Ärzte Zeitung, 04.10.2013
 

Bufdi-Reportagen

Herausforderung für Jung und Alt

Im Bundesfreiwilligendienst arbeiten Menschen jeden Alters, außerhalb von Beruf und Schule für das Allgemeinwohl. Wir haben zwei von ihnen begleitet - einen Abiturienten und eine Rentnerin. Eine Doppel-Reportage.

Von Jonas Tauber

Nachdem 2011 mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst abgeschafft wurde, soll der Bundesfreiwilligendienst (BFD) die entstandene Lücke füllen. Er dauert in der Regel zwölf Monate, kann aber auf 18 Monate verlängert werden.

Anders als das Freiwillige Soziale Jahr steht der BFD auch Menschen über 27 Jahren offen. Sie haben die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten.

Der Bund fördert jeden BFD-Platz – ob Voll- oder Teilzeit – mit 250 Euro. Teilnehmer erhalten ein Taschengeld in Höhe von maximal 348 Euro plus etwaige Zusatzleistungen der jeweiligen Einsatzstelle.

Die Anzahl der BFD-Plätze ist derzeit auf 35 000 beschränkt. Zum Zivildienst wurden 2010 dagegen noch 78 000 Kriegsdienstverweigerer einberufen.

Wie beim Zivildienst zuvor hat auch der BFD eine pädagogische Komponente: In 25 Seminartagen pro Dienstjahr sollen den Teilnehmern soziale und interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Auch politische Bildung ist ein Ziel.

Ruben Klein ist 20 Jahre und Maria Thamm 75 Jahre alt. Beide haben sich für den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) entschieden. Er ist Fahrer in einem psychiatrischen Krankenhaus. Sie arbeitet in einem Seniorenzentrum.

Wählen Sie selbst, wem Sie in unserer Doppelreportage zuerst über die Schulter schauen wollen:

Eva-Maria Thamm schiebt den metallenen Wagen mit dem Mittagessen über den Flur. Die meisten Bewohner der Gruppe Wiesengrund sind bereits in der Wohnküche versammelt.

"Wer hat sich denn da reingeschlichen?", ruft eine Frau mit silber-grauen Haaren. Thamm lacht. "Sie wissen doch inzwischen, wer ich bin, Frau Silberberg." Die Seniorin arbeitet als Bundesfreiwilligendienstleistende im Seniorenzentrum AWO Karl-Schröder-Haus im rheinischen Langenfeld.

Anders als beim vergleichbaren Freiwilligen Sozialen Jahr können am Bundesfreiwilligendienst auch Menschen teilnehmen, die älter als 27 Jahre sind. So wie Thamm, die mit 75 Jahren älter ist als manch einer der Bewohner.

An diesem Tag gibt es als Hauptgericht Forelle mit Kartoffeln oder Nudeln mit Sahnesauce. Thamm verteilt die vollen Teller. Dann setzt sie sich zu unwilligen Essern und denjenigen, die einfach Hilfe brauchen.

Heute will eine Bewohnerin partout nicht den Mund aufmachen. Thamm redet ihr gut zu und bewegt den Löffel lockend vor dem Gesicht der Frau hin und her. Ihre linke Hand ruht dabei auf der Schulter der alten Dame. "Wichtig für diese Arbeit ist Empathie", sagt sie.

"Ich stelle mir immer vor, wie es wäre, wenn ich pflegebedürftig und auf Hilfe angewiesen wäre." Um fit zu bleiben, macht sie jede Woche Sport und liest viel. Außerdem löst sie Kreuzworträtsel. "Man muss sich rege halten."

Einsatz zwischen 11 und 15.30

Uhr Jeden Wochentag zwischen 11 und 15.30 Uhr kümmert sich Thamm um die kulinarischen Belange der Wohngruppe Wiesengrund. Sie holt den Wagen mit dem Mittagessen aus der Küche im Erdgeschoss und richtet die Speisen an. Dann räumt sie auf und bereitet Kaffee und Kuchen vor.

Während der Pflegedienst mit der Übergabe vom Früh- an den Spätdienst beschäftigt ist, beaufsichtigt sie die Bewohner. Danach hat sie Feierabend. Die Arbeit tut ihr gut, sagt sie.

"Wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich es nicht machen", sagt Thamm, die bei den Kollegen Evchen heißt. Sie geht gerne mit Menschen um. Das sei schon so gewesen, als sie noch Zahnarzthelferin war.

Später pflegte sie dann drei Jahre lang ihre Mutter, weil sie nicht ins Heim wollte. Ihr gefällt an ihrem Dienst, dass sie verschiedene Aufgaben hat. So werde es nicht eintönig. Auch die Anerkennung sei schön.

"Als ich aus dem Urlaub zurückkam, waren die Bewohner froh, dass ich wieder da war. Sie sagten, sie hatten gedacht, ich würde nicht mehr wiederkommen", sagt sie.

Demenz ist mit die häufigste Erkrankung unter den Bewohnern, sagt Pflegedienstleiterin Gudrun Augustat. Ein relativ junger Trend: Immer häufiger ziehen erwerbsunfähige Menschen unter 60 ein. Das liege an einer Versorgungslücke, sagt Augustat.

Eine andere Anlaufstelle als Altenheime gebe es nicht für Betroffene. "Die Frage ist, ob die Bezeichnung Seniorenzentrum noch passend ist", sagt sie. Der jüngste Bewohner ist 49. Ältere Freiwillige bringen eigene Stärken mit, erklärt Augustat.

Dazu gehöre die Lebenserfahrung. "Eine Frau über 70 hat eine besondere Souveränität in ihrem Auftreten." Nach Augustats Erfahrung sind ältere Freiwillige außerdem in der Regel ganz bei ihrem Dienst, während jüngere Menschen doch auch viel anderes im Kopf hätten.

Ein weiteres Plus: Freiwillige über 27 Jahren können anders als jüngere in Teilzeit eingesetzt werden. So können mit demselben Geld mehrere Aufgabenfelder besetzt werden, erklärt Augustat.

Frische Waffeln mit heißen Kirschen

Die Idee mit dem Bundesfreiwilligendienst stieß zu Anfang auf wenig Begeisterung unter Freunden und in der Familie, erinnert sich Thamm. Die Angst war wohl groß, dass sie sich damit übernehmen würde.

Inzwischen erfährt sie viel Anerkennung von ihrem Umfeld - auch von den Kollegen. Ganz selbstverständlich wird sie am heutigen Abend am wöchentlichen Mitarbeitertreffen teilnehmen.

Mittlerweile sind die Reste vom Mittagessen aufgeräumt, Becher mit Kaffee stehen vor den Bewohnern von Wiesengrund und Thamm verteilt frische Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne.

Die Waffeln der hauswirtschaftlichen Mitarbeiterin Roswitha Fischer gibt es einmal im Monat. Sie gelten als Highlight. "Vielen Dank, Rosi, für die Waffeln", ruft ein älterer Herr zwischen zwei Bissen. "Macht fünf Euro", ruft die zurück und lacht.

Zehn Meter vor dem Auto bleibt der ältere Herr plötzlich stehen. "Ich will lieber nicht mit", flüstert er. Ruben Klein reagiert gelassen. Die CT sei sehr wichtig für die Behandlung und auch ganz schnell wieder vorbei.

Er, Ruben, werde die ganze Zeit dabei sein und auf ihn aufpassen. Das zieht. Langsam folgt ihm der offenbar verwirrte Mann zum Wagen und setzt sich auf den Beifahrersitz. "Kann ich einen Kamm haben?", fragt er.

"Sie brauchen doch keinen Kamm, Ihre Frisur ist gut so, wie sie ist." Als Bundesfreiwilligendienstleistender, kurz Bufdi, ist Klein für die Patientenbeförderung im psychiatrischen Krankenhaus der Alexianer in Köln-Porz zuständig.

Ab acht Uhr morgens steht der 20-Jährige bereit, um Patienten zum Augenarzt, zum Dermatologen oder zum Radiologen zu fahren. Seine Fahrgäste leiden unter Depressionen und Ängsten. Oder sie sind Suchtpatienten, die versuchen, vom Stoff los zu kommen.

