Ärzte Zeitung, 18.04.2016

Arbeiten bis 70?

Wer spät in Rente geht, lebt länger

Das dürfte die Hüter der Renten- und Krankenkassen freuen: Jedes Jahr, das wir ab dem Alter von 65 zusätzlich arbeiten, scheint die Lebenserwartung drastisch zu steigern. Man darf jedoch an den Resultaten einer US-Studie zweifeln.

Von Thomas Müller

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Könnte ein höheres Renteneintrittsalter den körperlichen und geistigen Abbau verzögern und das Morbiditätsrisiko mindern?

© ccfraken / fotolia.com

CORVALLIS. Sollten wir unserer Gesundheit zuliebe alle bis 70 arbeiten? Oder erst gar nicht in Rente gehen? Unsterblich würden wir dann nicht, aber offenbar viel länger leben.

Das legt eine US-Kohortenstudie nahe, die sich bemüht hat, den "Healthy-Workers-Bias" auszuschließen. So könnte man zunächst eine umgekehrte Kausalität vermuten: Wer mit 70 noch kerngesund ist und vor Tatendrang sprüht, will vielleicht noch gar nicht in Rente.

Dagegen ist so mancher, der sich mit 60 Jahren nur mit Mühe zur Arbeit schleppt und auf die vorgezogene Rente freut, vielleicht gesundheitlich schon so angeschlagen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Glaubt man jedoch Epidemiologen um Dr. Chenkai Wu von der Oregon State University in Corvallis, profitieren sowohl die Gesunden als auch die gesundheitlich Angeschlagenen von einem längeren Arbeitsleben (J Epidemiol Community Health 2016, online 21. März).

Ungesunde Rentner sterben früher

Für die Studie haben die Forscher Angaben zu knapp 3000 Teilnehmern der "Health and Retirement Study" (HRS) ausgewertet. Das Team um Wu begrenzte die Analyse auf eine Kohorte von Personen, die anfangs (mit 55 Jahren) noch arbeiteten und im Jahr 2010 bereits in Rente waren. Solche Personen wurden grob in "gesunde" und "ungesunde" Rentner eingeteilt.

Als gesunder Rentner galt, wer bei der Befragung aussagte, gesundheitliche Gründe hätten für den Renteneintritt keine Rolle gespielt. Dies war bei rund zwei Dritteln der Teilnehmer der Fall.

Bei dem Drittel der ungesunden Rentner waren Krankheiten für den Renteneintrittszeitpunkt von Belang - die Befragung gab damit allerdings nur wieder, wie gesund sich die Teilnehmer fühlten, nicht, wie gesund sie tatsächlich waren.

Wenig überraschend hatten die gesunden Rentner einen höheren Bildungsgrad und waren wohlhabender, auch trieben sie zum Studienbeginn mehr Sport, rauchten seltener und waren weniger übergewichtig und adipös - es gab also durchaus plausible Gründe, weshalb sie sich beim Renteneintritt gesünder fühlten.

Beim Rentenbeginn waren sowohl die gesunden als auch die ungesunden Rentner im Mittel rund 65 Jahre alt, die ungesunden Rentnern zeigten jedoch eine etwas größere Streuung beim Eintrittsalter: Etwas mehr als bei den Gesunden gingen um das 60. Lebensjahr in Rente, allerdings auch etwas mehr um das 70. Jahr - vielleicht, weil sie aus finanziellen Gründen so lange arbeiten mussten.

Bis zum Studienende nach im Mittel rund 17 Jahren waren 12 Prozent der gesunden Rentner gestorben und 26 Prozent der ungesunden. Wurde eine Reihe von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Lebensstil berücksichtigt, dann lag die Sterberate bei den ungesunden Rentnern um 84 Prozent höher als bei den Gesunden - auch das ist wenig überraschend.

Dennoch zeigten sich innerhalb der jeweiligen Gruppen deutliche und fast ähnlich große Unterschiede in Abhängigkeit vom Renteneintrittsalter: Bei den gesunden Rentnern ging jedes Jahr, das sie später in Rente gelangten, mit einer um elf Prozent reduzierten Mortalität einher, bei den ungesunden war diese um neun Prozent gesenkt.

Wer als gesunder Rentner jenseits der 67 Jahre den Ruhestand antritt, darf sich nach diesen Daten über eine rund 70 Prozent reduzierte Mortalität im Vergleich zur Rente mit 65 Jahren freuen, ein Renteneintritt vor dem 62. Lebensjahr geht hingegen mit einer 70 Prozent erhöhten Mortalität einher - bezogen auf einen Zeitraum von rund fünf bis zwölf Jahren. Bei den ungesunden Rentnern sind die Unterschiede etwas weniger ausgeprägt.

Wie lassen sich die dramatischen Differenzen nun erklären? Arbeit, so vermuten die Studienautoren um Wu, stiftet Identität, sorgt für finanzielle Sicherheit, fördert die kognitive Leistung und hat positive psychosoziale Auswirkungen.

Ein höheres Renteneintrittsalter könnte folglich - ganz im Sinne der Renten- und Krankenkassen - den "körperlichen, geistigen und mentalen Abbau verzögern sowie das Morbiditätsrisiko mindern", schreiben die Studienautoren.

Alles nur Survival-Bias?

Also doch am besten bis 70 arbeiten?

Die dramatischen Unterschiede bei der Mortalität zwischen zwei Jahre früherem und zwei Jahre späterem Renteneintritt machen jedoch stutzig. Vielleicht ist der Grund für die Unterschiede doch eher ein statistischer.

Wer bis 70 arbeitet, ist vermutlich zu diesem Zeitpunkt nicht schwer krank. In der Studie hatte er dann aber nur noch zwei Jahre Zeit zu sterben, da die Teilnehmer zum Studienende im Mittel 72 Jahre oder tot waren.

Relativ unwahrscheinlich, dass so ein Rentner innerhalb von zwei Jahren plötzlich schwer krank wird oder tot umfällt. Dagegen hat jemand, der mit 62 Jahren gesund in Rente geht, zehn Jahre Zeit - also fünfmal mehr - bis zum Studienende schwer krank zu werden und zu sterben.

Die Einteilung in gesunde und ungesunde Rentner löst das Problem also nicht wirklich, da nach wie vor der "Survival-Bias" auftritt.

Vielleicht taugt diese Studie also nicht gerade, um eine Erhöhung des Renteneintrittsalters zu begründen.

[18.04.2016, 17:05:52]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Menschen sind nicht gleich, ebenso wenig, wie kein Baum einem anderen gleicht.
Deshalb ist es leider kontraproduktiv zu fragen: "sollen wir alle bis 70 arbeiten".
Denn das führt ja gerade zu Ressentiments gegenüber denjenigen, die das machen.
Ja, es gibt eine Altersdiskriminierung für Berufstätige auch von der BfA,
es gibt auch Ressentiments gegen alte Mütter und alte Väter.

Wer lamentiert über die Rentenprognose und das "demographische Problem",
scheint ja wieder Wahlkampfthema zu werden,
der sollte Altersarbeit und "Kinder-kriegen" besser unterstützen. zum Beitrag »
[18.04.2016, 14:03:56]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wenn Sie der sind, der Sie vorgeben zu sein,
lieber Claus F. Dieterle, der mit "Biblischer Krankenheilung (Aufklärung, Beratung)" in Berlin, "als Heilpraktiker / Psychotherapie (sind meine) Behandlungsschwerpunkte Einsamkeit, Niedergeschlagenheit und Depression" anbietet. Und unter
http://www.theralupa.de/psychotherapie-psychologische-beratung/claus-f.-dieterle-biblische-krankenheilung-aufklaerung-beratung-berlin-2360.html
behaupten: "Dabei wende ich die Biblische Krankenheilung (Aufklärung und Beratung), Verhaltenstherapie und z.B. auch die Supportive Therapie an".

Dann frage ich mich doch unwillkürlich, ob Sie in den letzten 44 Jahren wirklich immer gearbeitet, bzw. vorgegeben haben, eine allgemeine "Heilkundeerlaubnis" zu besitzen, oder nicht doch eher nur Bibel-fromme Sprüche geklopft haben. Denn alle Ihre Beiträge und Kommentare, die ich hier in der Ärzte Zeitung lesen durfte, haben in mir den Eindruck von Weltfremdheit, abgehobenem Idealismus und unkritischer Bibel-Exegese hinterlassen. Abgesehen davon, schweiften Sie eigentlich immer vom tatsächlichen Thema der ÄZ-Veröffentlichungen ab. Nur so, als Denkanstoß!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (berufstätig als Arzt seit 1.10.1975)
 zum Beitrag »
[18.04.2016, 12:40:48]
Claus F. Dieterle 
Rente mit 65?
Denkste! Ich beabsichtige noch Jahrzehnte zu arbeiten und nehme als Christ die Verheißung in Psalm 92,15 in Anspruch: "Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein..." In den letzten 44 Jahren war ich nur zwei halbe Tage krank und habe seit 43 Jahren (seit 1973!) keinen Urlaub mehr gemacht (auch keine Kur) und das bei einer 70-Stunden-Woche. Wie kann ich so leistungsfähig sein? Mir geht es wie Paulus: "Allem bin ich gewachsen, weil Christus mich stark macht." zum Beitrag »
[18.04.2016, 07:24:17]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Und wer früher stirbt, ist länger tot!
Danke an ÄZ-Autor und Springer-Medizin Redakteur Thomas Müller für die sehr gute medizin-journalistische Aufarbeitung dieses komplizierten Themenkomplexes.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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