Ärzte Zeitung, 08.02.2012

Hintergrund

Trägt Brooke das Geheimnis ewiger Jugend in sich?

Sie ist 19 Jahre alt, aber körperlich und geistig noch ein Baby: Brooke Greenberg ist weltweit einzigartig, ein medizinisches Rätsel. Für sie scheint die Zeit tatsächlich still zu stehen.

Von Pete Smith

Trägt Brooke das Geheimnis ewiger Jugend in sich?

Die Hände eines Babys: Brookes Hände sind nicht viel größer - obwohl sie 19 Jahre alt ist.

© McPHOTO / imago

Sie krabbelt, brabbelt und entwickelt sich buchstäblich in Zeitlupe, misst mit 19 Jahren 76 Zentimeter und wiegt kaum mehr als sieben Kilogramm.

Sie ist einzigartig, weltweit ein medizinisches Rätsel, das bislang kein Arzt zu entschlüsseln wusste. Für Brooke Greenberg scheint die Zeit tatsächlich still zu stehen - birgt sie das Geheimnis ewiger Jugend?

Brooke wurde am 8. Januar 1993 in Reisterstown im US-Bundesstaat Maryland geboren. Ihre Mutter Melanie Greenberg entschied sich auf Anraten ihres Gynäkologen an der Sinai-Klinik von Baltimore zu einem Kaiserschnitt in der 36. Woche. Bei ihrer Geburt wog Brooke 1850 Gramm. Die Ärzte diagnostizierten zwar eine Hüftdislokation an dem Säugling, ansonsten schien Brooke jedoch gesund zu sein.

Zitronengroßer Tumor im kleinen Kopf

Bald jedoch fällt ihren Eltern auf, dass sich ihre Jüngste langsamer entwickelt als ihre beiden ersten Töchter. Beim Füttern der Kleinen kommt es zu Erstickungsanfällen. Melanie und Howard Greenberg suchen Rat beim Arzt, ihr wird eine Magensonde gelegt.

Doch das Kind wird immer kränklicher, Pneumonien schwächen ihren zarten Körper, mehrfach muss die Kleine operiert werden. Im Alter von vier Jahren fällt Brooke ins Koma. Im Krankenhaus entdecken die Ärzte einen zitronengroßen Tumor in ihrem kleinen Kopf.

Die Prognose ist denkbar schlecht: Brooke habe nur noch zwei Tage zu leben. Die Greenbergs, gläubige Juden, bitten einen Rabbiner an Brookes Bett, doch das Mädchen stirbt nicht. Nach 14 Tagen wacht Brooke wieder auf. Der Tumor ist plötzlich verschwunden. Spontanremission. Ein Wunder.

Ärzte prognostizieren immer wieder baldigen Tod

Das Martyrium der Familie setzt sich fort. Bis zu ihrem siebten Geburtstag erleidet Brooke insgesamt sieben Magengeschwüre, epileptische Anfälle, einen Schlaganfall. Immer wieder prognostizieren Ärzte Brookes baldigen Tod.

Aber das Kind überlebt. Es ist stark. Obwohl es kaum noch wächst. Weder körperlich noch geistig. Brooke redet nicht, sie läuft nicht, sie bleibt ein Baby. Ihre Schwester Carly, drei Jahre jünger als sie, ist ihr bald in allem überlegen. Brooke, so scheint es, dehnt die Zeit. Kein anderer Mensch auf der Welt ist wie sie, sie ist ein medizinisches Mysterium.

Ein Mysterium, auf das weltweit Wissenschaftler aufmerksam werden. Hütet Brooke womöglich das Geheimnis ewiger Jugend? Für Genforscher Professor Richard F. Walker von der University of South Florida in Tampa ist das keineswegs abwegig.

Seit mehreren Jahren sequenziert er Brooks DNS und vergleicht ihre Erbinformation mit der ihrer Eltern und ihrer drei Schwestern. "Wir glauben, dass uns Brooke die Möglichkeit schenkt, den Alterungsprozess zu verstehen", sagte Walker kürzlich in einem Gespräch mit der britischen Zeitung "The Times".

"Wir glauben, dass es eine Mutation in ihren Genen gibt, die ihr Altern und ihre Entwicklung kontrolliert, sodass sie erscheint, wie in der Zeit gefroren."

Walker und seine Kollegen haben das Geheimnis ewiger Jugend zwar nicht enträtselt. Immerhin konnten sie aufzeigen, dass Brooke durchaus altert - aber nicht so wie andere Menschen. Während ihre Gehirnstrukturen, ihre Propriozeption und das neuroendokrine System auf ein Kleinkind hindeuten, entspricht die Entwicklung ihrer Knochen dem Alter einer Zehnjährigen.

Entwicklungsstörung durch Spontanmutation eines Wachstumsgens

Die Länge der Telomere und die Inaktivität der Telomerase lassen ein Zellalter vermuten, das Brookes biologischem Alter entspricht. Walker hat seine vorläufigen Untersuchungsergebnisse im vergangenen Jahr in der Zeitschrift "Mechanisms of Ageing and Development" (130, 2009, 350) veröffentlicht.

Das Fazit des Genforschers: Brooke leidet an einer Entwicklungsstörung, ausgelöst durch die Spontanmutation eines Gens, welches das koordinierte Wachstum der Organe reguliert.

So kommt es, dass Brookes Lungen und Magen, Speiseröhre, Knochen und Muskeln unterschiedlich weit entwickelt sind. Sie muss weiter durch eine Magensonde ernährt werden und kann nur mit einem Rollator gehen.

Sie erkennt sich im Spiegel, reagiert auf Ansprache und giggelt wie ein Säugling. "Brooke ist ein wundervolles Kind", schwärmt ihr Vater. "Sie ist sehr klar. Sie brabbelt wie ein sechs Monate altes Baby, aber sie teilt sich mit und wir wissen immer, was sie meint."

"Wenn wir das mutierte Gen finden", sagt Humangenetiker Walker, "können wir es an Labor-Tieren testen, um zu sehen, ob wir es ausschalten und den Alterungsprozess verlangsamen können."

Ein Video über Brooke: www.youtube.com/watch?v=GpVFWR7ay90

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