Ärzte Zeitung, 25.02.2015

Schlechte Luft

Im Schwabenland ist's schmutzig

Ausgerechnet im reinlichen Schwabenländle sollte man nicht allzu tief einatmen. Denn am viel befahrenen Neckartor in Stuttgart ist die Belastung durch Feinstaub bundesweit am höchsten. Ein Besuch.

Von Antonia Lange

Im Schwabenland ist's schmutzig

Immer wieder werden Grenzwerte überschritten: Feinstaub-Messstation am Neckartor in Stuttgart.

© Naupold / dpa

STUTTGART. Wer den schmutzigsten Ort Deutschlands besucht, kann einen Kaffee trinken, sich eine Thai-Massage gönnen oder Blumen kaufen. Auch der ADAC hat sich hier niedergelassen, ebenso wie das Innenministerium.

Dass die Belastung durch Feinstaub am Stuttgarter Neckartor so hoch ist wie nirgendwo sonst in der Republik, schreckt Geschäftsleute und Behörden offenbar nicht ab - ganz zu schweigen von den Menschen, die ihre Wohnungen an dem Verkehrsknoten haben.

Doch wie lebt es sich im dicken Dunst?

Der 19-jährige Daniel Konradi, der gerade erst hergezogen ist, atmet hier zumindest "nicht gerne durch den Mund", wie er erzählt. Von der hohen Feinstaubbelastung habe er erst nach dem Umzug erfahren.

"Es wurde mir empfohlen, wegzuziehen", sagt er. So gravierend sei die dicke Luft aber nicht für ihn. "Ich fühl‘ mich immer noch fit." Nur die Fenster bekomme man direkt am Neckartor nicht wirklich sauber. "Mit Zewa-Tüchern bin ich da nicht weit gekommen."

"Lage im Tal ist eine Besonderheit"

Von einem lauen Lüftchen kann dort nämlich nicht die Rede sein: Nach vorläufigen Zahlen des Umweltbundesamtes wurde der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter im vergangenen Jahr an 63 Tagen überschritten.

Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg kommt sogar auf 64 Tage. Zum Vergleich: Einzelne Straßen in Berlin landen zwar auf Platz zwei der schwarzen Liste, kommen allerdings nur auf 48 solche Tage.

Die Folge: Fenster und Fassaden am Neckartor sehen immer irgendwie gräulich aus. Warum es gerade bei den reinlichen Schwaben so schmutzig ist?

"Das hat besondere Gründe: Wir haben dort ein relativ hohes Verkehrsaufkommen und auch die Lage im Tal ist eine Besonderheit", sagt Feinstaub-Experte Marcel Langner vom Umweltbundesamt.

Stuttgart liege in einer Art Kessel, so dass die Luft sich vergleichsweise wenig bewegen könne.

"Der Feinstaub wird in Bodennähe freigesetzt", erklärt der Fachmann. "Wenn aber kaum Austausch mit höheren Luftschichten stattfindet, kommt es zu einer hohen Schadstoffkonzentration."

Da es im Winter keine reinigenden Gewitter gebe, sei die Belastung in dieser Zeit besonders hoch. Hinzu kommen dem Experten zufolge unter anderem Kamine, die neben Autos besonders häufig Schadstoffe freisetzen.

Blumenverkäuferin Ines Krnjaic von "Kikis Blumen" sieht's gelassen: "Es ist halt dreckiger", sagt die 39-Jährige, die von ihren Kunden Kiki genannt wird.

Ihre Pflänzchen störe das wenig: "Ich kaufe und verkaufe sie schnell wieder." Das Grünzeug ist im Vergleich zu den Anwohnern also im Vorteil: Es ist schnell weg aus der Gefahrenzone.

Sie selbst hat innerhalb der Schlecht-Luft-Ecke wohl den angenehmsten Aufenthaltsort: "Ich habe eine kleine Oase", sagt Krnjaic. Schließlich produzierten die Pflanzen reichlich frischen Sauerstoff.

47.000 vorzeitge Todesfälle

Doch die Schadstoffe, die auch durch Gülle in der Landwirtschaft entstehen können, sind gefährlich für Menschen: Nach Erkenntnissen des Umweltbundesamtes gibt es durch Feinstaub jährlich 47.000 vorzeitige Todesfälle in Deutschland.

Die winzigen Partikel können zu Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen führen. Langner: "Das Risiko solcher Erkrankungen steigt mit zunehmender Feinstaubbelastung."

Kein Wunder also, dass die EU unter anderem Stuttgart bereits wegen der hohen Schadstoffwerte gerügt hat. Im reinlichen Ländle bemüht man sich nun um Schadensbegrenzung.

Verglichen mit 2013 hat sich die Zahl der Tage, an denen die Luft nachweislich zu schlecht war, schon verringert: 2013 wurde der Grenzwert noch an 91 Tagen überschritten, wie Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) betont.

Um weiter gegenzusteuern, will er dem Gemeinderat vorschlagen, dass auf mehr Straßen mit Steigung die Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern gelten soll. Auch ein Zuschuss für Taxiunternehmen, die Elektro-Autos anschaffen, ist im Gespräch.

Zu einem Umzug ans Neckartor raten Experten zumindest mit Blick auf die Gesundheit aber vorerst nicht. Für Langner steht fest: "Wenn ich eine Wohnung in Stuttgart suchen würde, würde ich diesen Ort meiden." (dpa)

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