Ärzte Zeitung online, 13.10.2011

Blinde Jungs wollen Fußballstars werden

Auf deutschen Fußballplätzen tummeln sich auch immer mehr Blinde. Seit vier Jahren haben Spieler ohne Augenlicht eine eigene Bundesliga. Stuttgart ist aktuell das Maß aller Dinge.

Von Anja Mia Neumann

Blinde Jungs wollen Fußballstars werden

Nationalmanschaft der sehbehinderten und blinden Fußballer. Augenklappen oder Augenbinden gleichen eventuelle Unterschiede in der Sehschädigung aus.

© dpa

HANNOVER. Wenn Blinde Fußball spielen, rasselt der Ball und die Sportler rufen Kommandos wie "voy, voy, voy". Auch eine Blinden-Fußball-Bundesliga gibt es - mit derzeit rund 90 Spielern.

Viele Nachwuchstalente träumen vom Leben als Fußballstar. So wie Bayram. Gekonnt schiebt er den Fußball vor sich her, stoppt ihn und passt ihn zu seinem Mitspieler. Er trägt ein Trikot von Cristiano Ronaldo, dem Superstar von Real Madrid. Bayrams Traum: "Selbst Fußballstar werden". Dabei sieht der 13-Jährige den Ball auf dem Spielfeld in Hannover gar nicht. Er hört ihn nur.

15. Oktober ist der "Tag des weißen Stocks"

"Der Fußball ist für viele Sehbehinderte die Chance, sich ohne Stock und fremde Hilfe zu bewegen", sagt Trainer Otfried Morin vom Behinderten-Sportverband Niedersachsen. Am 15. Oktober ist der "Tag des weißen Stocks" - ein internationaler Aktionstag der Vereinten Nationen für Blinde und Sehbehinderte.

Seit über 60 Jahren erleichtert die Gehhilfe Blinden den Alltag - und gibt Sicherheit und Selbstbewusstsein. "Genau wie der Sport", meint Morin.

Für seinen Trainer ist Bayram ein Ass. "Er hat keine Scheu vor Körperkontakt", berichtet Morin. Das sei nicht selbstverständlich: "Es ist schwierig für Blinde, sich im Raum zu orientieren und die Angst zu überwinden."

Bayram kann zwar zu sechs bis zehn Prozent sehen, doch auf dem Platz trägt er eine Augenbinde - wegen der Chancengleichheit. "Meine Jungs träumen alle davon, mal Fußballstars zu werden", sagt Morin.

Auch Rasmus. Er ist blind und rennt trotzdem schnell durch die Halle, die an den Seiten mit Teppichbahnen ausgelegt ist, um die Wände zu markieren. "Als er bei mir angefangen hat zu trainieren, wusste er nicht, was rennen und was toben ist", erzählt Sportwissenschaftler Morin. Heute ist er ein ehrgeiziger Spieler.

Blindenfußball funktioniert nach Gehör

Wichtigstes Hilfsmittel ist der rasselnde Ball. Auf dem Feld spielen immer fünf gegen fünf - vier blinde oder sehbehinderte Spieler und ein sehender Torwart. Keeper und Trainer geben Kommandos und die Spieler kündigen sich mit den Rufen "voy, voy, voy" an - dem spanischen Wort für "ich komme".

Dies ist ein Hinweis auf die Herkunft des Blindenfußballs: In Brasilien entstanden, war er in den 60er Jahren zuerst in Südamerika und Spanien am populärsten. Weltmeisterschaften gibt es seit 1998 alle zwei Jahre, 2004 wurde der Sport eine paralympische Disziplin.

Seit vier Jahren gibt es die deutsche Blindenfußball-Bundesliga

Der Traum von Talenten wie Bayram und Rasmus, Fußballstar zu werden, kann sich mittlerweile auch in Deutschland erfüllen. Seit vier Jahren gibt es die deutsche Blindenfußball-Bundesliga (DBFL). Rund 250 Menschen spielen in Deutschland, ohne den Fußball zu sehen, etwa 90 von ihnen in der Bundesliga.

"Stuttgart ist das Bayern München des Blindenfußballs", sagt Robert Voigtsberger vom Deutschen Behindertensportverband. Dreimal sind die Stuttgarter bislang Deutscher Meister geworden. Natürlich sei beim Blindenfußball der soziale Aspekt wichtig: Durch das Miteinander von Blinden und Sehenden werden zum Beispiel Berührungsängste abgebaut. "Aber Blindenfußball ist auch eine ernstzunehmende Sportart", sagt Voigtsberger.

In einigen Wochen wird Bayram das erste Mal bei dem Training eines Bundesligisten dabei sein: bei Eintracht Braunschweig. Dort spielt schon sein älterer Bruder Toni Hoxha. Trainer Morin ist von Bayram überzeugt: "Wenn er weiter so gut spielt, hat er sicher bald einen Platz im Bundesliga-Team." (dpa)

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