Ärzte Zeitung online, 25.02.2014

China

Smog-Alarm für Millionen

China versinkt im Smog. Die Krankenhäuser sind voll. Verzweifelt greifen die Menschen zu Atemschutzmasken. Trotz andauernd hoher Schadstoffbelastung bleiben durchgreifende Maßnahmen aus.

Smog-Alarm für Millionen

Auch Vierbeiner sind von Smog gefährdet: Chinesische Damen mit einem maskierten Hund am Dienstag in Shijiazhuang.

© Zheng Rongxi / Xinhua / dpa

PEKING. Wegen der schlimmen Luftverschmutzung haben die Behörden für rund 400 Millionen Chinesen die zweithöchste Smog-Alarmstufe "Orange" ausgerufen. Damit hat sich die Situation weiter verschärft, nachdem bereits am Montag von Smog-Belastung in 15 Prozent Chinas berichtet wurde.

Die Schadstoffbelastung in den meisten größeren Städten im Norden und in den mittleren Regionen des Landes lag am Dienstag nach amtlichen Angaben auf "gefährlich" hohem Niveau. Der Luftqualitätsindex (AQI) überstieg vielerorts Werte von 400. In China wird er, anders als in Deutschland, von null bis 300 oder höher angegeben. Hierzulande wird der Index von 1 (sehr gut) bis 6 (sehr schlecht).

In der nordöstlich von Peking gelegenen Stadt Tangshan wurde sogar ein AQI-Wert über 800 gemessen. Eine Messstation der US-Botschaft in Peking hat am Dienstagnachmittag (Ortszeit) eine Feinstaubkonzentration (PM2,5) von 462 μg/m³ gemessen - mehr als das 18-Fache des von der Weltgesundheitsorganisation WHO vorgegebenen Grenzwertes von 25 μg/m³ im 24-Stunden-Mittel. Über das Jahresmittel liegt der Grenzwert bei 10 μg/m³.

Das Meteorologische Zentrum Chinas verhängte am Dienstag Smogalarm für die Metropolen Peking und Tianjin sowie die sechs Provinzen Hebei, Shanxi, Shandong, Henan, Shaanxi und Liaoning. Die Hauptstadt, wo schon seit Freitag Alarmstufe "Orange" gilt, litt schon den siebten Tag in Folge unter schlimmer Luftverschmutzung. Die Luft roch verraucht. Die Sichtweite betrug nur noch wenige hundert Meter.

Kritik an den Behörden

In der Hauptstadt waren die Krankenhäuser mit Patienten überfüllt, die unter Atemwegs- oder Herz- und Kreislaufproblemen litten. Die Gesundheitsbehörden riefen besonders ältere Menschen und Kinder auf, nicht vor die Tür zu gehen.

Die 20 Millionen Pekinger sollten sich mit Atemmasken gegen die schlechte Luft schützen, falls sie auf die Straße müssten. Schulen sagten Aktivitäten im Freien ab. Die morgendliche Flaggenzeremonie wurde vielfach ins Gebäude verlegt.

Besonders vom Smog betroffen waren Patienten mit Asthma, Herzkrankheiten oder Bronchialleiden. Nach Schätzungen renommierter chinesischer Wissenschaftler sterben jährlich 350.000 bis 500.000 Chinesen vorzeitig an den Folgen der hohen Luftverschmutzung.

In der Bevölkerung regte sich Kritik an den Behörden, die trotz der hohen Schadstoffbelastung nicht die Alarmstufe "Rot" ausrufen. Sie hätte Fahrverbote für die Hälfte der Autos und weitreichende Fabrikschließungen zur Folge.

Die Tageszeitung "China Daily" forderte in einem Kommentar "einschneidende Maßnahmen", damit örtliche Behörden umdenken. Jene müssten bestraft werden, die der Wirtschaftsentwicklung Vorrang vor der Nachhaltigkeit einräumten.

"Die Luftverschmutzung, unter der wir jetzt leiden, ist das Ergebnis vieler Jahre industrieller Entwicklung, ohne jemals der Beschränkung der Umweltverschmutzung ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt zu haben", schrieb das Blatt.

Die Beseitigung umweltverschmutzender Zement- oder Stahlwerke werde verschleppt, weil örtliche Behörden um ihre Einnahmequellen bangten. Modernisierungen für den Umweltschutz seien häufig das letzte, wozu lokale Stellen bereit seien. (dpa/eb)

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