Ärzte Zeitung, 09.01.2013
 

Rechtsmediziner und Autor

Tsokos' Leidenschaft für knifflige Fälle

Michael Tsokos ist Leiter des Institutes für Rechtsmedizin an der Charité - und Autor. Nach einigen Sachbüchern hat er jetzt an einem Thriller mitgeschrieben.

Von Pete Smith

Tsokos' Leidenschaft für knifflige Fälle

Michael Tsokos plant derzeit auch ein Format für eine TV-Sendung.

© FINEPIC

FRANKFURT. Er ist Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner und hat auch nach 20 Jahren jeden Tag Spaß an seinem Beruf: Professor Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité, ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem als Sachbuchautor bekannt.

In "Dem Tod auf der Spur" (2009) und "Der Totenleser" (2010) schlüsselt er spektakuläre Fälle der Rechtsmedizin auf - mit großem Erfolg. Jetzt hat er mit Bestseller-Autor Sebastian Fitzek einen Thriller geschrieben: "Abgeschnitten".

Tsokos' Mutter ist eine deutsche Ärztin

Michael Tsokos wurde 1967 als Sohn eines griechischen Schiffsoffiziers und einer deutschen Ärztin in Kiel geboren.

Dass er sich nach Abitur und Wehrdienst für ein Studium der Medizin entschied, habe wenig mit dem Beruf seiner Mutter zu tun gehabt, denn deren Tätigkeit als Leiterin des Gesundheitsdienstes in Kiel habe ihn wenig inspiriert.

"Meine Mutter war sogar am meisten überrascht, als ich mich für Medizin einschrieb, und noch überraschter, als alles so gut lief."

Tsokos ist ein begeisterungsfähiger Mensch, eine Eigenschaft, die sich schon während seines Studiums (1988 bis 1995) offenbarte. Wollte er anfangs noch Anatom werden, so fesselten ihn sowohl die Neurologie als auch die Urologie und die Innere.

"Im letzten Semester folgte die Rechtsmedizin - da hat es dann Klick gemacht.""Da habe ich gedacht, hier läuft alles zusammen, hier fühle ich mich aufgehoben, das kann ich auch Jahrzehnte ausüben, ohne das es langweilig wird."

Rechtsmedizin, so Tsokos, sei eben sehr viel facettenreicher als das, was "Tatort" oder andere Filme daraus machten. "Wir arbeiten ja nicht nur mit den Toten, sondern auch mit den Lebenden."

Liegt tatsächlich ein Sexualdelikt vor, oder hat sich das vermeintliche Opfer selbst verletzt? Ist die Verletzung eines Kleinkinds Folge eines Schütteltraumas oder, wie von den Eltern behauptet, Folge eines häuslichen Sturzes?

"Manchmal nimmt ein Fall eine ganz überraschende Wendung", erzählt Tsokos, "manchmal tun sich menschliche Abgründe auf. Beispielsweise wenn ich das Opfer eines Sexualmords oder eines Serienkillers untersuche".

Flexibilität und Unvoreingenommenheit seien dabei die wichtigste Maxime. "Denn als Rechtsmediziner bin ich nicht nur Arzt und Naturwissenschaftler, sondern muss auch detektivisches Gespür entwickeln."

2009 erschien "Dem Tod auf der Spur"

Tsokos‘ Gespür hat ihn zu einem der renommiertesten Rechtsmediziner Deutschlands gemacht. Noch vor seiner Habilitation 2001 in Hamburg half er im Auftrag des Bundeskriminalamtes 1998 und 1999 in Bosnien und im Kosovo bei der Identifizierung von Leichen aus Massengräbern.

2004 und 2005 war er an der Identifizierung der deutschen Tsunami-Opfer in Thailand beteiligt. Für diese aufreibende Arbeit erhielt er von der Bundesregierung eine Dankesurkunde und vom Burda-Verlag einen Bambi.

