Ärzte Zeitung, 19.04.2013
 

Vor 70 Jahren

Die Geburtsstunde von LSD

Bunte Bilder, Fantasiegestalten, umherfliegende Möbel: Diese Eindrücke erlebte Albert Hofmann am 19. April 1943. Zuvor hatte er eine neue Substanz an sich selbst getestet - es war LSD.

Die Geburtsstunde von LSD

Wer hat's erfunden? Bei LSD war das Albert Hofmann.

© Patrick Straub / epa / dpa

BASEL. Heute vor genau 70 Jahren gab es weltweit den ersten LSD-Trip. Die Wirkung der Substanz, die Albert Hofmann vor 70 Jahren im Labor der Basler Pharmafirma Sandoz einnahm, war gewaltig.

Er erlebte einen "Rausch fantastischer Wahrnehmungen". Später wurde Lysergsäurediethylamid (LSD) die "Wunderdroge" der Hippies.

Anhänger von LSD feiern den 19. April selbst heute noch vereinzelt als "Bicycle Day" (Fahrradtag). Obwohl die Substanz längst verboten ist und Bewusstseinsforscher wegen der potenziell in den Wahnsinn treibenden Wirkung von einer "Atombombe des Geistes" warnten.

Enorme Popularität erlangte der Stoff, den Hofmann mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges aus dem Getreidepilz Mutterkorn (auch Tollkorn oder Roter Keulenkopf) erzeugt hatte, durch die Popkultur der Flower-Power-Bewegung der 60er Jahre.

Etliche Stars der Szene experimentierten mit LSD. Zum Guru der Modedroge wurde der US-Psychologe und Harvard-Professor Timothy Leary, der ihre "bewusstseinsläuternde Wirkung" pries und die Freigabe forderte. Der Schriftsteller Aldous Huxley ("Schöne neue Welt") ließ sich LSD 1963 noch ans Sterbebett bringen.

CIA und KGB nutzen LSD

Auch der Maler Andy Warhol soll sich mit Acid (Säure), wie der Stoff damals weithin genannt wurde, die Horizonte vor dem geistigen Auge erweitert haben. Live-Aufnahmen der Doors sollen erst nach dem LSD-Lutschen so richtig schön rauschhaft ausgefallen sein.

Brian Wilson von den Beach Boys, Jefferson Airplane und natürlich Jimi Hendrix werden zu den frühen Acid-Anhängern gezählt.

John Lennon mochte noch so oft dementieren: Fans sahen im Beatles-Song "Lucy in the Sky with Diamonds" wegen des psychodelisch anmutenden Textes und des mit LSD abkürzbaren Titels eine Hymne auf die Hofmann-Droge, von der schon ein paar Millionstel Gramm die Sinnesorgane aufpeitschen.

Lange vor den Blumenkindern in San Francisco hatte der US-Geheimdienst CIA mit LSD experimentiert, das von 1949 an für einige Jahre von Sandoz zur psychiatrischen Behandlung unter der Bezeichnung "Delysid" vertrieben worden war.

Auch Russlands KGB soll sich von dem Mohnkorn-Medikament die Wirkung einer Wahrheitspille versprochen haben. Testpersonen dürften jedoch kaum Realitätsnahes von sich gegeben haben.

Wechselnde farbige Bilder

Hofmann erlebte - seinem Bicycle-Day-Protokoll zufolge - unerhörte Farben- und Formenspiele hinter geschlossenen Augen. Darunter kaleidoskopartig sich verändernde bunte Fantasiegestalten, umherfliegende Möbel und eine eigentlich nette Nachbarsfrau, die ihm nun als "bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze" erschien.

Zudem hätten sich Geräusche ständig in optische Empfindungen mit wechselnden farbigen Bildern verwandelt.

Was im LSD-Rausch abläuft, erklärte Hofmann 2006 im "taz"-Interview zu seinem 100. Geburtstag so: "Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr - von der Wahrheit."

Jedoch kritisierte Hofmann, der 2008 im Alter von 102 Jahren starb, die leichtfertige "typisch amerikanische" Art, in der Leary und andere LSD-Jünger den Stoff propagiert hatten.

Der Entdecker, der bei seinen Mutterkorn-Experimenten eigentlich nur auf der Suche nach einer Kreislaufstimulanz war, hoffte stets auf einen breiten Einsatz von LSD in der Medizin.

Dazu gab es - auch in jüngster Zeit - immer wieder Ansätze. Etwa in der Psychiatrie, bei der Behandlung von Alkoholsucht oder bei der Linderung der Leiden von Krebskranken im letzten Stadium.

"Atombombe des Geistes"

Den großen Durchbruch in der Medizin gab es aber bislang nicht. Aus der illegalen Drogenszene ist LSD - abgesehen von einem kurzen Comeback auf der Rave-Welle der 90er Jahre - weitgehend verschwunden.

Wohl auch, weil die Macht der "Atombombe des Geistes" schon in geringsten Menge einfach als zu schwer kontrollierbar erscheint.

So hallen immer noch schaurige Geschichten über "Horrortrips" nach, bei denen LSD-User sich als Vogel im Flug wähnten - und in den Tod stürzten. (dpa)

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