Ärzte Zeitung online, 27.02.2015

Ukraine-Krise

Dämpfer für den Medizintourismus in Deutschland

Kliniken in Deutschland verdienen gut an Medizintouristen. Die Ukraine-Krise und ihre Folgen schlagen jetzt allerdings durch - bis in die Kassen deutscher Krankenhäuser.

Dämpfer für den Medizintourismus in Deutschland

Der Medizintourismus in Deutschland leidet unter der Ukraine-Krise.

© hywards/fotolia.com

BERLIN/MOSKAU. "Es gibt Leute, die für die Behandlung in Deutschland ihre Wohnung verkaufen", sagt Irina Parulava. Sie holt Patienten aus Russland an Kliniken im ganzen Bundesgebiet.

"Aber das sind dann natürlich Leute, die eine zweite Wohnung haben", fügt die Betreuerin hinzu, die an diesem Tag drei Kunden an der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD) in Wiesbaden begleitet.

Russland ist das wichtigste Quellland für den Medizintourismus in Deutschland. Doch einige russische Patienten hätten nun ihre Termine abgesagt, erzählt Parulava.

Die Rubel-Krise mache es selbst der wohlhabenden russischen Mittelschicht schwerer, deutsche Ärzte zu bezahlen.

Das bekommen die Krankenhäuser zu spüren, die an Auslandspatienten sonst gut verdienen. "Wir wissen von den Kliniken, dass sie es merken", sagt Jens Juszczak, der führende Experte für Medizintourismus in Deutschland.

Die meisten kommen aus Russland

Er forscht an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und berät Krankenhäuser bei ihrem Geschäft mit Patienten aus dem Ausland.

Nach den aktuellsten Zahlen, die der Wirtschaftswissenschaftler zusammengetragen hat, ließen sich 2013 mehr als 97.000 Patienten aus 177 Ländern stationär und rund 144.000 ambulant in Deutschland behandeln.

Das bedeutet Juszczak zufolge ein Zuwachs von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bereits 2012 war mit 224.000 Patienten (plus 8,6 Prozent) eine hohe Zuwachsrate im Vergleich zu 2011 zu verzeichnen (wir berichteten).

Fast 11.000 Menschen aus Russland kamen 2013 laut Statistischem Bundesamt zur Behandlung nach Deutschland. Aus den anderen GUS-Staaten waren es noch einmal mehr als 3000.

Die Zahlen von 2014 liegen noch nicht vor. Dennoch: Juszczak ist sich sicher, dass sich im vergangenen Jahr wegen der Ukraine-Krise weniger russische Patienten an deutschen Kliniken behandeln ließen.

Aufgrund der Sanktionen gegen Moskau kommen Russen nicht mehr so einfach an ihr Geld im Ausland ran, wie der Ökonom sagt. Und der Rubel ist weniger wert - nicht nur in Euro-Ländern.

Auch Schweizer Franken sind für Russen deutlich teurer geworden. "Ich habe auch Aussagen mitbekommen, dass die deutsche Politik in diesem Konflikt nicht besonders begrüßt wird - und die Leute deshalb lieber in die Schweiz gehen als nach Deutschland", ergänzt Juszczak.

Das sieht die Marketingleiterin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in Moskau, Alla Belikova, anders: "Aufgrund der Rubelentwertung sehen wir einen Rückgang, aber die Patienten gehen nicht in die Schweiz, sondern verzichten vielmehr auf nicht akute Behandlungen."

Unschlagbares Image?

Von der Politik werde die Entscheidung nicht beeinflusst. "Das Image Deutschlands als das Land mit Leistungsmedizin ist unschlagbar", propagiert Belikova.

Ein Klinikverband, der um Auslandspatienten wirbt und die Folgen des Konflikts mit Russland um die Ukraine spürt, ist das Medical Network Hessen.

Es kämen signifikant weniger russische Medizintouristen nach Hessen, berichtet Vorstandsmitglied Burkhard Bigalke.

Zwar steigen immer mehr deutsche Kliniken in das Geschäft mit Auslandspatienten ein. Doch noch spielen Juszczak zufolge nur rund zehn bis zwölf Prozent der Kliniken eine nennenswerte Rolle.

Wie lukrativ das Geschäft für die einzelnen Häuser ist, lässt sich nur schätzen. Insgesamt fast 1,2 Milliarden Euro setzten deutsche Kliniken 2013 mit Medizintouristen um, vermutet Juszczak.

"Das ist aber extrem konservativ geschätzt", sagt der Ökonom. Für die wenigen aktiv am Markt beteiligten Kliniken geht es also um reichlich Geld.

