Ärzte Zeitung online, 02.08.2012

Olympia

Wer gewinnt die 100 Meter - und warum?

Dabei sein ist alles - dieses Motto bei Olympia gilt jedenfalls nicht für den Jamaikaner Usain Bolt. Er möchte in London seinen Olympiasiegen von 2008 mindestens einen vierten hinzufügen. Kann er das schaffen? Eine physiologische Betrachtung.

Wer gewinnt die 100 Meter und warum?

Usain Bolt für vier Jahren in Peking: Schafft er in London wieder einen Rekord?

© JIM / Camera 4 / imago

NEU-ISENBURG (rb). Der Läufer Usain Bolt hält mit 9,58 Sekunden den derzeitigen Weltrekord über die 100-Meter-Distanz.

Vor vier Jahren in Peking gewann er drei Goldmedaillen: Er war Schnellster über die 100 und 200 Meter, zudem siegte er mit der jamaikanischen 4 x 100-Meter-Staffel.

Beim Weltrekordlauf hatte Bolt eine Höchstgeschwindigkeit von 44,7 km/h erreicht.

Welche physiologischen Voraussetzungen für solche Leistungen gegeben sein müssen, ist kürzlich von französischen Forschern um Jean-Benoit Morin von der Université Jean Monnet in Saint-Etienne untersucht worden (Eur J Appl Physiol 2012; online im März).

Unter den 13 Testpersonen befand sich auch Christophe Lemaitre, Europameister im 100-Meter-Lauf von 2010 und nebenbei der erste und bisher einzige Weiße, der mit einer Zeit von 9,92 Sekunden unter der 10-Sekunden-Marke geblieben ist.

Leistung korreliert mit der Schrittfrequenz

Wie die Franzosen herausfanden, korreliert die Schrittfrequenz positiv mit den Leistungen über 100 Meter, während längerer Bodenkontakt und längere Schrittdauer einer guten Endzeit eher hinderlich sind.

Mitentscheidend sind offenbar ein hoher Wert der maximal und durchschnittlich verfügbaren Kraft und die Fähigkeit, den Kraftaufwand in horizontale Geschwindigkeit umzusetzen.

Interessanterweise haben anthropometrische Parameter wie der Body-Mass-Index oder das Verhältnis von Beinlänge zu Körpergröße laut den Resultaten der Studie keinen Einfluss auf die Leistungen.

Usain Bolt ist zweifellos ziemlich gut darin, seine Kraft in horizontale Geschwindigkeit umzusetzen. Ohne eine entsprechende genetische Grundausstattung ist das kaum zu bewerkstelligen.

Offenbar spielen dabei bestimmte Allele des ACTN3-Gens eine besondere Rolle ("Ärzte Zeitung Online" berichtete). Zudem sind die Sprintergene wohl ungleich zwischen Schwarz und Weiß verteilt.

Der letzte Olympiasieg eines weißen 100-Meter-Läufers datiert vom Jahr 1980, als der Brite Allan Wells das Rennen bei den Sommerspielen in Moskau gewann. Allerdings waren damals eine Reihe von Weltklassesprintern wegen des Olympiaboykotts der USA und vieler ihrer Bündnispartner nicht am Start.

Auch der Russe Waleri Borsow und der Deutsche Armin Hary waren weiß. Doch ihre Olympiasiege von 1972 beziehungsweise 1960 liegen ebenfalls schon ein paar Jahre zurück.

Sprinter sind schneller als Wissenschaft vorhersagt

Die Sprinter sind jedenfalls schneller als die Wissenschaft ihnen zutraut. Dies geht aus den Versuchen hervor, künftige sportliche Höchstleistungen auf wissenschaftlich exakter Basis zu prognostizieren.

Beispielsweise erschien im Jahr 1989 (damals stand der Weltrekord über 100 Meter bei 9,92 Sekunden) eine Studie zweier kanadischer Physiker, die mit weit geöffnetem mathematischem Werkzeugkasten künftige 100-Meter-Zeiten zu berechnen trachteten (J Appl Physiol 1989; 67: 453-65).

In die Kalkulationen flossen etwa 40 verschiedene Faktoren ein, darunter die anaerob-metabolische Kapazität, die basale metabolische Rate und die Differenz zwischen maximaler Sauerstoffaufnahme und der Aufnahme in Ruhe.

Den beiden Physikern gelang es tatsächlich, eine Zeit von 9,58 Sekunden über 100 Meter, die den derzeitigen Weltrekord markiert, vorauszusehen - allerdings erst fürs Jahr 2028.

Gelaufen ist Bolt sie knapp 20 Jahre früher, am 16. August 2009 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin.

