Ärzte Zeitung, 25.06.2013
 

Hochwasser in Niedersachsen

Ärztliches Notquartier beim Steuerberater

Vollbepackt haben niedersächsische Ärzte ihre Praxen verlassen. Die Versorgung geht weiter, notfalls per Boot.

Von Christian Beneker

HITZACKER. Deiche und Mauer haben gehalten. Sechs Tage lang war die Innenstadt von Hitzacker an der Elbe wegen der Jahrhundertflut zwangsevakuiert - und ist letztlich verschont geblieben.

Auch die Arztpraxen sind glimpflich davongekommen. Aber die Kollegen mussten mit ihren Siebensachen ins Exil oder sperrten für eine Woche zu. Jetzt kehren sie zurück - bis auf einen.

Hausarzt Dr. Christoph Schmieta bezog mit einer Hausarzt-Notausrüstung kurzerhand die leer stehenden Büroräume eines Freundes. Schmieta ist seit 30 Jahren Hausarzt in Hitzacker und kennt das schon, wie er entspannt sagt. "Wir haben einen Anhänger mit allem vollgepackt, was wir brauchen und haben unsere Patientenversorgung fortsetzen können", so Schmieta.

Die beiden anderen Kollegen haben ihre Praxis über die Tage der Evakuierung zugesperrt. "Was soll's", meint der alt gediente Doktor, "die Kollegen an der Mosel haben diese Umstände jedes Jahr".

Per Boot zum Patienten

Schmietas Kollege, Hausarzt Dr. Jörg Schwarzkopf, hat während der Evakuierung "20 bis 30 Hausbesuche am Tag gemacht", berichtet er. Einige sogar per Boot.

"Den Kahn hat ein Nachbar zur Verfügung gestellt und ich konnte dann meine Patienten in ihren überfluteten Bauernhäusern besuchen - im 1. Stock!"

Trotz des glimpflichen Verlaufs in der Elbestadt hat Schwarzkopf mit den Folgen der Flut zu kämpfen. Zwar ist die Innenstadt trocken geblieben, aber die Flut hat Schwarzkopfs Praxis quasi von unten her den Rest gegeben: "Hier ist alles voller Schimmel!"

Die großen und kleinen Überschwemmungen der letzten Jahre haben das Fundament von Schwarzkopfs Praxis durchfeuchtet. Am Freitag hat das Gesundheitsamt den weiteren Betrieb der Praxis offiziell untersagt.

30.000 Euro Kosten für Umzug und Ärger

Der Hausarzt zieht nun zunächst in ein Notquartier in das Büro eines Steuerberaters. "Familie, Patienten und mein Team haben beim Umzug mit angepackt", freut sich der Arzt. Und: Schwarzkopf baut - auf dem Trockenen: "Ein Grundstück habe ich heute gekauft."

Nach Auskunft der KV Bezirksstelle Lüneburg hat ein Spendenaufruf bei der Flut im Jahr 2002 vielen betroffenen Praxen helfen können.

Wie wird es in diesem Jahr? An die 30.000 Euro kostet Schwarzkopf der Umzug und sonstiger Ärger. "Ich habe mich bereits an die KV gewandt", sagt er.

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