Ärzte Zeitung, 14.08.2011

Blinde ertasten sich die Welt der Bienen

Wenn Bienen oder Wespen umherfliegen, werden Menschen nervös. Das Gesumme ist besonders für Menschen, die blind sind, oft mit viel Angst verbunden. Bei einer Führung in einem Institut für Bienenkunde sollen sie Vorbehalte verlieren.

Von Sabine Ränsch

Blinde ertasten sich die Welt der Bienen

Tasten gegen die Angst: Zwei Teilnehmerinnen der Führung berühren die 35 Grad warme Glasscheibe.

© Marc Tirl / dpa

OBERURSEL. Vorsichtig legen die Besucher die Hände an die Scheibe und spüren die Wärme. Rund 35 Grad herrschen in dem Bienenstock - das ganze Jahr über. Die Teilnehmer der Führung staunen.

Etwa ein Dutzend blinde und sehbehinderte Menschen lernten bei einem Besuch des Instituts für Bienenkunde im hessischen Oberursel, dass Bienen und Wespen friedliebend und alles andere als gefährlich sind.

"Stehen bleiben und gar nichts tun", rät Institutsleiter Professor Bernd Grünewald für den Fall, dass sich eine Biene mal allzu nah heranwagt. "Sie sind ja keine Blüte."

Bienen, die sich von Nektar, Honigtau und Pollen ernähren und daraus Honig machen, seien schließlich immer auf der Suche nach Blüten, bemerkten ihren Irrtum schnell und flögen weg. Bei Wespen sei etwas mehr Vorsicht angebracht, die gelb-schwarz gestreiften Flieger seien wesentlich lästiger.

Ute Kruse-Grgic aus Eschborn hofft, dass der Besuch auf der Wiese mit den Bienenstöcken am Waldrand ihr hilft, die Angst zu verlieren. Wie die anderen kann sie die Insekten nur hören und wird unruhig, wenn das Brummen zu nah ist. "Ich habe totale Panik vor Bienen und Wespen, aber hier fühle ich mich jetzt sicher", sagt sie.

Besonders für Blinde wirken Bienen und Wespen bedrohlich

Blinde ertasten sich die Welt der Bienen

Das Bienenmodell aus Plastik soll blinden Menschen die Angst nehmen.

© Marc Tirl / dpa

"Besonders für jemanden, der nicht sieht, sind Bienen und Wespen bedrohlich", sagt Franz-Josef Esch vom Vorstand der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Information über das Verhalten der Tiere könne helfen, die Furcht zu nehmen.

Biologin Sophie Himmelreich erläutert den mit Imkerkleidung geschützten Besuchern die Lebensweise der Honigbienen, lässt sie Waben ertasten und den Klang der Schleuder hören.

Himmelreich bewegt sich inmitten Hunderter summender Bienen völlig ungeschützt und unbefangen. Am Institut forscht Himmelreich für ihre Doktorarbeit über das Lernen der Honigbiene und ist so begeistert von den Tieren, dass sie auf dem Balkon ihrer Frankfurter Wohnung einen Stock hält.

Während sich die braunen Honigbienen von Menschen fernhalten, werden die schwarz-gelben Wespen im August lästig. In diesem Jahr seien wegen des warmen Frühjahrs besonders viele unterwegs, sagt Institutsleiter Grünewald.

"Sie brauchen Unmengen Kohlenhydrate zum Mästen der jungen Wespenköniginnen." Während Bienenvölker auch im Winter zusammenbleiben, überleben vom Wespenstaat nur die Königinnen, um im nächsten Frühjahr einen neuen Staat zu gründen. Die Arbeiterinnen, die sich um die Brut und die Königin kümmern, gehen im Herbst zugrunde.

Wespen fliegen buchstäblich auf Zucker als leicht erreichbaren Kohlenhydrat-Lieferanten. Nur schwer lassen sie sich von Pflaumenkuchen oder Limo-Gläsern fernhalten.

Wespen sanft wegwischen, bevor sie auf den Geschmack kommen

Grünewald rät, die Insekten sanft wegzuwischen, bevor sie auf den Geschmack kommen und noch Artgenossinnen anlocken können. "Man sollte es den Wespen so ungemütlich wie möglich machen." Anpusten dürfe man die Tiere aber auf keinen Fall - der Kohlendioxidgehalt in der Atemluft wirke als Stichstimulanz.

Der Stich von Bienen oder Wespen ist schmerzhaft, aber meist harmlos. Auch die Zucker liebenden Wespen seien weder aggressiv noch gefährlich, betonen Biologen und Naturschützer.

Gestochen werde nur im Notfall zur Verteidigung. In sicherer Entfernung von den Nestern drohe gewöhnlich keine Gefahr. Probleme könne es nur geben, wenn der Gestochene allergisch sei oder wenn eine versehentlich in den Mund geratene Wespe zusteche. (dpa)

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