Ärzte Zeitung, 04.04.2012

Gebraucht zu werden hält fit

Wir werden immer älter. Für die Medizin ist das Erfolg und Herausforderung zugleich. Politik und Gesellschaft stellt der demografische Wandel vor wachsende Probleme. Doch er birgt auch Chancen.

Von Angela Mißlbeck

Gebraucht zu werden hält fit

Diese Menschen werden gebraucht - aktive Senioren werden künftig eine bedeutende Rolle spielen.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

BERLIN. Dieter Otto ist 78 Jahre alt, vierfacher Großvater und seit neuestem Foto-Modell. Sein Gesicht lächelt in diesem Jahr von den Plakaten und Flyern der Diakonie.

Das Motto "Altern in der Mitte der Gesellschaft" verkörpert er in doppeltem Sinn: Der Berliner wohnt mitten im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, und dort engagiert er sich für die Zwinglikirche.

Die Kirche wird allein durch das Engagement von Bewohnern im Umfeld am Leben gehalten. Den größten Anteil daran haben Rentner. Denn sie haben Zeit. Und sie bringen auch Wissen mit.

So gehören dem 2007 gegründetem Verein "Kulturraum Zwinglikirche" neben dem pensionierten Bauingenieur Otto auch ehemalige Redakteure und Manager an.

Zwinglikirche wird nun kulturell genutzt

Otto steht als Zeitzeuge zur Verfügung und macht Führungen, denn er ist Experte für die wechselhafte Geschichte des Baudenkmals, die er seit 1933 aus nächster Nachbarschaft miterlebt hat.

"Der Impuls, die Kirche für kulturelle Nutzung zu öffnen, kam von jungen Leuten", sagt seine Mitstreiterin im Verein Anke Baltzer.

"Intensiv vorangebracht haben im Wesentlichen die Ruheständler die Idee", so Baltzer. Sie kamen so weit, dass nun aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Renovierungs- und Umbauarbeiten beginnen können.

Die Bauleitung übernimmt ehrenamtlich ein 72-jähriger Nachbar von Herrn Otto und Frau Baltzer.

"Immer mehr Menschen erleben eine wachsende Zahl von gesunden Jahren. Sie wollen über ihre Berufsbiografie hinaus gebraucht werden. An dieser Stelle treffen sich die individuellen Bedürfnisse vieler Älterer und die kollektiven Bedürfnisse des Gemeinwesens", sagt Prälat Dr. Bernhard Felmberg.

Er ist Bevollmächtigter des Rats der Evangelischen Kirche Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union.

Pflege kann ohne Laien künftig nicht bewältigt werden

Dahinter steckt zweierlei: Die Gesellschaft braucht ehrenamtliches Engagement mehr denn je. Es steht praktisch fest, dass die wachsenden Aufgaben in der Pflege künftig nicht mehr ohne das Engagement von Laien bewältigt werden können.

Ebenso fest steht aber, dass jeder Mensch davon profitiert, gebraucht zu werden. Das hält fit.

"Die Selbstverantwortung älterer Menschen immer wieder zu würdigen und ihr zum Leben zu verhelfen, ist eine zentrale Aufgabe", sagt der Gerontologe Professor Andreas Kruse. Er appelliert aber auch an die Mitverantwortung Älterer.

Eine ebenso große Aufgabe sei es daher, "dass ältere Menschen sich in sozialen Gemeinschaften engagieren", so Kruse. Wichtig sei jedoch die Frage, wie der öffentliche Raum gestaltet werden könne, damit Ältere, Alte und Hochbetagte sich einbringen können.

Soziale Ungleichheit beachten

Kruse appellierte hier an die Politik, soziale Ungleichheiten nicht zu vernachlässigen.

"Wir fordern in den Altenberichten immer wieder, den Aspekt der sozialen Ungleichheit zu beachten, so dass wir Menschen ermöglichen können, bis ins hohe Alter schöpferisch tätig zu sein", sagte er bei der Eröffnung der Diakonie-Jahreskampagne in Berlin.

Wenige Minuten später ertönt auf der Bühne ein Jazz-Duett aus nur einem Mund. Ruth Hohmann singt in höchster und tiefster Tonlage. Die Stimme der Jazz- und Swing-Sängerin piepst, zwitschert, trällert, brummt und dröhnt durch den Saal.

Ruth Hohmann hat vergangenes Jahr ihr 65-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Sie ist "achtzigeinhalb" wie die Wahlberlinerin sagt.

Und sie will weiter singen, weil es ihr Spaß macht, "solange die Leute nicht sagen, was will denn die Alte da vorn".

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