Geld, das auch dank Vermittlerinnen wie Parulava in die Kassen kommt. Von ihrem guten Leumund in Russland profitiert unter anderem die DKD in Wiesbaden.

Die Begleitung der Patienten stellt Parulava der Klinik in Rechnung. Diese reicht die Kosten an die Kunden weiter.

Die Kliniken müssen die Patienten allerdings erst einmal für sich gewinnen. Im Januar zum Beispiel reiste Bigalke mit drei Ärzten von der Uniklinik Marburg und einer Homburger Privatklinik nach Oman zu einer internationalen Medizinmesse.

Dorthin kommen vor allem auch Patienten. Einige Kliniken schicken auch Vertreter in Talkshows oder schalten Werbung in den Zielländern. "Da wird schon gekämpft", sagt Juszczak.

Ein Risiko, das seltener angesprochen wird, ist die teils schwierige Zahlungsmoral vor allem von Medizintouristen aus dem arabischen Raum. Hier müssen Krankenhäuser mitunter mit Zahlungsausfällen oder zumindest erheblichen -verzögerungen rechnen. (dpa/maw)

[06.03.2015, 16:33:55]
Dr. Segei Jargin 
Medizinische Terminologie in der Ukraine: Russisch vs. Ukrainisch
Das Problem der Interaktion zwischen der russischen und der ukrainischen Sprache in der Ukraine ist heute besonders aktuell und vom Konflikt geprägt. Das Problem hat auch einen linguistischen und medizinisch-terminologischen Aspekt. Die Ukrainische Sowjetrepublik wurde aus ethnisch und linguistisch verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt; einige Gebiete waren fast ausschließlich russischsprachig, andere zweisprachig russisch und ukrainisch. Insbesondere die Krim, die der Ukraine durch Nikita Chruschtschow 60 Jahre lang ohne die Einwohner zu fragen (was einen damals nicht für möglich gehaltenen Zerfall der Sowjetunion betraf) zugeordnet war. Nur in der Westukraine, in Ostgalizien gibt es Personen mit eingeschränkten russischen Sprachkenntnissen, sonst beherrscht die ganze ukrainische Bevölkerung die russische Umgangssprache. Obwohl die volkstümliche ukrainische Sprache der russischen Sprache nahe verwandt ist, wurde das literarische Ukrainisch auf einer mundartlich-volkstümlichen Basis mit Einbeziehung von Entlehnungen aus dem Polnischen geschaffen. Im Bestreben, sich von Russland zu trennen, haben die Schöpfer der modernen ukrainischen Sprache diese weiterentwickelt, insbesondere was die wissenschaftliche und medizinische Terminologie betrifft. Für die Erweiterung der Terminologie sind viele Neologismen erfunden worden. Ein Teil der Russen und Ukrainer vertritt die Meinung, dass es trotz der Unterschiede zwischen beiden Sprachen keine Notwendigkeit gab, eine eigene literarische (und umso weniger eine wissenschaftliche) Sprache mit einem dazugehörenden Wortschatz zu schaffen. Alle ostslawischen Völker könnten mit einer einzigen literarischen Sprache auskommen [1]. Das wird auch durch die Erfahrung großer europäischer Sprachen bestätigt, wo die Unterschiede zwischen bestimmten lokalen Dialekten erheblicher sind, als diejenigen zwischen Russisch und Ukrainisch. Dennoch kam es zur Entstehung einer neuen ukrainischen Literatursprache und einer wissenschaftlichen Terminologie, die zwar nicht vollständig ist, jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, indem sie für Veröffentlichungen zu speziellen Themen benutzt wird. Es soll schwierig sein, ein wissenschaftliches Werk auf Ukrainisch zu schreiben, und erfahrungsgemäß ist es auch schwierig, solche Werke zu lesen und zu verstehen, aus sprachlichen Gründen, aber auch inhaltlich.
Das Problem hat weiterhin einen sozialen Aspekt. Die Transformationen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben eine große Menge neuer Personen ins Milieu der Intelligenzia gebracht. Ihre Ziele waren manchmal egozentrisch, während die Zugehörigkeit zur Intelligenzia unter Umständen eher formell war. Einige von ihnen sahen in der Ukrainisierung des Schrifttums und der Wissenschaft eine Gelegenheit für sich, eine Karriere auf diesem Felde zu machen. So formten sich eine literarische und auch eine wissenschaftliche Sprache auf der Basis des kleinrussischen volkstümlichen Idioms, die zum Instrument der neuen Kultur für die neue ukrainische intellektuelle Schicht geworden ist. Die Schöpfer