Von außen erinnert das Hauptgebäude eher an ein Kurhaus. Der stattliche Bau macht einen sehr gepflegten Eindruck. Betritt man das Foyer, öffnen sich hohe Gänge, die an oft verschlossenen Türen vorbeiführen. In der Luft liegt ein Hauch von Sagrotan.

Eigene Gesundheit geht vor

"Am Anfang macht man sich schon so seine Gedanken über diesen Job: als Fahrer allein verantwortlich für Patienten aus der Psychiatrie", erinnert sich Klein.

Aber die Pflegedienstleitung nahm ihm und den anderen Neulingen die Ängste sehr schnell. "Sie haben uns gesagt, dass unsere Gesundheit vorgeht", sagt er. "Wenn jemand weglaufen will, lassen wir ihn eben laufen."

Der aktuelle Fahrgast macht nicht den Eindruck, dass er ans Weglaufen denkt. Während der Fahrt im Aufzug zur Radiologen-Praxis will er zum dritten Mal an diesem Morgen wissen, wer das Bild seines Schädels denn zu sehen bekommt. Klein erklärt es ihm.

Drei von fünf Fahrten führen ihn zum Radiologen, meistens geht es um eine Schädeltomografie – eine Routineuntersuchung bei neuen Patienten.

Warum gibt es Vorurteile?

Klein war bereits zu Beginn seines Dienstes klar, dass er beruflich in eine andere Richtung gehen will. Für den Freiwilligendienst entschied er sich, weil er als frischgebackener Abiturient nicht genau wusste, wohin der Weg gehen sollte.

Dass er gerade im Alexianer-Krankenhaus landete, ergab sich aus der räumlichen Nähe: Als Porzer kannte er viele Geschichten über die "Irren", die immer an der Haltestelle Ensen Kloster aussteigen. Der junge Mann wollte wissen, was hinter den Vorurteilen steckt.

Ihren Arbeitsalltag organisieren Klein und sein Kollege weitgehend selbstständig. Die gewünschten Arztbesuche von Patienten landen als Aufträge der Ärzte in ihrem Postfach.

Die beiden kalkulieren dann, wie dringend einzelne Termine sind und wie sie sich am besten miteinander kombinieren lassen. Wenn Klein eine Ausbildung zum Personaldienstleistungskaufmann beginnt, werden ihm diese Erfahrungen helfen, ist er überzeugt.

"Hier habe ich gelernt, Aufgaben zu strukturieren und meine Zeit einzuteilen." Stehen keine Fahrten an, packt er bei alltäglichen Aufgaben in der Gruppe Konrad mit an. Die Bewohner dieser gerontopsychiatrischen Station sind 80 Jahre alt oder älter.

"Es war eine sehr gute Erfahrung"

"Hier gibt es viele Demente, die gar nicht realisieren, wo sie sind", kommentiert Klein das kontinuierliche, rhythmische Wimmern einer Frau im Rollstuhl. "Möglicherweise durchlebt sie gerade ein traumatisches Erlebnis."

Klein ist jetzt – kurz vor dem Abschluss seines Bundesfreiwilligendienstes – froh, dass er sich für die Teilnahme entschieden hat. "Es war eine sehr gute Erfahrung." Schade findet er, dass er auf seiner Arbeitsstelle keine Verpflegung erhält, sondern für das Mittagessen in der Kantine bezahlen muss.

Würde er das täglich machen, blieben von seinen knapp 350 Euro Taschengeld nicht viel übrig. Auf der abschließenden Fahrt des Tages kutschieren Klein und sein Kollege einen heroin- und alkoholabhängigen Patienten zu einem Termin mit der Sozialarbeiterin des Alexianer-Krankenhauses.

Er soll sich in einer betreuten Wohnung umsehen, wo er nach seiner Entgiftung einziehen könnte. Die beiden scherzen mit ihm, die drei sind alte Bekannte. Der Mann ist nicht zum ersten Mal im Alexianer.

Mehr Informationen finden Sie unter: www.bundesfreiwiligendienst.de

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