Ärzte Zeitung, 02.05.2014

Dr. Reinhold Festge im Porträt

Wie ein Arzt zum Maschinenbau-Lobbyisten wurde

Ein Zufall brachte Dr. Reinhold Festge von der Karriere als Chirurg ab - heute ist der Arzt Präsidenten des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Ein Faible für medizinische Belange hat er sich dennoch erhalten.

Wie ein Arzt zum Maschinenbaulobbyisten wurde

Immer ein Lächeln parat: Der Arzt Dr. Reinhold Festge ist Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau.

© Haver & Boecker

KÖLN. 1974 hatte Dr. Reinhold Festge sein Medizinstudium beendet, die Promotion in Gerichtsmedizin in der Tasche. Er hätte seine Karriere als Chirurg starten können.

40 Jahre später ist aus dem Arzt der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) geworden, eines der prestigeträchtigsten Ämter der deutschen Industrie.

Der Zufall hat aus ihm einen erfolgreichen mittelständischen Unternehmer gemacht, der sich gerne an seine Wurzeln in der Medizin erinnert und deshalb nebenbei eine Firma für Gebärstühle und Kreißsaalausstattung leitet.

Die Famulatur in der chirurgischen Privatklinik seines Onkels bestärkte den Westfalen Festge nach seinem Abitur 1965 in dem Wunsch, selbst Arzt zu werden. "Ich fand das Operieren spannend. Besonders gefiel mir der Umgang mit Menschen."

Das Besondere an dem Praktikum: Die Klinik befand sich in der DDR, in Meißen. So zieren Hammer und Sichel sein Famulatur-Zeugnis - bei der Einschreibung an der Universität in Münster sorgte er damit für Stirnrunzeln, erinnert sich Festge schmunzelnd.

Schwiegervater ebnete Weg an die Unternehmensspitze

Mit Fleiß und Begeisterung stürzte er sich ins Studium. Als er eine Unternehmertochter aus seinem Heimatort Oelde heiratete, sollte das allerdings seine beruflichen Pläne auf den Kopf stellen. Seinem Schwiegervater fehlte ein Nachfolger für seine Firma, die Drahtweberei und Maschinenfabrik Haver & Boecker.

Dem jungen Festge traute er die Aufgabe zu, wohl aufgrund "gewisser Charakterzüge", wie der VDMA-Präsident im Rückblick sagt: Eigenverantwortliches Handeln und hohen Arbeitseinsatz habe er schon damals an den Tag gelegt. Da seine Eltern selbst eine Druckerei aufgebaut hatten, wusste er außerdem um den Wert und die Verantwortung für ein Familienunternehmen.

Festge sagte dem Schwiegervater zu, beendete aber trotzdem erst sein Medizinstudium. Er wollte sich seine Eigenständigkeit bewahren für den Fall, dass es mit der Unternehmensnachfolge doch nicht glatt gegangen wäre, erläutert er. Auch seine Assistentenzeit absolvierte er noch, übernahm besonders viele Nachtdienste, weil er da interessantere Fälle selbst bearbeiten konnte.

Besonders beeindruckte ihn die Zeit in der Gynäkologie, der Umgang von Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen mit dem Geburtsvorgang. "Das habe ich erst gar nicht verstanden. Die einen schrien besonders laut, obwohl es eigentlich gerade keinen Grund gab, die anderen blieben ganz stumm, obwohl sie wirklich allen Grund zum Schreien gehabt hätten."

BWL-Studium ergänzte Qualifikation

Dann aber löste er sein Versprechen ein und nahm ein Betriebswirtschaftsstudium in München auf. Ganz verabschiedete er sich noch nicht von der Medizin, übernahm mehrmals Praxisvertretungen in der Stadt. Auch später griff er immer wieder auf die Kenntnisse aus seinem Erststudium zurück.

"In Brasilien zum Beispiel habe ich den Ingenieuren manchmal anhand der Anatomie klar gemacht, dass man Sachen auch anders konstruieren kann." Nach Stationen im Ausland übernahm Festge 1987 plangemäß die Geschäftsführung von Haver & Boecker.

1995 konnte er sein Medizinwissen und das Unternehmertum noch einmal in besonderer Weise kombinieren: Das Erlebnis der Geburt seines ersten Kindes brachte seinen Mitarbeiter Hubert Brormann auf die Idee, moderne Gebärstühle zu bauen. Festge war begeistert.

Gemeinsam entwickelten sie den "Pelvipax" und ließen sich die Idee patentieren. Die daraus entstandene Firma Febromed bezeichnet sich heute selbst als einen der größten Kreißsaaleinrichter Europas und soll in diesem Jahr erstmals eine Umsatz von mehr als 1 Million Euro erzielen.

Für Febromed arbeiten vor allem die Auszubildenden von Haver & Boecker - nach Feierabend. Es sei für sie besonders motivierend, in einem kleineren Unternehmen den gesamten Zyklus eines Produktes von der Entwicklung bis zur Präsentation auf Messen erleben zu können, berichtet Festge. "Das ist mein Hobby", kommentiert er schmunzelnd die Bedeutung von Febromed, einer Firma, die es ohne sein Medizinstudium wohl nicht geben würde.

Als persönlich haftender Gesellschafter von Haver & Boecker, dem ungleich größeren Unternehmen, hat der heute 68-jährige Festge mittlerweile für einen seiner Söhne Platz gemacht.

Er konzentriert sich auf sein Amt als VDMA-Präsident, das er seit Oktober 2013 innehat. "Das ist eine sehr abwechslungsreiche und angenehme Aufgabe, bei der man noch einmal ganz andere Menschen trifft als im Unternehmen, und die den Horizont sehr erweitert."

Gerne erzählt er bei Treffen im neuen Umfeld von seiner medizinischen Vergangenheit. "Die Leute finden das oft irgendwie exotisch. Viele haben ja auch das Gefühl, Ärzte könnten nicht mit Geld umgehen, aber dafür bin ich ja ein Gegenbeispiel", sagt er mit einem Augenzwinkern - sein solides Unternehmen im Blick.

Festge möchte nicht mit heutigen Ärzten tauschen

Trotz der Verbundenheit zur Medizin - tauschen möchte er mit seinen früheren Studienkollegen nicht. "Heute haben wir ein sozialisiertes Medizin-System, in dem ja nicht sehr viele Freiheiten geblieben sind. Die Ärzte sind sehr gedeckelt." Fleiß werde eher bestraft, findet Festge.

Einiges habe sich seit seiner Zeit im Krankenhaus zum Negativen verändert - so sei der Verwaltungschef vom "notwendigen Übel" zur klaren Leitungsfigur geworden. "Die Mediziner haben heute viel weniger Einfluss."

Als Unternehmer sehe er es heute als wichtig an, stets den Kontakt zur aktuellen Wissenschaft und Forschung zu halten - ob ihm das selbst als niedergelassener Arzt gelungen wäre, bezweifelt er.

Wegen ihrer Einbindung in die starren Strukturen gebe es kaum etwas, was die Mediziner aus Sicht des Unternehmers besser machen könnten, sagt Festge - und dann fällt ihm doch etwas sein: "Die Durchorganisation der Praxis."

Welche Unterschiede es da gibt, hat er sowohl in seiner Zeit als Praxisvertretung als auch als Patient erlebt. Seine Kritik an langen Wartezeiten formuliert er aber ganz präsidential-diplomatisch: "Einige haben ihr Wartezimmer eben zu einer Kommunikationszentrale entwickelt." (kab)

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