Ärzte Zeitung online, 17.05.2016

Sexueller Missbrauch

Fonds für Opfer bald ausgeschöpft

Mehr als 5000 Menschen, die als Kinder in Deutschland sexuell missbraucht wurden, haben bisher Anträge an einen Hilfsfonds gestellt. Der wurde 2011 von der Politik versprochen - die Summe aber kam nie zusammen und der Rest wird kaum ausreichen.

BERLIN. Der Hilfsfonds für die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien steht drei Jahre nach dem Start vor einer ungewissen Finanzierung.

Der mit rund 58 Millionen Euro gefüllte Fonds für zusätzliche Therapien und andere Hilfen sei fast leer, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, der Deutschen Presse-Agentur.

Bis April hätten mehr als 5000 Menschen, die in Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt in ihrer Familie erfuhren, Anträge gestellt.

Ländern weigern sich, einzuzahlen

Außer Bayern und Mecklenburg-Vorpommern weigern sich die Bundesländer, in den Fonds einzuzahlen. Der Bund hat einen Beitrag von 50 Millionen Euro geleistet.

Ursprünglich hatte die Politik nach dem Aufdecken großer Missbrauchsskandale 2010 in Deutschland 100 Millionen Euro für diese Opferhilfe zugesagt.

Der Fonds war ein Ergebnis des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch", der als Reaktion auf die Missbrauchsskandale an kirchlichen und staatlichen Schulen sowie anderen Einrichtungen Empfehlungen abgab. Die meisten Missbrauchsfälle ereignen sich innerhalb von Familien.

Der Fonds unterstützt Erwachsene, die noch immer unter sexuellen Übergriffen in Kindheit und Jugend leiden, aber bei ihrer Krankenkasse keinen Anspruch auf passende Therapien oder Lebenshilfen haben.

Pro Person wird dabei mit bis zu 10.000 Euro kalkuliert. Die Antragsfrist wurde im April verlängert. Allein im vierten Quartal 2015 stellten rund 500 Betroffene einen Antrag, danach stiegen die Zahlen nach bisheriger Schätzung noch weiter an.

Familienministerium ist optimistischer

Das Bundesfamilienministerium zeigt sich weniger pessimistisch als der Missbrauchsbeauftragte. "Wir gehen davon aus, dass wir die Anträge mit der bestehenden finanziellen Ausstattung weitgehend bewältigen können", sagte ein Sprecher von Ministerin Manuela Schwesig (SPD).

Falls die Summe wider Erwarten nicht ausreichen sollte, werde man gemeinsam mit dem Parlament über die weitere Finanzierung nachdenken müssen. Von 14 Bundesländern fehle nach wie vor jede Bereitschaft zur Beteiligung.

Von 2010 bis Mai 2015 riefen 56.000 Betroffene beim Hilfetelefon des Bundesbeauftragten Rörig an, fast 6000 schrieben Briefe. Der Beratungsbedarf blieb damit konstant hoch.

Noch immer fehlt es an Beratungsstellen, insbesondere für Männer, und an Therapieplätzen. Auch die langen Bearbeitungszeiten von Anträgen an den Fonds - zur Zeit rund ein Jahr - sind für viele Betroffene schwer nachvollziehbar.

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen sexuellen Missbrauch erlebt. "Der Haupttatort bleibt die Familie", sagt Rörig. "Aber es gibt jetzt auch viele Taten unter Gleichaltrigen - und steigende Fallzahlen durch Chat-Bekanntschaften in den digitalen Medien." (dpa)

[18.05.2016, 07:45:14]
Carsten Windt 
Schande auch über die Kirche
Gerade die katholische Kirche müsste erhebliche Mittel einzahlen. Was ist da bisher passiert? zum Beitrag »
[17.05.2016, 13:44:59]
Clemens M. Hürten 
Optimismus des Familienministeriums fehl am Platz! - und Schande für 14 Bundesländer!
Zunächst möchte ich die Wortwahl „Missbrauch” kritisieren: Wenn es einen Missbrauch von menschen gibt, dann muss es auch einen „Gebrauch” von Menschen geben! – Ich wünsche mir, dass Gewalt als das bezeichnet wird,was sie ist: GEWALT!
Und da gibt es psychische, körperliche und sexuelle Gewalt. Die psychische Gewalt ist in der körperlichen und sexuellen immer enthalten. Die Verletzungen aus jeglicher Gewalt sind als gleich schwer zu betrachten.

