Ärzte Zeitung, 01.02.2013

Mehr Rente gefordert

Mangelnde Hilfe für Contergan-Geschädigte

Um die Geschädigten aus der Contergan-Affäre steht es nicht gut. Forscher aus Heidelberg sind jüngst zu dem Schluss gekommen: Die Betroffenen benötigen mehr Hilfe.

contergan-A.jpg

Dose mit Geschichte.

© Stefan Puchner / dpa

HEIDELBERG. Ein Drittel der Contergan-Geschädigten kann nach den Umfragen des Gerontologischen Instituts der Universität Heidelberg nicht mehr arbeiten - Tendenz steigend.

"Bei den meisten Contergangeschädigten zeichnet sich eine rasche Zunahme degenerativer und entzündlicher Veränderungen sowie schwerer chronischer Schmerzzustände ab", warnen die Experten in einer Studie, die im Auftrag der Bundesregierung erstellt wurde.

Ein hoher Anteil derjenigen, die noch arbeiteten, werde in den kommenden Jahren gezwungen sein, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.

Doch damit nicht genug: Die staatliche Rente in Höhe von derzeit - je nach Schweregrad der Erkrankung - maximal 1152 Euro sei zu knapp bemessen, kritisiert die Studie. Jeder Dritte der Befragten zahle zum Beispiel Physiotherapie oder Hilfsmittel aus eigener Tasche.

Zahnimplantate müssen die Betroffenen ebenfalls weitestgehend selbst übernehmen. Dabei ersetzt das Gebiss bei vielen die Hände. Mit den Zähnen öffnen sie Flaschen oder tragen Gegenstände.

"Da die gesetzlichen Krankenkassen nicht verpflichtet sind, die Implantate zu finanzieren, sollten diese Kosten anderweitig erstattet werden", schlagen die Gerontologen vor.

Und noch von einem weiteren Problem sprechen sie: Den Betroffenen würde zunehmend die Hilfe durch Eltern und Angehörige wegbrechen.

Verdoppelung der Rente?

"Partner oder Eltern kommen selbst in die Jahre und fallen aus", weiß Ilonka Stebritz, Sprecherin des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V. Die Betroffenen seien aber im Alter zunehmend auf fremde Hilfe angewiesen.

Im Auftrag der Bundesregierung haben die Heidelberger Forscher zwischen 2010 und 2012 den tatsächlichen Bedarf der Contergangeschädigten an unterstützenden Leistungen ermittelt. 2700 Betroffene wurden angeschrieben, 900 davon füllten den Fragebogen aus. 270 davon wurden zusätzlich persönlich befragt.

"Die Studie bestätigt die von uns festgestellte Unterversorgung", sagt die Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigter Margit Hudelmaier.

Außerdem treten durch die jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule, Muskulatur und Gelenken bei den contergangeschädigten Menschen vermehrt Spät- und Folgeschäden wie Arthrose auf.

Die Vorsitzende des Bundesverbandes und die Heidelberger Forscher nehmen nun die Bundesregierung in die Pflicht.

"Die Conterganrente bildet ein zentrales Instrument zur finanziellen Sicherung. Mehr als 50 Prozent der Befragten haben angegeben, dass sie ohne Conterganrente die finanzielle Unabhängigkeit nicht aufrechterhalten könnten, zusammen mit der Conterganrente können dies nach eigenen Angaben 35 Prozent nicht", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Erste Stimmen zu dem Bericht gibt es von der SPD. Die Bundestagsabgeordnete Christel Humme kann sich sogar eine Verdoppelung der Rente vorstellen.

"Die Geschädigten müssen genügend Geld haben, um Pflege und Hilfe einkaufen zu können", forderte Humme im Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk. (mm)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. mehr »

Bessere TSVG-Regelungen in Sicht?

Die großen Brocken wie die Aufstockung der Mindestsprechstundenzahl will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht anfassen. Eine Nummer kleiner können die Ärzte aber wohl mit Änderungen am TSVG rechnen. mehr »

Daran starb Karl der Große

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Sein großes Reich erstreckte sich von der Elbe bis Spanien. Am Ende könnte eine Lungenentzündung den mächtigsten Mann des Mittelalters niedergestreckt haben, mehr »