Ärzte Zeitung, 11.10.2012
 

Baumgartners Schallmauer-Sprung

Eine medizinische Betrachtung

Der Extremsportler Felix Baumgartner will sich aus 36 Kilometern Höhe in die Tiefe stürzen - und die Schallmauer durchbrechen. Die möglichen Folgen: Erblindung und eine Arm-Amputation.

Von Beate Schumacher

Im freien Fall durch die Schallmauer - wird Extremsportler die Druckwelle überleben?

Felix Baumgartner in Roswell nach dem Abbruch seines ersten Startversuchs: "Das Glück war nicht auf meiner Seite."

© Balazs Gardi / Red Bull / dpa

ROSWELL. Der Österreicher Felix Baumgartner ist professioneller B.A.S.E-Jumper - bisher machte er durch spektakuläre Sprünge von Gebäuden (B für Building), Antennen (A für Antenna), Brücken (S für Span) oder Klippen (E für Earth) auf sich aufmerksam, zum Beispiel vom Petrona Tower in Kuala Lumpur oder vom Viaduc von Millau, der höchsten Brücke der Welt.

Doch die Welt ist ihm nicht mehr genug. Mit einem Sprungplatz in der Stratosphäre will er nun so hoch hinaus wie kein anderer vor ihm.

Wenn das Wetter mitspielt, wird er am Sonntag im US-Bundesstaat New Mexico seinen Rekordsprung wagen. Am Dienstag war ein erster Versuch wegen zu starken Windes abgeblasen worden.

Auf den Sprung hat sich der 43-Jährige mit einem großen Team aus Ingenieuren, Raumfahrtexperten und Ärzten seit fünf Jahren vorbereitet.

Zum Schutz gegen Kälte, geringen Luftdruck und Wind wird er einen in der Raumfahrt üblichen Druckanzug mit Sauerstoffflaschen tragen.

In einer Kapsel, die an einem Heliumballon befestigt ist, wird er in den Himmel aufsteigen - bis auf gut 36 Kilometer Höhe, wo das Helium keinen weiteren Auftrieb bietet. Hier wird Baumgartner die Kapsel öffnen und sich in die Tiefe stürzen.

Gefahr der Bewusstlosigkeit

Nach ungefähr 30 Sekunden im freien Fall soll er mit einer Geschwindigkeit von 1100 Stundenkilometern Richtung Erde rasen - und damit als erster Mensch außerhalb eines Flugzeugs die Schallmauer durchbrechen.

"Was dabei passieren wird, lässt sich nicht vorhersagen", sagte Professor Rupert Gerzer, Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin (DLR) in Köln, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Beim Durchbrechen der Schallmauer werde es eine Druckwelle geben, die Baumgartners Körper zusammendrücken oder auch einen Arm herausreißen könne.

Um das zu verhindern, müsse Baumgartner aerodynamisch günstig, "möglichst wie ein Pfeil", durch die Luftwand fliegen.

Nach weiteren fünf Minuten im freien Fall wird Baumgartner dann, wenn alles nach Plan läuft, auf einer Höhe von 1,5 Kilometern seinen Fallschirm öffnen. Sollte er dazu nicht in der Lage sein, wird der Fallschirm automatisch aufgehen.

Außer der Schallmauer können nämlich auch starke Windböen in der Stratosphäre dem Österreicher gefährlich werden. "Wenn Baumgartner ins Trudeln gerät, ist das wie in einer Zentrifuge", sagt Gerzer.

Je nachdem, wohin das Blut gepresst wird, kann es zur Unterversorgung des Hirns oder auch zur Erhöhung des Hirndrucks und dadurch zu Bewusstlosigkeit und Erblindung kommen.

Nur eine 50-50-Chance?

Kritisch ist nach Einschätzung von Gerzer auch der Moment, wenn der Fallschirm sich öffnet und starke Bremskräfte wirksam werden.

Angesichts solcher Risiken drängt sich die Frage nach der Motivation für dieses Wagnis auf.

In einem Interview sagte Baumgartner jüngst: "Ich wollte schon immer an der Spitze stehen. Mein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, dort hinzukommen. Aber je höher du kommst, desto tiefer fällst du. Davor fürchten sich die meisten Leute. Ich nicht."

Wenn alles gut geht, wird Baumgartner mit seinem Sprung gleich mehrfach an der Spitze stehen: Er hält dann den Rekord für den höchsten Ballonflug, den längsten freien Fall und den schnellsten freien Fall.

Wie stehen die Chancen, dass Baumgartner seinen tiefen Fall unversehrt übersteht? Laut Gerzer ist "theoretisch alles machbar".

Immerhin wurde ja schon im Jahr 1960 ein Sprung aus 31 Kilometern Höhe erfolgreich absolviert, damals von Joseph Kittinger, der nun auch Mitglied von Baumgartners Team ist.

Weniger zuversichtlich äußerte sich jedoch Wolfgang Köstler von der Wiener Akademie für Flugmedizin. Gegenüber österreichischen Medien sagte er, Baumgartner habe lediglich eine 50-prozentige Chance, dass alles glattgehe.

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