Ärzte Zeitung, 09.04.2012

Experiment: Weniger Vertrauen in gemischten Kiezen

Ein ungewöhnliches Briefexperiment zeigt, wie unterschiedlich die Gemeinschaft in Nachbarschaften funktioniert.

BERLIN (dpa). Je gemischter und ärmer der Kiez, umso kleiner ist die Solidarität unter den Bewohnern: Zu diesem Ergebnis kommt ein ungewöhnliches Briefexperiment, das Sozialforscher am Wissenschaftszentrum Berlin auf den Straßen der Hauptstadt vornahmen.

2000 frankierte und adressierte Briefe wurden dazu auf Gehwegen in diversen Berliner Kiezen verteilt, so als hätte sie jemand verloren.

"Wie viele würden von Passanten in den Briefkasten gesteckt und so ihr Ziel erreichen?", formulierte die Psychologin Susanne Veit die zentrale Frage.

Ein Teil der Briefe war mit fiktiven Absendern eines islamischen oder eines türkischen Kulturvereins an einen Empfänger mit türkischem Namen adressiert. Ein anderer Teil war mit einer christlichen oder neutralen Stiftung als Absender versehen und an einen fiktiven Empfänger mit deutschem Namen gerichtet.

Anlass zu Optimismus

Das Ergebnis: Insgesamt wurden fast zwei Drittel der Umschläge (63 Prozent) weitergeleitet. Briefe aus Multi-Kulti-Stadtvierteln wie Tiergarten oder Wedding erreichten jedoch seltener ihre Empfänger.

In ärmeren Gegenden der Stadt wie Kreuzberg oder dem Märkischen Viertel wurden weniger Briefe aufgehoben als in bessergestellten, im Ostteil der Stadt weniger als im Westen.

Keine Unterschiede zeigten sich bei der religiösen oder ethnischen Zuordnung der Briefe: Unabhängig davon, von wem sie stammten oder an wen sie gerichtet waren, wurden alle Schreiben gleichmäßig weitergeleitet.

Einzige Ausnahme: Im Osten Berlins landeten weniger Briefe mit dem Absender des islamischen Kulturvereins im Kasten. Fazit: Ethnische Vielfalt und schlechtere soziale Lage schränkten solidarisches Verhalten zwar ein.

Insgesamt gebe die Studie aber auch Anlass zu Optimismus: Ohne jeden privaten Eigennutz seien fast zwei Drittel der Briefe eingeworfen worden. "Auf die lose Gemeinschaft in Nachbarschaften ist insofern Verlass."

Studie: http://tinyurl.com/blsa776

Topics
Schlagworte
Panorama (32715)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Hunde im MRT hygienischer als bärtige Männer

Ist es hygienisch, Hunde in MRT-Scanner zu legen, mit denen primär Menschen untersucht werden? Ja, legt eine Studie nahe: Bärtige Männer bergen höhere Kontaminationsrisiken. mehr »

Starke Konzentration wird im Fall Valsartan zum Klumpenrisiko

Noch ist die Risikobewertung im Fall Valsartan nicht abgeschlossen. Aber der Vorgang zeigt die Risiken der starken Marktkonzentration. mehr »

Die Gesundheit der Bombenkinder

Seit Jahrzehnten berichten viele Hibakusha – so nennt Japan seine Atombombenopfer – regelmäßig vor Schülern und Interessierten aus dem In- und Ausland von dem Grauen, das sie und ihre Angehörigen erlebten. mehr »