Ärzte Zeitung online, 14.10.2011

Gen-Pionier verschreibt sich dem Kampf gegen Klimawandel

Er hat das menschliche Erbgut entziffert und das erste Bakterium mit künstlichem Erbgut geschaffen: Craig Venter. Heute wird er 65 - und strotzt noch immer voller Tatendrang: Nun setzt der US-Amerikaner auf die Biotechnologie, um die Welt zu retten.

Von Gisela Ostwald

Gen-Pionier verschreibt sich dem Kampf gegen Klimawandel

Gen-Pionier Craig Venter feiert am 13. Oktober seinen 65. Geburtstag. Er schuf ein Bakterium mit künstlichem Erbgut.

© dpa

NEW YORK. Nachdem es dem US-Molekularbiologen und Gen-Pionier Craig Venter, der heute (13. Oktober) 65 Jahre alt wird, gelungen ist, ein Bakterium mit künstlichem Erbgut zu schaffen, soll dem Durchbruch im Labor nun die praktische Anwendung folgen.

Venter - vielfach geehrt, aber auch umstritten - will die Welt mit solchen Bakterien vor einer Klimakatastrophe retten. Auf seine Mikroben setzt er auch zur Erschließung neuer Energiequellen: Sie sollen nahezu unbegrenzt sauberen, billigen und ökologisch unbedenklichen Treibstoff liefern.

"Große Spanne von Anwendungen" im Kopf

Er habe "eine große Spanne von Anwendungen" im Kopf, sagte der Visionär im weißen Laborkittel bei der Vorstellung seiner Arbeit. Das Team hatte das Erbgut eines natürlichen Bakteriums aus einzelnen Erbgutstückchen nachgebaut und dieses Kunstgenom in eine andere Bakterienart eingesetzt.

Das Ergebnis war eine Zelle, die von einem fremden Genom kontrolliert wurde, wie die Forscher im Journal "Science" berichteten. Ziel sei es, die Biologie dazu zu bringen, "das zu tun, was wir wollen", betonte Venter.

Barack Obama war beunruhigt

US-Präsident Barack Obama war über das Projekt so beunruhigt, dass er eine Expertenkommission einsetzte, um den ethischen Aspekt von Venters Vorhaben zu prüfen. Nach Angaben des Forschers erhoben aber weder das Weiße Haus noch der Vatikan Einwände gegen seine Arbeit.

"Ich glaube, dass wir über die Biotechnologie in Zukunft alles herstellen können, was wir brauchen", sagte Venter dem US-Sender CBS.

Manche Kollegen werfen Venter vor, zu geschäftstüchtig zu sein. Nach der Veröffentlichung seiner Arbeit 2010 schloss der Forscher einen Vertrag mit einem Gesundheitskonzern. Als erstes will er einen Grippeimpfstoff liefern.

BP finanziert Arbeit mit Mikroben

Auch andere Konzerne arbeiten mit dem Forscher zusammen. BP finanziert die Arbeit mit Mikroben, die unter der Erde von Kohle leben und Gas produzieren.

Exxon Mobil gab Venter nach CBS-Angaben 300 Millionen Dollar für Experimente mit genetisch veränderten Algen. Diese nehmen demnach das Treibhausgas Kohlendioxid auf und produzieren ein Öl, das zu Benzin verarbeitet werden kann.

Venter veröffentlichte sein eigenes Genom

Dass er scheinbar Unmögliches bewerkstelligen kann, hat Venter schon mehrfach bewiesen: 1999 forderte er sogar ein internationales Forscherteam heraus, das schon lange an der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gearbeitet hatte.

Nach nur 15 Monaten erreichte er etwa zeitgleich mit dem staatlich geförderten Human Genome Project das Ziel. Seitdem veröffentlichte Venter auch die erste genetische Blaupause eines einzelnen Menschen - sein eigenes Genom.

Autobiografie hat den Titel "Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben"

Freimütig bietet er im Internet Einblick in seine Erbanlagen. Wer sich aus den 20 Milliarden DNA-Basenpaaren keinen Reim machen kann, findet die Interpretation in Venters Autobiografie "Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben".

Dort schreibt der Forscher, dass ihm das gleiche Schicksal droht wie seinem Vater, der früh an einem Herzinfarkt starb. Auch dass er wegen seiner Veranlagung jetzt Cholesterinsenker und Tabletten gegen Alzheimer nimmt.

Venter wuchs in einfachen Verhältnissen auf

Auf die Frage, ob ihn das Wissen nicht ängstige, sagte Venter einmal: "Die Kenntnis von unseren genetischen Risiken bedeutet Macht - die Macht, ihnen entgegenzusteuern."

Venter ist der Sohn eines deutschstämmigen Buchhalters aus Salt Lake City. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, war ein schlechter Schüler und schaffte den Abschluss mit Ach und Krach.

Surfen, bis zum Ende des Vietnamkrieges

Statt an ein College ging er an den Pazifik und surfte drei Jahre, bis der Vietnamkrieg dem ein Ende setzte. Als Sanitäter im Hospital der US-Navy in Danang verarztete er verwundete Landsleute.

Danach wollte er Arzt werden. In sechs Jahren absolvierte er das Studium, veröffentlichte zig Arbeiten und promovierte.

Für manche Kollegen ist er das Enfant terrible der Genforschung

Dabei kam er zu der Überzeugung, dass er der Menschheit mit der Suche nach den genetischen Grundlagen von Krankheiten am meisten helfen könnte.

Doch ungeachtet bahnbrechender Erfolge ist er wegen des Profits seiner Arbeit für manche Kollegen das Enfant terrible der Genforschung.

"Wir kennen erst ein Prozent des Bakterien-Universums"

Von San Diego aus sticht Venter oft mit seiner "Sorcerer II" in See und holt Mikroorganismen vom Meeresboden.

"Wir kennen erst ein Prozent des Bakterien-Universums", sagt er und äußert die Überzeugung, dass in diesem Universum der Schlüssel für die Zukunft liegt. (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »