Ärzte Zeitung, 10.07.2015

Ärzte-Triathlon

Erfolgsgeschichte geht in neue Runde

Vor 30 Jahren gründete der junge Assistenzarzt Martin Engelhardt einen Triathlonverein für Ärzte und Apotheker. Ziel war auch, als gutes Beispiel für Patienten zu wirken. An diesem Sonntag fällt dafür erneut der Startschuss.

Von Pete Smith

Erfolgsgeschichte geht in neue Runde

Schwimmen, Radfahren, Laufen: Ärzte-Triathleten unterwegs inRichtung Ziel.

© Neumann

30 Deutsche Triathlonmeisterschaften, 30 Symposien mit 25 Publikationen, 21 Duathlon- und acht Cross-Duathlonmeisterschaften sowie 56 Ausgaben der Medical Triathlon World - das ist die Bilanz in Zahlen aus 30 Jahren Triathlonverein Deutscher Ärzte und Apotheker (TVDÄ).

Wenig sagen die Zahlen jedoch über die bewegende Geschichte des Vereins aus, der am Sonntag im unterfränkischen Niedernberg bei Aschaffenburg seine 31. Meisterschaft veranstaltet.

Maßgeblich geprägt hat diese Geschichte Professor Martin Engelhardt, nicht nur der erste, sondern auch aktuelle Vorsitzende des TVDÄ und zugleich Präsident der Deutschen Triathlon Union (DTU).

Anfang der 1980er Jahre galt Triathlon als "Sport der Verrückten". Vor allem der 1978 erstmals veranstaltete Ironman auf Hawaii prägte dieses Image: Um 3,86 Kilometer zu schwimmen, 180,2 Kilometer Rad zu fahren und dann noch die Marathonstrecke von 42,195 Kilometer zu laufen, musste man wohl verrückt sein und zudem ein eisenharter Typ.

Eine Idee aus dem Jahr 1985

Als Martin Engelhardt, gerade 25 Jahre alt und Assistenzarzt am Stadtkrankenhaus Hanau, im Frühjahr 1985 auf die Idee kam, einen Triathlonverein für Ärzte und Apotheker ins Leben zu rufen, wurde er belächelt und verspottet.

"Uns wurde sogar elitäres Verhalten vorgeworfen", erinnert sich Engelhardt. Dabei ging es dem ehemaligen Leistungsschwimmer und seinen Kollegen um etwas anderes: "Wir wollten nachweisen, dass die Kombination der Volkssportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen, vernünftig betrieben, für die Bevölkerung gesund und sinnvoll ist."

Symposium und Meisterschaft

Triathlon-Symposium: Am Samstag, 11. Juli, findet im Seehotel in Niedernberg bei Aschaffenburg das 30. Triathlon-Symposium statt. Tagungsleiter sind der emeritierte Sportmediziner Professor Georg Neumann und der Osnabrücker Orthopäde Professor Martin Engelhardt. Themen-Schwerpunkte: Triathlon-Trainingswissenschaft, Förderung des Frauentriathlons.

Deutsche Triathlonmeisterschaft der Ärzte und Apotheker: Am Sonntag, 12. Juli, veranstalten der TVDÄ sowie die International Medical Triathlon Association die 31. Deutsche Triathlon-Meisterschaft der Ärzte und Apotheker sowie den 30. International Medical Triathlon. Die Teilnehmer, die in zwölf Altersklassen starten, können zwischen der olympischen Distanz (1500 Meter Schwimmen, 54 Kilometer Radfahren und 10,5 Kilometer Laufen) und dem Sprint (600 Meter Schwimmen, 28 Kilometer Radfahren, fünf Kilometer Laufen) wählen. Startberechtigt sind alle approbierten Ärzte, Tierärzte, Zahnärzte und Apotheker, auch Mannschaften aus Kliniken oder Städten.

Vernünftig heißt auch, dass der Triathlon vornehmlich in den olympischen Distanzen ausgetragen wird: 1500 Meter Schwimmen, 54 Kilometer Radfahren und 10,5 Kilometer Laufen.

Engelhardt und seine Mitstreiter, allen voran der Heigenbrücker Zahnarzt und erste Präsident der DTU Dr. Joachim Fischer, ließen sich nicht beirren und hoben am 26. Juni 1985 in Großkrotzenburg bei Hanau den Triathlonverein Deutscher Ärzte und Apotheker aus der Taufe, dessen Vereinsziele die Förderung "der körperlichen Ertüchtigung durch den Triathlonsport und andere Ausdauersportarten" sowie "sportmedizinischer und trainingswissenschaftlicher Erkenntnisse im Triathlonsport" sind.

Um ihren Patienten mit gutem Beispiel voranzugehen, veranstalteten sie schon am 11. August 1985 in Großkrotzenburg die erste Deutsche Triathlon-Meisterschaft der Ärzte und Apotheker, an der gleich 53 Kollegen teilnahmen.

An diesen Wettkampf kann sich Martin Engelhardt, heute 55 Jahre alt, noch sehr gut erinnern.

In 2:05:54 Stunden auf das Siegertreppchen

"Nach einem kurzen Volkstriathlon war die Ärzte-Meisterschaft erst mein zweiter Triathlon." Immerhin kannte er die Strecke in- und auswendig. "Auf den späteren Zweitplatzierten hatte ich nach dem Schwimmen einen Vorsprung von sechs Minuten, der beim Radfahren jedoch auf nur noch 20 Sekunden schmolz. Der abschließende Lauf wurde dann letztlich auch mental entschieden."

Seine Gesamtzeit von 2:05:54 Stunden bescherte ihm den obersten Podestplatz auf dem Siegertreppchen.

Besser hätte die erste Meisterschaft für den ersten Vorsitzenden des jungen Vereins nicht laufen können. Ebenso gut wie sein Wettkampf entwickelte sich auch sein Verein, der schon bald zum mitgliederstärksten Triathlon-Verein in Deutschland aufstieg.

Zeitweise engagierten sich 400 Triathleten im Verein, von denen viele zur deutschen und internationalen Elite zählten.

Als Gründe für den großen Erfolg sieht Martin Engelhardt rückblickend vor allem die vielen Aktivitäten seines Vereins: die Symposien und Publikationen, die Frauenförderung, die Entwicklung eines Sponsoringkonzepts, um den Spitzensportlern eine finanzielle Basis zu garantieren, sowie die Organisation von Trainingslagern, um deren Leistung zu verbessern.

Von Anfang an ging es dem TVDÄ auch darum, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Triathlon einem größeren Publikum bekannt zu machen. So ist es kein Wunder, dass das erste Triathlon-Symposium des Vereins bereits 1986 stattfand - mit 400 Teilnehmern!

"Das war schon etwas Besonderes", erinnert sich Engelhardt, heute Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Osnabrück.

1987 wurde er zum Präsidenten der DTU gewählt, den er zum größten nationalen Triathlonverband der Welt ausbaute, bevor er sein Amt 2001 abgab.

Engelhardt, der Ironman

Für den TVDÄ ein bewegendes Ereignis stellte die Triathlon-Meisterschaft 1990 dar, da erstmals auch Kollegen aus der damaligen DDR an den Start gingen.

Mit dem Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft sollten DTU und TVDÄ schon bald eine fruchtbare Kooperation eingehen.

Heute ist Martin Engelhardt Vorstandsvorsitzender des Instituts. 2011 übernahm er erneut die Präsidentschaft der DTU.

Zudem ist er Präsident der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), Herausgeber der Zeitschrift "Sportorthopädie - Sporttraumatologie" und der Schriftenreihe "Triathlon und Sportwissenschaft" sowie Mitglied der Medizinischen Expertenkommission des Deutschen Olympischen Sport-Bundes.

Auch hat Engelhardt als einer der ersten deutschen Triathleten den Ironman auf Hawaii erfolgreich beendet. "Das alles erfordert einerseits enorme Ausdauer und Disziplin und andererseits eine Prise Verrücktheit."

Seine Frau, selbst Ärztin und ehemalige Hochleistungssportlerin, unterstützt ihn. "Ich versuche in der Woche möglichst regelmäßig drei Ausdauertrainingseinheiten hinzubekommen", sagt der Arzt. "Aus Gesundheitsgründen fahre ich heute vornehmlich mit dem Rad."

Allgemeinarzt und Rekord-Marathonmann

Er läuft und läuft und läuft: Niemand hat mehr Marathonläufe beendet als der Hamburger Allgemeinarzt Christian Hottas.

Christian Hottas hält einen einsamen Rekord: 2323 Marathons ist der Arzt aus Hamburg gelaufen, 1968 normale und 354 Ultra-Marathons, der längste über 613 Kilometer. Seit dem 3. August 2011 führt der niedergelassene Allgemein- und Sportmediziner die Weltrangliste mit den meisten beendeten Marathons an.

Erfolgsgeschichte geht in neue Runde

Spalier für den Rekord-Marathonläufer Christian Hottas.

© Liebers

Alle Strecken zusammengerechnet, hat der Marathon-Mann die Erde mehr als fünfmal umrundet. Sein Debüt über die 42,195 Kilometer-Distanz erlebte Christian Hottas am 26. April 1987 in Hamburg.

Mit dem Laufen habe er begonnen, weil er bei einer Körpergröße von 1,71 Meter knapp 100 Kilogramm wog. Vier bis fünf Monate habe er zu jener Zeit für seinen ersten Marathon trainiert und sei zwischen 30 und 50 Kilometern pro Woche gelaufen.

"Etwas dünn", nennt er seine damalige Vorbereitung im Rückblick und sein Vorhaben durchaus "kühn".

Dafür war die Zeit - 4:30:39 Stunden - dann gar nicht so übel. Kaum dreieinhalb Monate später wagte sich Hottas schon an seinen ersten Ultramarathon, einen 80-Kilometer-Lauf, den er am 12. Juli 1987 in Karlsruhe ebenfalls abschloss - oder wie der Marathonläufer sagt: finishte.

Ein Rekord nach dem anderen

Seither hat der Arzt aus Hamburg Rekord an Rekord gereiht, eigene Bestmarken unterboten und dabei auch einige nationale wie internationale Höchstleistungen aufgestellt.

Jeder Lauf spukt als Zahl durch seinen Kopf. Sein schnellster Marathon: 2:59:20 Stunden. Seine schnellste Zeit über 100 Kilometer: 8:14:51 Stunden. Sein Rekord beim 12-Stunden-Lauf: 122,765 Kilometer. Beim 24-Stunden-Lauf: 178,250 Kilometer. Beim 48-Stunden-Lauf: 256,793 Kilometer.

Nicht immer ist der schnellste auch der beste Lauf. An die Deutsche Meisterschaft über 100 Kilometer am 30. September 1989 in Unna beispielsweise erinnert sich Hottas besonders gern. Damals lief er nach 8:20:04 Stunden ins Ziel.

"Das war ein glatter Fünfer-Schnitt." Bedeutet: Für jeden einzelnen der 100 Kilometer benötigte er nur fünf Minuten - noch Fragen? Absolvierte Hottas in den ersten Jahren seiner Laufkarriere noch 15 bis 25 Marathons pro Jahr, so waren es 2003 schon 171 - auch das ein Rekord.

Aus Mangel an Veranstaltungen und wegen der hohen Kosten (An- und Abreise, Startgebühren, Hotel) begann der Arzt, selbst Läufe zu organisieren, am liebsten an ungewöhnlichen Orten.

So lud er schon zu Marathonläufen übers Watt, in den Elbtunnel und über die alte, inzwischen abgerissene Rheinbrücke bei Wesel ein.

Daneben nahm er weltweit an spektakulären und für Normalsterbliche kaum zu bewältigenden Läufen teil wie etwa am härtesten britischen Rennen, dem "Grand Union Canal 145 Mile Trail Race Birmingham to London", das er 1998 als weltweit dritter Läufer ohne Betreuungsteam "finishte".

Der bewegendste Lauf seiner Karriere war ohne Zweifel sein 2000. Marathon, den er am 5. Mai 2013 in Hannover lief: mit der Startnummer 2000 und einer Eskorte von 81 extra für ihn angereisten Mitläufern aus elf Nationen, die im Ziel ein Spalier bildeten, um den Weltrekordler zu ehren. Nein, süchtig sei er nicht, wehrt Christian Hottas ab.

"Ich könnte das gut ohne aushalten", sagt er, "aber dann nähmen meine Fitness ab und mein Gewicht zu." Wog er zu seinen Bestzeiten zwischen 70 und 72 Kilogramm, so bringt er es heute, mit 59 Jahren, auf 90 Kilo, ist damit aber vollauf zufrieden. Und nein, Verschleißerscheinungen hätten sich bei ihm auch nach mehr als 200.000 gelaufenen Kilometern noch nicht eingestellt.

"Ich habe in meinem Leben vier Muskelfaserrisse gehabt", sagt der Arzt, "und zwei davon habe ich mir nicht beim Laufen zugezogen".

Wenn man es langsam angehen lasse, schone das die Gelenke, Knieprobleme habe er nicht. Inzwischen laufe er so gemächlich, dass er während eines Marathons einige hundert Fotos knipse. Außerdem könne man sich bei einem ruhigen Tempo besser unterhalten.

"Andere Leute treffen sich mit Freunden in der Kneipe, wir treffen uns beim Marathon, wo wir nicht gegeneinander, sondern miteinander laufen." "Lifestyle und Lebensqualität" sei ihm sein Sport, sagt Christian Hottas.

Und: "Jeder Lauf ist ein Geschenk." Diese Botschaft gibt er auch an seine Patienten weiter. "Ich rate jedem, mit dem Laufen anzufangen und zu sehen, welche Distanz für ihn die richtige ist.

Davon wird auf Dauer jeder profitieren - es muss ja kein Marathon sein."

Kassenzulassung zurückgegeben

Bei seinen Patienten hat sich längst herumgesprochen, welcher Leidenschaft ihr Hausarzt frönt. "Unter ihnen sind viele Läufer", sagt er, "auch aus dem Umkreis." 2013 hat er seine Kassenzulassung zurückgegeben und ist nun Privatarzt.

"Seither arbeite ich 40 bis 60 Prozent von dem, was ich vorher gearbeitet habe, verdiene aber dasselbe." Daneben hält er Vorträge - auch über das Laufen. Konkrete Ziele für die Zukunft hat Christian Hottas nicht.

"Vielleicht packe ich die 2500-er oder 3000-er Marke, aber das Wichtigste ist und bleibt das Wir."

Das habe sich vor einiger Zeit wieder einmal sehr deutlich gezeigt, als ein Mitläufer während eines Marathons kollabiert sei. "Eine Lauffreundin, im Beruf Krankenschwester, hat ihn stabilisiert - ohne ihre Hilfe wäre er wohl gestorben." (smi)

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