Ärzte Zeitung online, 21.08.2013

Immer fitter

Wie 100-Jährige in Deutschland leben

100 Jahre oder älter sind in Deutschland schon rund 13.000 Menschen. Nach einer neuen Studie leben viele selbstständiger als früher - und nur eine kleine Minderheit hat Todessehnsucht.

Von Christine Cornelius

Wie 100-Jährige in Deutschland leben

Die Hundertjährige Christiane Wegener in ihrer Wohnung. Um geistig fitt zu bleiben, lernt sie Gedichte auswendig.

© Uwe Anspach/dpa

HEIDELBERG. Wenn Christiane Wegener von all den vielen Büchern erzählt, die sie im Laufe ihres langen Lebens gelesen hat, wird ihr Blick ein wenig traurig. Stolze 100 Jahre ist sie nun alt, aber ihre Augen machen nicht mehr so richtig mit.

An Resignation denkt die betagte Seniorin aber nicht. Sie lernt nun Gedichte auswendig, um sich geistig fit zu halten. "Ich sehe zu, dass es mir nicht langweilig wird", sagt sie.

Damit liegt Christiane Wegener in einem Trend, den Forscher der Universität Heidelberg in einer neuen Studie belegt haben: Fast drei Viertel der Hundertjährigen in Deutschland möchten unbedingt weiterleben. Nur jeder Zehnte verspüre so etwas wie Todessehnsucht.

Geschätzte 13.000 Menschen, die 100 Jahre oder sogar noch älter sind, gibt es inzwischen in Deutschland. Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihre Zahl damit von 6000 mehr als verdoppelt.

Nach einer ersten Untersuchung in den Jahren 2000/2001 haben Heidelberger Forscher nun zum zweiten Mal rund hundert Hundertjährige zu alltäglichen Herausforderungen, Aktivitäten, ihrer sozialen Einbindung und Lebensqualität befragt.

Ein Ergebnis: Die Hochbetagten sind geistig und körperlich fitter als Greise früherer Generationen. Die Studie sei repräsentativ, sagt Leiterin Daniela Jopp.

An Lebensfreude und frischem Geist mangelt es nicht

An der Lebensfreude vieler Hochbetagter hat sich demnach nichts geändert. Im Zehn-Jahres-Vergleich lebten sie inzwischen sogar selbstständiger. Rund die Hälfte (52 Prozent) der interviewten Hundertjährigen habe keine oder nur geringe geistige Defizite, heißt es in der Studie. Vor zehn Jahren seien das nur 41 Prozent gewesen.

Auch Christiane Wegener fühlt sich geistig völlig fit. Ein Lesegerät hilft ihr, weiter in Büchern schmökern zu können. Doch das Vergnügen bleibt beschwerlich, ein hohes Alter hinterlässt Spuren.

Zur runden 100 bekam die Seniorin viele Glückwunsche, auch der Bundespräsident schickte einen Brief. "Die werden sich wundern, wenn die alle mal selbst so alt sind. So gut ist 100 auch nicht", sagt sie.

Denn auch das Hören fällt ihr inzwischen schwer. Wer mit ihr reden möchte, muss sich dicht neben sie setzen und laut sprechen.

Aber mit 100 gibt es auch viel Hilfe - zum Beispiel von der Sozialstation, die jeden Morgen für das Frühstück sorgt. Sonst springt die Familie ein. Sohn Friedrich-Wilhelm Wegener ist allerdings selbst schon 75.

"Ich gebe immer damit an, dass ich so eine alte Mutter habe", sagt er. In seiner Familie seien fast alle 100 geworden. "Ich werde auf jeden Fall auch so alt."

Er hofft, dann allerdings fitter zu sein als seine Mutter. Sie kann mit ihrem Rollator nicht mehr allein aus dem Haus gehen, weil es unten an der Treppe kein Geländer zum Festhalten gibt.

"Sie hat wirklich nicht mehr viel davon, alles fällt schwer", sagt Friedrich-Wilhelm Wegener. Seine Mutter in ein Pflegeheim zu geben, kommt für ihn aber nicht infrage. "Ich möchte selbst nicht ins Heim später und habe ihr auch nie zugeredet."

Familienanschluss wichtig für 100-Jährige

Auch die längere Selbstständigkeit liegt im Trend der Studie. Im Vergleich zur ersten Untersuchung gab es leichte Verbesserungen. So sind heute mehr Hundertjährige in der Lage, selbstständig zu essen, sich um ihr Aussehen zu kümmern, zu telefonieren, Mahlzeiten zuzubereiten oder Geldangelegenheiten zu regeln.

"Allerdings sind die Fortschritte nicht so ausgeprägt, dass sie sich in einer geringeren Pflegebedürftigkeit niederschlagen", betont Studienleiterin Jopp. Weiterhin sei nur jeder fünfte Hundertjährige gesundheitlich so fit, dass keine Leistungen der Pflegeversicherung nötig sind.

Mutter und Sohn Wegener sind inzwischen ein eingespieltes Team. Ihr Mann sei im Zweiten Weltkrieg getötet worden und ein zweites Mal heiraten habe sie nie gewollt, erzählt die Hundertjährige.

"Ich habe meinen Sohn früher überall mit hingenommen." Schließlich zog die Seniorin auch aus ihrer Heimat Potsdam in die Nähe ihres Sohnes nach Heddesheim bei Mannheim.

Er besucht sie nun regelmäßig in ihrer Zweizimmer-Wohnung und geht für sie einkaufen. "Das ist ganz wichtig, wenn die Familie hinter einem steht", sagt die Hundertjährige.

Der Familienanschluss scheint nach der neuen Untersuchung ein Schlüssel für die Lebenszufriedenheit im hohen Alter zu sein. 73 Prozent der befragten Hundertjährigen haben Kinder, die in der Nähe leben. Meist seien sie die Hauptbezugspersonen und leisteten den größten Teil der Unterstützung.

"Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich 100 werde", sagt Wegener. Vor allem nach einem schweren Sturz habe sie geglaubt, es sei nun bald vorbei.

Hilflos lag sie damals auf dem Boden ihrer Wohnung, bis Nachbarn auf sie aufmerksam wurden und Hilfe holten. Mehr als zwei Drittel der Hundertjährigen aus der Heidelberger Studie haben einen oder mehrere solcher Stürze hinter sich.

Der eigene Tod und das Sterben sei für Hundertjährige kein Tabuthema, sagt Studienleiterin Jopp. "Sie machen sich aber Gedanken, wie ihr Ableben sein wird. Und, dass sie damit ihre Familie belasten."

So geht es auch Christiane Wegener, die früher in einem Handarbeitsgeschäft arbeitete. "Ich will die Kinder nicht belasten, das macht man doch nicht als Mutter." Sie denkt kurz nach und sagt: "Eigentlich ist es Zeit, dass ich weggehe."

Mehr Angst als vor dem Tod hat die Hundertjährige aber davor, zu "verblöden" - wie sie es ausdrückt. "Man merkt es doch nicht, das ist das Schlimme." (dpa)

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