Ärzte Zeitung App, 06.01.2015
 

Smog

Apokalyptische Zustände in Peking

Smog gehört in Chinas Hauptstadt zum Alltag. Außer der US-Präsident kommt, und Peking verwandelt sich mit Notprogrammen in einen Luftkurort. Ein Einblick ins Leben in der Smoghochburg.

Von Stephan Scheuer

Apokalyptische Zustände

Smog gehört in Chinas Hauptstadt Peking quasi schon zum Stadtbild.

© Jhphoto / dpa

PEKING. Das Flugzeug steht bereits auf dem Rollfeld von Pekings Flughafen. Jeden Moment soll es in Richtung Südchina abheben.

Aber dann kommt eine Durchsage des Piloten: "Der Tower hat uns gerade informiert, dass wir wegen des dichten Smogs aus Sicherheitsgründen nicht abheben dürfen."

 Es geht ein Raunen durch die Reihen von Passagieren an Bord. Aber dann geht die Ansage noch weiter: "Die Luftverschmutzung ist so schlimm, dass wir vorerst nicht mal zum Flughafengebäude zurückrollen dürfen", fügt der Pilot hinzu.

Der Smog schränke die Sicht auf wenige Dutzend Meter ein. Da könne die Maschine auf den Weg zurück mit anderen Flugzeugen zusammenprallen.

Grenzwert krass überschritten

Nur schemenhaft lässt sich aus dem Fenster das Flughafengebäude mit seinen grellen Scheinwerfern erahnen. Alles andere verschwindet in dem grau-braunen Gemisch aus Feinstaub und anderen Stoffen.

Die Belastung mit dem besonders gefährlichen Feinstaub, der kleiner als 2,5 Mikrometer (PM 2,5) ist, liegt zwischenzeitig beim 17-fachen des empfohlenen Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Es vergeht eine halbe Stunde, bis das Flugzeug langsam zurückrollen darf und wir aussteigen können.

PM 2,5 - der sperrige Begriff ist zu einem festen Bestandteil im Alltagsvokabular in Peking geworden.

Seit Premier Li Keqiang den Wert in seiner Ansprache vor den rund 3000 Delegierten des Volkskongresses erwähnte, mussten plötzlich Provinzpolitiker im ganzen Land die Luftwerte in ihrer Region studieren.

Als ich vor sieben Jahren in Peking zur Universität ging, war die Luft auch nicht gut, aber unsere Professoren redeten uns ein, dies sei der normale Pekinger Nebel. Seit knapp zwei Jahren bin ich als Journalist zurück in Peking.

Heute leugnet niemand mehr das Smogproblem. Ganz im Gegenteil: Anfang des Jahres 2013 schrieben sogar Chinas Staatsmedien von apokalyptischen Zuständen.

Nach Messungen der US-Botschaft in Peking erreichte die Feinstaubkonzentration (PM 2,5) damals den historischen Rekordwert von 886 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Die WHO hält nur eine Belastung von bis zu 25 Mikrogramm Feinstaubbelastung pro Kubikmeter Luft für unbedenklich.

Dauerkontrolle per Smartphone

Viele meiner chinesischen Freunde verfolgen die aktuellen Luftwerte ununterbrochen auf ihren Smartphones.

Eine Nachricht warnt sie, sobald die Feinstaubbelastung einen kritischen Grenzwert überschreitet, und sie besser ihre Atemmaske aufsetzen sollten. Ich bekomme die Nachrichten auch. Meine Maske habe ich fast immer dabei - für alle Fälle.

In Deutschland habe ich mir fast nie Gedanken über die Qualität der Luft gemacht. "An der frischen Luft" - Das war für mich immer ein Symbol für etwas Gesunden, etwas Gutes.

Das ist heute anders. Legt sich wieder der grau-braune Smogschleier über Peking, ist jeder Gang nach draußen unangenehm. Die Luft riecht verbraucht, manchmal sogar verbrannt. Auf einmal werden das Büro und die Wohnung zum geschützten Raum.

Ich hätte mir vor der Zeit in China niemals vorstellen können, voller Begeisterung vor einem Luftfilter zu stehen. Heute gehören Gespräche über die besten Geräte und raffiniertesten Filter zu normalen Themen auf Partys in Peking.

Stolz erzählen Freunde von neu gekauften Luftreinigern.

Trotzdem lässt sich der Situation auch Positives abgewinnen: Noch nie wusste ich sonnige Tage mit blauem Himmel so sehr zu schätzen wie heute.

Pünktlich zum Besuch von US-Präsident Barack Obama wehte fast nur noch saubere Herbstluft über Pekings Straßen. Die gute Luft hatte sich Chinas Führung mit Fahrverboten und Produktionsstopps für Fabriken erkauft. Aber Obama ist wieder weg.

Wenn wieder Wind aus dem Norden kommt, wird Peking schlagartig zum Luftkurort. Der Smog wird einfach weggeblasen. Solche Tage gibt es immer wieder. Ich genieße jeden einzelnen. Und an schlechten Tagen bleibt mir der Luftfilter. (dpa)

[06.01.2015, 08:23:53]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
... dass man Euren S m o g nicht essen kann!
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man S M O G [Geld] nicht essen kann“, den Ihr durch ungezügelte Industrialisierung, Ausbeutung von Natur und Menschen bzw. Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) selbst geschaffen habt!

Englische Originalversion: Only after the last tree has been cut down / Only after the last river has been poisoned / Only after the last fish has been caught / Then will you find that money cannot be eaten.
Historische Quelle: Chief Seattle's Speech (populär als Weissagung der Cree)

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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