Ärzte Zeitung online, 17.08.2011

Unruhen: Großbritannien erwägt Ausgangssperre

Großbritannien streitet weiter um die richtigen Schlüsse aus den Krawallen und Plünderungen der vergangenen Woche. Innenministerin May will das Gesetz für Ausgangssperren erweitern. Ein 16-Jähriger soll außerdem für den Mord an einem Mann in London verantwortlich sein.

LONDON (dpa). Großbritanniens Innenministerin Theresa May will im Kampf gegen Bandenkriminalität jetzt auch Ausgangssperren ermöglichen. Dabei ist auch eine Art Hausarrest für Jugendliche im Alter unter 16 Jahren im Gespräch.

Im Innenministerium werde diskutiert, wie der Polizei entsprechende Werkzeuge an die Hand gegeben werden könnten, sagte May am Dienstag in London. Dafür bedürfe es aber einer Gesetzesänderung.

Unterdessen wurde in London ein 16 Jahre alter Jugendlicher wegen Mordes angeklagt. Er soll für den Tod eines 68-jährigen Mannes verantwortlich sein.

Dieser war von Randalierern attackiert worden, weil er im Stadtteil Ealing ein Feuer in einem Mülleimer eines Supermarktes löschen wollte.

Der Mann starb später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Der Mutter des 16-Jährigen wird vorgeworfen, sie habe die Ermittlungen der Justiz behindert.

Weitere Verdächtige von der Polizei gefasst

Auch in den anderen vier Todesfällen während der Krawalle sind die mutmaßlichen Verantwortlichen bereits gefasst worden.

In Birmingham verhört die Polizei sieben Männer, nachdem drei Männer nach Darstellung der Polizei absichtlich von einem Auto überfahren wurden.

Im Londoner Stadtteil Croydon war ein 26-Jähriger mit tödlichen Schusswunden in einem Auto gefunden worden. Auch hier wurden Verdächtige festgenommen.

Im Zusammenhang mit den Krawallen sind allein in London 1635 Menschen festgenommen worden. 940 wurden angeklagt. Die Quote derer, die von Gerichten ins Gefängnis geschickt werden, liegt derzeit bei 65 Prozent.

Möglicherweise war bei den Krawallen auch ein Anschlag auf den neu gebauten Olympiapark geplant. Ein Polizeioffizier erklärte am Dienstag, die Polizei habe dies bereits im Vorstadium vereitelt. In London finden ab 27. Juli 2012 die Olympischen Sommerspiele statt.

Clegg: Randalierer sollen Schäden bezahlen

Premierminister David Cameron besuchte am Dienstag erstmals den zum Teil verwüsteten Stadtteil Tottenham im Norden Londons. Dort hatten vor fast zwei Wochen die gewalttätigen Auseinandersetzungen begonnen. Kliniken in den Unruheregionen riefen zeitweise den Alarmzustand aus.

Cameron besuchte bis zu 200 Betroffene, die durch Häuserbrände oder Verwüstungen obdachlos geworden sind. "Ich wollte aus erster Hand ein paar von den Dingen hören, die Ihnen widerfahren sind", sagte er zu den Krawall-Opfern.

Der stellvertretende Ministerpräsident Nick Clegg machte deutlich, es solle einen unabhängigen Ausschuss geben, der die "Stimme der Opfer" höre. Ziel sei es, besser zu verstehen, was genau passiert sei.

Dies sei aber nicht der vom Labour-Chef geforderte Untersuchungsausschuss, betonte Clegg. Außerdem schlug Clegg vor, dass jugendliche Randalierer die von ihnen angerichteten Schäden - als Teil ihrer Strafe - selbst beseitigen sollten.

Innenministerin hält am Rotstift bei der Polizei fest

"Unter dem bisher geltenden Gesetz gibt es keine Möglichkeit, eine generelle Ausgangssperre in einer bestimmten Gegend zu verhängen", sagte Ministerin May. Auch die Handhabe gegen Jugendliche unter 16 Jahren sei bisher begrenzt.

"Das sind die Änderungen, über die wir reden müssen", sagte die Ministerin. Bisher können Ausgangssperren nur gegen einzelne Verdächtige verhängt werden.

May will an den Plänen der Regierung festhalten, die Ausgaben für die Polizei in den kommenden vier Jahren um 20 Prozent zu kürzen. Es sei weniger entscheidend, wie viele Polizisten zur Verfügung stünden. Viel entscheidender sei, wie man sie im entscheidenden Moment in Position bringe, sagte sie.

Der Chef der Polizeigewerkschaft Police Federation, Paul McKeever, bezeichnete die Rede der Ministerin als "Schlag in Gesicht" für die Polizei.

"Ich habe schon vergangenes Jahr Unruhen und kriminelles Verhalten vorhergesagt, aber die Regierung hat mir nicht zugehört", sagte McKeever.

Unterdessen wurde am Dienstag bekannt, dass es bei einer Auseinandersetzung zweier offenbar verfeindeter Gangs in London erneut zu einem Gewaltverbrechen gekommen ist.

Ein 17-Jähriger wurde bei dem Streit erstochen. Es ist der neunte Teenager, der in diesem Jahr in London zu Tode gekommen ist, der achte durch Messerstiche.

[17.08.2011, 12:09:32]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die spinnen, diese Engländer!
Großbritanniens Innenministerin Theresa May will gezielte Ausgangssperren für Jugendliche? Dann könnte man die Jugend ja eigentlich gleich ganz abschaffen.

Oder sind die nächsten Schritte dieser völlig verpeilten konservativ-liberalen Regierungskoalition spezielle Arbeits- und Umerziehungslager für Jugendliche? Nein, Kinder, Heranwachsende und Jugendliche sind Hoffnung und Zukunft jeder Gesellschaft, sie sind dann auf der Höhe ihrer Entwicklungs- und Schaffenskraft, wenn wir alle schon längst unter der Erde liegen oder scheintot vor dem Fernseher wegschnarchen.

Dann kommt da ein konservativer britischer Premier David Cameron, der noch nicht mal in der Lage ist, diesem Euro-Land den Euro als Leitwährung statt Pfund Sterling zu verpassen. Und will Massen von Jugendlichen n i c h t nur mit Migrationshintergrund, denen in Großbritannien weder vernünftige Kindergärten, Schulen und Universitäten frei zugänglich sind, die keinerlei organisierte gewerbliche Ausbildungs-, Arbeits- und Lebensperspektive haben, die Welt mit "Law and Order" und schwarzer Pädagogik erklären?

Auch wenn seine Reaktionen durch biografische Fakten erklärbar wären: Vater Börsenmakler, Mutter vom Baronet Mount abstammend. Schulzeit im elitär-privaten Eton College, Studium am Brasenose College Universität Oxford unter Mitgliedschaft in der exklusiven Studentenvereinigung Bullingdon Club. Der britische Regierungschef wird durch weitere Kürzungspolitik die sozialen Unruhen unter perspektivlosen und z. T. gewaltbereiten jungen Leuten in den Ballungszentren nicht mehr eindämmen können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »