Ärzte Zeitung, 28.11.2013

Boxsack und Klagemauer

Ein Trauer-Ort für Kinder

Zu Hause oder in der Schule trauen sich Kinder oft nicht, ihre Trauer über den Verlust eines Elternteils zu zeigen. In einem Kieler Verein können sie Ängste mit anderen Kindern einfacher bereden.

Von Dirk Schnack

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Die Trauerarbeit im Verein "Trauernde Kinder Schleswig-Holstein" folgt Ritualen wie dem Anzünden von Kerzen.

© fotofirma

KIEL. Verzweiflung, Angst, Einsamkeit, Hilflosigkeit oder Wut: Kinder, die einen nahen Angehörigen verloren haben, kämpfen mit diesen Gefühlen, unterdrücken sie zu Hause aber häufig.

In den Räumen des Vereins "Trauernde Kinder Schleswig-Holstein" können sie diese Gefühle zeigen und den Verlust verarbeiten.

"Zu Hause kommt die Trauer häufig nicht auf diese Weise zum Ausdruck, weil sie ihren verbliebenen Elternteil schützen wollen. Sie spüren, dass der Partner des toten Elternteiles genauso unglücklich ist, wie sie selbst", sagt Martina Gripp, pädagogische Leiterin des Vereins.

In dessen Räumen in Kiel können Kinder ihre Trauer individuell verarbeiten. Ihre Wut können sie an einem Boxsack auslassen, Wünsche an einem Wunschbaum aufhängen und traurige Gedanken aufschreiben und die Zettel in eine Klagemauer stecken.

Folgen nicht verarbeiteter Trauer können Verhaltensauffälligkeiten und langfristig psychische oder körperliche Beeinträchtigungen sein. Damit das nicht eintritt, treffen sich Kinder von drei bis 13 Jahren und Jugendliche in getrennten Gruppen, die von ehrenamtlichen Erwachsenen begleitet werden.

Die Kinder wissen, dass sie von Menschen mit vergleichbaren Erfahrungen umgeben sind, und sind damit eher bereit, ihren Gefühlen auch mal freien Lauf zu lassen.

Ärzte gesucht

Manchen Jungen und Mädchen in der Pubertät fällt es in dieser Umgebung leichter als zu Hause oder in der Schule, ihre persönliche Angst, Verzweiflung oder Einsamkeit zu thematisieren. Keines der Kinder kommt allein: Die Angehörigen nehmen in einem separaten Raum an einer moderierten Gesprächsgruppe teil.

70 bis 80 Kinder begleitet der Verein jedes Jahr durch ihre Trauer. Im Durchschnitt bleiben sie rund 15 Monate in den Gruppen. Faustformeln dafür gibt es keine: "Das hängt stark von der Intensität des Verlustes ab und davon, ob das Kind sich auf den Verlust etwa bei einer längeren Erkrankung des Elternteils vorbereiten konnte", sagt Pädagogin Gripp.

Bislang lebt die Arbeit des Vereins hautsächlich von Mund-zu-Mund-Propaganda und der Öffentlichkeitsarbeit. Jetzt sucht der Verein verstärkt Kontakt zu Ärzten.

"Wir freuen uns, wenn Ärzte, die Patienten haben, bei denen sie Trauer wegen des Verlustes eines ihnen nahe stehenden Menschen spüren, auf unser Angebot aufmerksam machen", sagt Gripp.

Auf Wunsch verschickt sie Informationsmaterial, empfiehlt Spiele und Literatur zur Trauerverarbeitung und ist bereit, im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen Ärzten die Arbeit des Vereins vorzustellen. Kontakt will der Verein auch zu Krankenkassen aufnehmen.

Denn die Verarbeitung der Trauer ist zugleich eine wichtige Prävention, die Langzeitfolgen und Erkrankungen vermeiden hilft.

Mehr Informationen unter: www.trauernde-kinder-sh.de

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