Die Forschung lässt sich durch solche Irrläufe indes nicht entmutigen. In einer aktuellen Untersuchung, die sich mathematisch ebenfalls auf der Höhe der Zeit zeigt, beschäftigt sich Filippo Radicchi von der Universität in Tarragona, Spanien, mit den für London 2012 zu erwartenden Zeiten.

Dafür lässt er die Verteilung vergangener Leistungszuwächse von Medaillengewinnern in eine Exponentialfunktion einfließen (PLoS ONE 2012; 7: e40335). Hiernach wären bei den Londoner Spielen im 100-Meter-Lauf der Männer eher keine Sensationen zu erwarten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der 100-Meter-Weltrekord fällt, taxiert Radicchi auf 30 Prozent. Die Siegerzeit liegt rechnerisch bei 9,63 ± 0,13 Sekunden.

Um wenigstens eine Fifty-fifty-Chance auf eine Zeit unter 9,50 Sekunden zu haben, müsste die Welt noch bis 2020 ausharren.

Bolt selbst hatte es im Frühjahr dieses Jahres für möglich gehalten, sogar eine Zeit von 9,40 Sekunden zu laufen. Derzeit fühlt er sich, wie er "BBC Sport" sagte, aber nur zu 95 Prozent fit.

Schuld sind Probleme mit dem Rücken und der ischiokruralen Muskulatur. Ob er schnell genug ist, um auch Radicchis Vorhersagen zu widerlegen, werden die nächsten Tage zeigen - der Endlauf der Olympischen Spiele über 100 Meter ist für Sonntag, den 5. August angesetzt.

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[03.08.2012, 14:29:09]
Dr. Horst Grünwoldt 
Schnellkraft
Der 100m-Sprint-Wettbewerb ist sicher nur deshalb so spannend, weil die Entscheidung -wer ist Sieger geworden?- (meistens) am Ende/im Ziel so knapp ist. Usain Bolts hat aufgrund körperlicher Vorteile den Kurzstreckenlauf in der Olympiade (d.i. die Zeitspanne zwischen zwei Olympischen Spielen beherrscht, wie kein Sprinter vor ihm.
Daß auch er nicht von "Weh-Wehchen" oder ernsthaften Verletzungen verschont bleibt, entschuldigt auch ein paar Niederlagen in jüngster Zeit.
Nun versuchen die Genetiker die Schnellauf-Fähigkeit auf ein paar Erbanlagen, zu reduzieren, obwohl seit längerem bekannt ist, daß es dunkel- und hellhäutige Menschentypen gibt, die vermehrt Schnellkraft-Muskelfasern haben und andere den funktional langsameren Ausdauertyp darstellen. Natürlich spielen dabei auch genetisch veranlagte enzymatische Reaktionen in der Muskulatur eine entscheidende Rolle, wie amerikanische Sportwissenschaftler schon nach dem 8,92 m-"Satz" von Bob Beamon 1968 in Mexico-City festgestellt haben. Das ist ja -wie wir von dunkelhäutigen Sprintern aus Jameika und den USA oder den Ausdauertypen Ostafrikas wissen- unabhängig vom menschlichen Rassetypus.
Tasächlich haben in den 60er und 70er Jahren die europäischen
Ausnahmetalente Armin Hary und Valerie Borsow die kurze Distanz auch gegen Afro-Amerikaner dominiert, so wie unsere grandiosen Renate Stecher, Annegret Richter und Marita Koch mit ihrer Grundschnelligkeit in den 70er und 80ern farbige Läuferinnen über ein- bis vierhundert Meter Sprintdistanzen in Schach gehalten haben.
Dabei sind der 200 resp. 400 m- Sprint bezüglich die physische und mentale Leistungsfähigkeit des Athleten/-in eigentlich viel interessanter ist, weil der Einlauf so gut wie nie ein "jeux de hazard" ist und die Distanz i.d.R. viel selektiver zwischen dem/der Stärksten und dem Rest gelaufen wird.
Usain Bolt wird wohl mit seinen Anlagen die Olympischen 200 m auch 2012 in London gewinnen. Im 100 m -Endlauf ist das aber noch nicht entschieden, weil da auch noch ein Blake und Gatwin am Start sind...
Was die unsinnigerweise in "Doping"-Verdacht geratenen Jamaikaner anbelangt, so ist gewiß neben dem angeborenen und austrainerten Läufertalent -wie auch bei den ostafrikanischen Langstrecklern- die Riesenmotivation einer lukrativen Sportkarriere, der Haupt-"Bewegungs"-Grund für die bewunderswerten Leistungen.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (ein alter Sportfreund) aus Rostock zum Beitrag »

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