der Sprache wollten gänzlich mit allem Russischen brechen, indem sie sich bemühten, diese ausschließlich ausgehend von den mündlich-volkstümlichen Dialekten zu gestalten, und zwar so, dass die Sprache der russischen möglichst wenig ähneln würde. Ein Wortbestand einer Volkssprache allein ist aber für den Ausdruck aller notwendigen Feinheiten unzulänglich. Auch der syntaktische Bau einer volkstümlichen Redeweise war allzu unbeholfen, um den Erfordernissen der literarischen Stilistik Genüge zu leisten. Gezwungenermaßen wurde deshalb etliches von den polnischen Nachbarn entlehnt, wodurch die Ausdrucksmöglichkeiten erweitert wurden [1]. Der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko war, obwohl er teilweise auf Ukrainisch schrieb, bei führenden russischen Schriftstellern seiner Zeit wie Dostojewski, Nekrassow und Saltykow-Schschedrin, durchaus beliebt. Die Sprache von Schewtschenko war eine volkstümliche Sprache, die in den ländlichen Gegenden des östlichen Teils heutiger Ukraine gesprochen wurde. Diese Sprache klingt für das russische Ohr gut, weil sie verständlich ist, und weil man sie immer wieder gehört hat.
Nach der Meinung von Nikolai Trubetzkoy [1], dem bekannten Slawisten an der Universität Wien (1922-1938), widersprach die oben dargelegte Entwicklung dem „harmonischen und natürlichen Gang der Geschichte“, der seiner Meinung nach in die Richtung einer schrittweisen Russifizierung aller Ostslawen führen sollte. Dieses Urteil war möglicherweise in jener Zeit begründet; doch heutzutage, angesichts der Perspektiven einer gesamteuropäischen Einigung, hat dieser Imperativ an Kraft verloren. Es ist möglich, dass junge ukrainische Akademiker, ohne die russische Sprache gründlich studiert zu haben und ohne ihre eigene Sprache zu vernachlässigen, sich direkt an das deutsch- und englischsprachige Schrifttum anschließen. Es soll hier aber auch vermerkt werden, dass es für einige russische Wissenschaftler einfacher ist, ihre Werke in einer westeuropäischen Sprache zu verfassen, als auf Russisch, geschweige denn Ukrainisch, was schon Anton Tschechov vermerkt hat (in der Erzählung „Langweilige Geschichte“). In einer Reihe von Fachbereichen sind jedoch auch gute Kenntnisse des Russischen von Vorteil.
Die jungen Leute in der heutigen Ukraine sprechen mehr Ukrainisch als die vorherige Generation. Doch dürfen die Wissenschaft und das Gesundheitswesen darunter nicht leiden. Eine obligatorische Einführung der ukrainischen Sprache als der einzigen Amtssprache, auch in der Verwaltung und im Gesundheitswesen, ist kontraproduktiv. Viele ukrainische Fachbegriffe, oft Neologismen, sind vom Russischen her kaum zu verstehen. Die Wörterbücher sind knapp und qualitätsmäßig nicht perfekt, was das Lesen der medizinischen Dokumentation und der Fachliteratur erschwert bzw. auch verhindert. Über die Mängel, die teilweise mit einem eingeschränkten Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur verbunden sind, wurde vorher berichtet [2]. Das schadet offenbar dem Gesundheitswesen.
Heute könnte die Ukraine, unter Beibehaltung der ukrainischen Sprache überall dort, wo die Träger derselben dies wünschen, zum kulturellen Treffpunkt zwischen der deutsch- und slawisch-, einschließlich der ukrainisch- und russischsprachigen Kultur werden, was auch für die Wissenschaft und das Gesundheitswesen von Vorteil sein würde. Das wäre aber nur ein Schritt auf dem Wege zur Vereinigung von Europa und der ganzen Menschheit unter der Führung der moralisch und wissenschaftlich am weitesten fortgeschrittenen Teile. Riesenprojekte können verwirklicht werden, wenn die Menschen einander vertrauen würden. Die Ukraine könnte zum Prüffeld des internationalen Vertrauens und der Zusammenarbeit werden.
1. Trubetzkoy NS. Russland - Europa - Eurasien: ausgew. Schriften zur Kulturwissenschaft. Schriften der Balkan-Kommission, Philos.-hist. Klasse 45. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2005.
2. Jargin SV. Eingeschränkter Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur in der ehemaligen Sowjetunion. Wiener Medizinische Wochenschrift 2012;162:272-5.
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