Ärzte Zeitung, 24.04.2012

Museumsbesucher und ihre Herzfrequenz

Mit welchen Gefühlen gehen Menschen durch ein Museum? Was brauchen sie für den Kunstgenuss? Kulturwissenschaftler Martin Tröndle ist diesen Fragen auf den Grund gegangen. Seine Ergebnisse könnten die Museumswelt zum Nachdenken bringen.

Von Kathrin Streckenbach

Museumsbesucher und ihre Herzfrequenz

Ein Kunstobjekt und viele Besucher: Städel Museum in Frankfurt am Main.

© Rumpenhorst / dpa

FRIEDRICHSHAFEN. Mit einem schlichten "gefällt mir" gibt sich Kulturwissenschaftler Martin Tröndle nicht zufrieden. Er wollte genau wissen, was in Museumsbesuchern vorgeht.

Dafür maß der Juniorprofessor der Zeppelin Universität in Friedrichshafen ihre Herzfrequenz, die Leitfähigkeit ihrer Haut und ihre Gehwege bei der Begegnung mit Kunst.

"Viele Grundannahmen im Museumsbetrieb, die bis heute gelten, sind kaum haltbar", zog er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sein Resümee.

So handelten viele Museen nach der Devise: Je mehr Besucher, desto besser die Ausstellung. Seine Untersuchung habe aber bestätigt, dass Kunstbesucher Ruhe brauchen, sagt Tröndle. "Menschen, die sich beim Betrachten der Werke unterhalten, bekommen signifikant weniger davon mit."

Viele Museen müssten deshalb ihre Konzeptionen neu überdenken. "Einerseits müssen sie dem sozialen Bedürfnis der Besucher gerecht werden, andererseits aber auch den Werken zu ihrer Wirkung verhelfen."

Als gelungenes Beispiel nannte der Wissenschaftler den Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der Biennale in Venedig 2011: "Der Kurator Vasif Kortun hatte ein kluges Design umgesetzt." Er sorgte mit Trennwänden zwischen den Kunstwerken dafür, dass die Aufmerksamkeit der Besucher viel stärker auf das einzelne Kunstwerk gelenkt wurde.

Das seien die Anfänge für das Museum der Zukunft. "Es muss darum gehen, wie man die Ökonomie der Aufmerksamkeit im Museum des 21. Jahrhunderts neu organisiert."

Vorwissen nicht so wichtig

Tröndles Untersuchungen räumen auch mit einem anderen Vorurteil auf: Dass Kunst nur von denen genossen werden kann, die etwas davon verstehen. Das sei nur bedingt richtig, stellt der 40-Jährige klar.

"Das Vorwissen hat einen deutlich geringeren Einfluss auf das Kunsterleben als angenommen. Der wenig Wissende erfährt Kunst sehr ähnlich wie der Kenner."

Für seine Forschung hatte Tröndle im Jahr 2009 mit einem internationalen Team 576 Besucher des Kunstmuseums St. Gallen befragt und mit Datenhandschuhen ausgestattet, die verschiedene Körperfunktionen aufzeichneten. "Dadurch können wir genau nachvollziehen, welche körperliche Auswirkung Kunst auf den Menschen hat", erläuterte der Wissenschaftler.

Im Schnitt bleibe der Betrachter elf Sekunden vor einem Werk stehen. Einzelne Werke seien allerdings besonders anziehend. So löste beispielsweise das Werk "Campbell Soup" von Andy Warhol ein regelrechtes Feuerwerk bei den Besuchern in St. Gallen aus - "das waren ausschlagende physiologische Reaktionen."

Die Auswertung der Messungen dauerte, bedingt durch die schiere Datenmenge, fast drei Jahre. (dpa)

Topics
Schlagworte
Panorama (33270)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

In welchem Alter die Lust an Bewegung schwindet

Kinder bewegen sich viel, rennen und toben gerne. Das ändert sich, wenn sie älter werden. Bislang dachte man, dass der Wandel mit der Pubertät einsetzt – doch weit gefehlt. mehr »

Alle vier Stunden ein Arzt weniger

Die Produktivität in der ambulanten Versorgung sinkt, warnt die KBV und macht darauf mit einer "Arztzeituhr" in ihrem Gebäude aufmerksam. Der Trend habe mehrere Gründe. mehr »

Wenn Männer mehr als zwei Hoden haben

Überzählige Hoden sind meist asymptomatisch. Bei einem jungen Mann mit akutem Skrotum machten australische Urologen jetzt einen überraschenden Zufallsbefund. mehr »