner ermitteln, erläutert Plischke.

Veränderte Verhaltensweisen als Krankheitsindikatoren

Änderten die sich plötzlich, könne das ein Hinweis auf Krankheiten sein - oder dass etwas passiert ist. Dann könne das System reagieren, entweder dem Betreffenden Ratschläge geben (etwa: zum Arzt gehen) oder den Hausarzt benachrichtigen.

Der könnte sich künftig, online mit der Wohnung verbunden, auch selbst regelmäßig über das Befinden seines Patienten informieren.

"Wir müssen uns als Wohnungsunternehmen auf den demografischen Wandel einstellen und mehr altersgerechte Wohnungen mit ergänzenden Dienstleistungen anbieten", meint Rüdiger Warnke, Geschäftsführer der Nibelungen-Wohnbau, der größten Wohnungsgesellschaft in der Stadt.

Allein in Braunschweig werde im Jahr 2030 die Hälfte aller Einwohner über 65 Jahre alt sein. Da müsse man mehr altersgerechte Wohnungen anbieten.

Die Akzeptanz dieser neuen Wohnungen werde, da sind sich die Projektbeteiligten einig, nicht nur davon abhängen, wie die persönlichen Daten der Mieter geschützt werden.

Warnke: "Das muss auch bezahlbar sein". Über die Kosten für Investitionen und nachfolgende Dienstleistungen wollen die Beteiligten aber noch keine Angaben machen. (dpa)

[03.08.2011, 10:24:26]
Rudolf Egeler 
Vorschläge von Dr.Schmidt
Sehr geehrter Herr Dr.Schmidt,
bitten lassen Sie doch Ihre Kommentarleser teilhaben an Ihren Kenntnissen
und geben die Links zu der von Ihnen erwähnten Literatur("Diplomarbeiten,
Frauenhoferinstitut) an.Die neugierige Lesergemeinde der Ärztezeitung wird dafür sicher dankbar sein.

Mit freundlichen Grüßen

Rudolf Egeler zum Beitrag »
[29.07.2011, 13:03:27]
Dr. Jürgen Schmidt 
smart is beautiful (?)
Wer sich mit intelligenter Gebäudeautomation, "smart home" (für Senioren) beschäftigen möchte, dem sei zweierlei empfohlen: Sich über runterladbare Diplomarbeiten oder eine gute Übersicht aus dem Fraunhofer Verlag schlau zu machen -- und einen Kostenvoranschlag für ein intelligent vernetztes Haus anzufordern.

Z.B. lassen sich KNX-vernetzte Systeme (Bus) wegen der Kabelverlegung kaum nachrüsten, sondern nur im Neubau realisieren und selbst dann zu Preisen, die übliche Kosten für die gesamte Elektrik noch einmal verdoppeln. Dabei sind Überwachungs- und Meldegeräte, die bei Verhaltensveränderungen des Bewohners selbst tätig werden, noch nicht inbegriffen.
Schließlich muss ein evtl. Alarm auch zu einer Überwachungszentrale weitergeschaltet, dort verarbeitet werden und Maßnahmen auslösen, für die Ressourcen vorzuhalten sind.

Für eine flächendeckende Verbreitung von automatischen Überwachungs- und Kommunikationssystemen, die für die zunehmende Zahl von Singlehaushalten geeignet sind, bedarf es einfacher,kostengünstiger Lösungen, die sich nachrüsten lassen, beispielsweise durch Aufmodulation von Signalen in das Stromnetz. Solche Lösungen gibt es bereits, wenn auch mit beschränkten Funktionen, die Wünsche offen lassen.
Durchdenkt man die gesamte Problematik, einschließlich notwendiger
Einsatzzentralen, Pflegekräfte, Servicebetriebe für hard- und software alles auch unter betriebswirtschaftlichen Aspekten, so lautete das Ergebnis nicht mehr "smart" sondern "small is beautiful".

Gebäudeautomation mit Lichtprogrammen, Hi-Fi-Beschallungssystemen in allen Räumen und weiterem elektronischen Gemotze ist eine andere Kategorie. zum Beitrag »

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