Ärzte Zeitung, 19.07.2012

Hausarzt der Schwerverbrecher

Er hat ein prägnantes Gesicht, das man kaum vergisst: Gefängnisarzt Joe Bausch ist beim "Tatort" Pathologe. Seine Erfahrungen in der JVA hat er nun aufgeschrieben.

Von Pete Smith

Mediziner, Schauspieler und Hausarzt der Schwerverbrecher

Im Innenhof der JVA Werl: Hier arbeitet Joe Bausch seit 1986. Über das Leben im Knast hat er ein Buch geschrieben.

© Smith

Das Leben im Knast ist erbarmungslos. Joe Bausch weiß das aus eigener Anschauung und nimmt in seinen Schilderungen kein Blatt vor den Mund.

"Hier steckst du knöcheltief in der Scheiße, bist konfrontiert mit einer Realität, die dir alles abverlangt. Im Gefängnis ist alles existenziell."

Das gilt auch für ihn, den Gefängnisarzt, dem die Zustände hinter Gittern mitunter an die Nieren gehen, der aber nie müde wird, die Probleme anzusprechen und für eine Lösung zu streiten.

Seit einem Vierteljahrhundert ist der Regierungsmedizinaldirektor Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff Hausarzt der Terroristen und KZ-Wärter, Mörder, Totschläger, Vergewaltiger, Erpresser und Kinderschänder.

Seine Erfahrungen hat er nun zu Papier gebracht. "Knast" lautet der Titel seines Buchs, das seinen Alltag in der Justizvollzugsanstalt Werl beschreibt.

Schwere Jungs? In der Knastpraxis ist er der Chef

Natürlich prangt Joe Bauschs Konterfei auf dem Cover. Ein Charakterkopf mit Glatze und Schnauzbart, in dem so mancher Fernsehzuschauer den Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth wiedererkennt.

Den gibt Bausch, in seinem zweiten Leben als Schauspieler, im Kölner "Tatort", wo er seinen Kollegen, den Kommissaren Schenk und Ballauf, auch schon mal die Leviten liest.

Mediziner, Schauspieler und Hausarzt der Schwerverbrecher

Joe Bausch: Knast. Ullstein Hardcover Verlag. Berlin 2012. 19,99 Euro

Der Gefängnisarzt Bausch macht das auch. Egal, wie schwer seine Jungs auch sind, in seiner Knast-Praxis ist er der Chef.

Joe Bausch wurde 1953 in Ellar, einem kleinen Dorf im Westerwald, geboren. Auf dem elterlichen Hof kam er erstmals mit Zuchthäuslern in Kontakt, die der Familie regelmäßig bei der Ernte halfen.

"Gebrochene Biografien", wie er sie nennt, die ihn nie losließen und als Arzt und Schauspieler fesselten. An den Unis Köln und Marburg studierte Bausch zunächst Theaterwissenschaften, Politikwissenschaft, Germanistik und Jura, bevor er an die Universität Bochum wechselte und ein Medizinstudium aufnahm.

1985 absolvierte er sein Examen, ein Jahr später erhielt er eine Anstellung als Gefängnisarzt der JVA Werl, mit 900 Insassen und 450 Angestellten eine der größten Haftanstalten Deutschlands.

Als Hausarzt der Schwerverbrecher behandelt Joe Bausch rund 50 Patienten am Tag. Patienten mit Diabetes und Bluthochdruck, mit Haut- und Atemwegserkrankungen, mit Hepatitis, HIV und mitunter auch Malaria oder Bilharziose.

Ein großes Problem seien Depressionen, so Bausch. In seinen 25 Jahren als Gefängnisarzt habe er schon 50 Suizide erlebt.

Gefährdet sind vor allem die Untersuchungshäftlinge, die zwar nur 18 Prozent der Häftlinge stellen, aber für 60 Prozent der Selbsttötungen verantwortlich sind.

Bausch ist für viele Insassen auch Seelsorger. Ihm gestehen sie ihre Ängste, ihre Träume, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Als Gefängnisarzt untersteht er der Schweigepflicht, was auch dann gilt, wenn ihm ein Insasse eine Straftat gesteht, für die er nie verurteilt wurde.

Über Haftbedingungen will er auch künftig streiten

In der Praxis entscheidet Bausch darüber, wer krank oder arbeitsfähig ist, wem eine wärmere Decke, eine härtere Matratze oder eine spezielle Nahrung zusteht und wem die Unterbringung in einer Gemeinschaftszelle auf keinen Fall zugemutet werden kann.

In "Knast" redet Bausch Klartext. Er schildert die Enge der Zellen, den scharfen Geruch, die Hackordnung unter den Häftlingen, die Gewalt und Schikanen, das ständige Misstrauen und dessen Ursachen, Denunziantentum und Gerüchte, den Drogenkonsum und die Prostitution.

Dass auch er vor Anfeindungen nicht gefeit ist, bleibt nicht aus, schließlich gibt es im Knast keine freie Arztwahl: "Strafanzeigen gehören da zum Alltag", so Bausch.

Über die Milieu-Schilderungen hinaus erhält der Leser jedoch auch einen Einblick, wie sich der Alltag hinter Gittern seit den 1980er Jahren verändert hat.

Damals, so Bausch, seien die Haftbedingungen noch von den autoritären Strukturen der Nachkriegszeit geprägt gewesen.

Erst jüngere Ärzte seiner Generation, aber auch die Hungerstreiks der RAF-Terroristen hätten schließlich eine Diskussion angestoßen, die zu einem humaneren Maßregelvollzug führten.

Trotz der Reformen gebe es noch viel zu verbessern, meint Bausch. Dafür will er auch künftig streiten.

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