Seit Januar 2007 leitet Tsokos das Institut für Rechtsmedizin der Charité und ist darüber hinaus Direktor des Instituts für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin.

Als Rechtsmediziner sei er, egal wo er Menschen begegne, immer Exot. "Wenn ich Schulfreunde wiedertreffe oder Fremde kennenlerne, sind die Leute schon nach kurzer Zeit begeistert, für viele klingt das, was ich tue, unglaublich."

Immer wieder hätten ihn Menschen aufgefordert, seine Erlebnisse doch aufzuschreiben. Schließlich habe er gedacht: "Warum eigentlich nicht? Fälle genug hast du ja, und wenn man die spannend aufbereitet."

Außerdem hatte er schon lange vor, einige der Mythen, die rund um sein Fach kursieren, zu entzaubern. "Dem Tod auf der Spur" wurde 2009 sein erstes populärwissenschaftliches Werk.

Bereits ein Jahr später folgte die nächste Sammlung spektakulärer Fälle aus der Rechtsmedizin: "Der Totenleser".

Rechtsmedizinische Details eingeflochten

Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

Abgeschnitten. Droemer Verlag. München 2012. 400 Seiten. 19,99 Euro. ISBN 978-3-426-19926-8

Als Gast der MDR-Literatursendung "Fröhlich lesen" lernt Michael Tsokos 2009 den Thriller-Autor Sebastian Fitzek kennen. Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch -  bald war die Idee eines gemeinsamen Buches geboren.

Tsokos hatte gar schon einen Plot im Kopf: In seiner Zeit als Rechtsmediziner in Hamburg war er auch für Helgoland zuständig. Er sollte dort eine Leiche untersuchen, doch aufgrund eines Orkans war die Insel nicht zu erreichen.

"Da habe ich überlegt, was ich machen würde, wenn ich das Obduktionsergebnis dringend bräuchte." Seine Antwort: "Ich würde den Polizeichef auf Helgoland anrufen und ihm per Telefon Instruktionen erteilen, wie er die Spuren an der Leiche sichert."

Das ist die Grundidee des Thrillers "Abgeschnitten", den Michael Tsokos und Sebastian Fitzek vor wenigen Monaten gemeinsam vorgelegt haben. Acht bis zehn Monate lang entwickelten die beiden Autoren den Plot und die Figuren. Dann legten sie los.

"Geschrieben hat Fitzek, es ist sein Stil", so Tsokos. "Ich habe die rechtsmedizinischen Details eingeflochten."

Faible fürs Fernsehen entdeckt

Langeweile bleibt für Michael Tsokos auch künftig ein Fremdwort. Im März nächsten Jahres erscheint "Die Klaviatur des Todes", sein drittes Sachbuch.

Es schließt an seine beiden Vorläufer an, behandelt darüber hinaus jedoch noch weitere Aspekte der Rechtsmedizin, etwa den Einsatz der Computertomografie, die Blutspurenanalyse und Vergiftungen durch Kohlenmonoxid.

Nachdem Tsokos in diesem Sommer mit dem Forensik-Special "Suche nach Mister X" im "National Geographic Channel" auch als Moderator debütierte, hat er sein Faible fürs Fernsehen entdeckt. Zurzeit entwickelt er das Format für eine spezielle Literatursendung.

Und schließlich ist da ja noch sein eigentlicher Beruf. Oder sollte man sagen: seine Berufung? Für Tsokos ist die Rechtsmedizin der schönste Beruf der Welt.

"Auch wenn ich im Lotto gewinnen würde oder reich erbe, ich würde trotzdem jeden Morgen um sieben Uhr ins Institut gehen und meine zwölf, vierzehn Stunden dort arbeiten."

Warum? "Weil es einfach nichts Spannenderes gibt."

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[18.02.2014, 12:49:31]
Prof. Dr. Andreas Unkelbach 
Er ist eine Bereicherung für die Rechtsmedizin an der Charité
Lieber Michael, mach weiter so! zum Beitrag »

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