Ärzte Zeitung online, 25.04.2014
 

Bluterskandal

Stiftung für HIV-Infizierte droht das Aus

Beim Bluterskandal in den 1980er Jahren wurden Hunderte Menschen mit HIV infiziert. Später gab es etwas finanzielle Hilfe für die Betroffenen. Doch jetzt geht das Geld aus - weil eingetreten ist, was damals niemand für möglich gehalten hatte.

BERLIN. Rund 30 Jahre nach dem "Bluterskandal" drohen die finanziellen Hilfen für Hämophilie-Patienten mit einer HIV-Infektion auszulaufen. Die Mittel reichten nur noch bis 2017, sagte der Vorsitzende des Rates der "Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen", Horst Schmidbauer, der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Nötig seien eine Aufstockung der Mittel und ein neues Gesetz.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas, die ebenfalls Mitglied im Rat der Bundesstiftung ist, sagte der dpa: "Die Menschen brauchen ein Signal, dass sie auch nach 2017 weiter Hilfe bekommen." Geld aus der Stiftung erhalten Hämophilie-Patienten, die in den 1980er Jahren unter anderem mit verseuchten Gerinnungspräparaten, vor alle Faktor-VIII, mit dem HI-Virus infiziert wurden. Auch Angehörige können Hilfen von der Stiftung erhalten.

"Für die Conterganstiftung hat der Bund nach langen Verhandlungen 120 Millionen Euro zur Verfügung gestellt", sagte Bas. "Wir müssen die Debatte nun ähnlich organisieren." Im Hintergrund liefen bereits zahlreiche Gespräche. "Auch die Länder, die Pharmaindustrie und das Rote Kreuz müssen sich beteiligen."

Mehr als 1000 Betroffene seien bereits gestorben, sagte der Vorsitzende der Deutschen Hämophiliegesellschaft, Werner Kalnins, der dpa. Derzeit erhalten noch rund 400 Hämophilie-Patienten mit einer HIV-Infektion oder Aids-Erkrankung sowie 200 Angehörige Hilfen. Die Zuwendungen reichen von 511 bis 1534 Euro im Monat.

Der "Bluterskandal" ging seinerzeit auf mit HIV aber auch Hepatitis-C-Viren verunreinigte Gerinnungsfaktoren zurück, die von infizierten Spendern stammten. Obwohl das Risiko der Erregerübertragung bereits seit den 1970er-Jahren bekannt war und auch die Option der Hitzeinaktivierung existierte, wurde lange Zeit nicht reagiert.

Hilfe auch für Hepatitis-C-Infizierte gefordert

Auch der Blutplasma-Import, das Pooling der Faktoren und die Erstattungspraxis mancher Kostenträger trugen zu dem Skandal mit bei. Bis die Politik schließlich die Bremse zog, vergingen viele Jahre, in denen rund 1500 Hämophilie-Patienten mit HIV infiziert wurden. In der Folge des Skandals hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) 1994 das Bundesgesundheitsamt (BGA) aufgelöst.

Ein Jahr später wurde die Bundesstiftung ins Leben gerufen. 100 Millionen D-Mark stellte der Bund, 90,8 Millionen zahlten sechs Pharmafirmen, 9,2 Millionen die Blutspendedienste des Roten Kreuzes, 50 Millionen die Länder. Ursprünglich hatten Experten den Tod aller Betroffenen bis 1999 erwartet. Die Mittel der Stiftung wurden schließlich jedoch aufgestockt.

Wegen der Fortschritte in der Aids-Therapie und weil auch die Kinder Betroffener bis zu ihrem 25. Lebensjahr Hilfe bekommen, sind laut dem Robert Koch-Institut (RKI) nun jedoch Mittel bis zum Jahr 2070 nötig. Der ehemalige SPD-Abgeordnete Schmidbauer sagte, laut Hochrechnungen würden noch rund 260 Millionen Euro gebraucht.

Doch das Problem ist noch größer. "Auch für die Opfer, die an Hepatitis C erkrankt sind, sind Entschädigungen nötig", forderte Kalnins. Rund 3000 mit HCV infizierte Hämophilie-Patienten lebten noch, etwa 1500 seien gestorben. Nur jene Betroffenen, die auch HIV-infiziert seien, bekämen Leistungen aus der Stiftung.

Laut Schmidbauer wären etwa 80 Prozent der HCV-Infektionen bei Bluterkrankten vermeidbar gewesen, wenn bei der Verwendung von Blutprodukten Richtlinien streng eingehalten worden wären. (dpa/eb)

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