Und nun zum Beitrag:
Wenn der Fonds nahezu ausgeschöpft ist und gleichzeitig eine Zunahme der Antragstellungen beobachtet wird, dann kann dies doch kein Anlass zu Optimismus sein! Es kann nur Anlass sein, den Fonds erneut aufzufüllen und die jetzige Frist zur Antragstellung (31. August 2016) um mindestens zwei weitere Jahre zu verlängern.
Es ist politisch gewollter Euphemismus und Augenwischerei, von Optimismus zu sprechen, weil die Tatsache, dass der Fonds ab Ende August trotz weiterhin zunehmenden Bedarfs ausläuft, auf diese Weise nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit liegt.

Dass ausgerechnet auch „grün”-regierte Bundesländer nicht in den Fonds einzahlen oder eingezahlt haben, geichzeitig aber medial wirksam ständig von Engagement für Frauen, Gleichstellung usw. gefaselt wird, ist nur noch peinlich!

Als nächstes kritisiere ich massiv, dass die Tatsache der Existenz eines solchen Fonds, weder in der Ärzteschaft noch bei Psychotherapeuten ausreichend bekannt ist. Auch ich habe erst durch Zufall im Frühjahr 2015 davon erfahren. Während für die Bewerbung von allerlei Firlefanz des Bundesgesundheitsministeriums oder das Familienministeriums das Geld sprudelt, sehe ich betr. der Bewerbung des Fonds (im Sinne von ständiger, aktiver Information) nichts. Vielleicht will man ja gar nicht, dass die Mittel in Anspruch genommen werden?

Schließlich kritisiere ich die Halbherzigkeit, mit der der Fonds verwaltungstechnisch / organisatorisch betrieben wird! Von der Antragstellung bis zur Bewilligung vergeht etwa 1 Jahr. Die Menschen benötigen die Hilfe aber JETZT. – Das ist eine Situation wie bei der Mangelversorgung im Bereich Psychotherapie, wo mit ebenfalls bis zu einjährigen Wartezeiten auf einen Therapieplatz Chronifizierungen und Suizide von der Politik billigend in Kauf genommen werden!

Eine Klientin mit Borderline-Problematik konnte ihre Therapie in meiner Heilpraxis nicht mehr bezahlen. Der Fonds wäre die Rettung gewesen... wenn da nicht die einjährige Bearbeitungsfrist gewesen wäre.
Eine kassenfinanzierte Therapie kam für sie nicht mehr in Frage, da sie mehrere Therapie-Abbrüche hinter sich hatte, denn sie kam stets an Psychotherapeuten, die für die ambulante Therapie der Borderline-Problematik ungeeignet waren. Hier im Kreis Rottweil und angrenzenden Kreisen gibt es laut Angaben einer mir bekannten Psychotherapeutin nur eine einzige Psychotherapeutin, die derartige Probleme therapiert, aber niemanden mehr annimmt, da ihre Warteliste für 2 Jahre gefüllt ist!

Nun habe ich unter Einbeziehung des Fonds sexueller „Missbrauch” ein spezielles, kreditbasiertes Angebot entwickelt, um Klienten mit geringen finanziellen Mitteln eine qualifizierte und kurzfristige Therapie ohne Warteliste usw. zu ermöglichen:
www.therapie-gegen-gewalt.de
Kaum hatte ich es online gestellt, erfuhr ich, dass der Fonds zum 31. August 2016 ausläuft!

Ich könnte zurzeit zusammen mit zwei Klientinnen laut schreien! Denn gerade Menschen, die z.B. durch Gewalt in Kindheit und Jugend schwer eschädigt und evtl. auch traumatisiert worden sind, tragen Handicaps davon, die ihnen eine berufliche Entwicklung und den Aufbau einer materiellen Lebensgrundlage stark erschweren. Daher haben gerade diese Menschen meist nicht die Mittel z.B. alternativ verfügbare Therapiemöglichkeiten in Anspruch zu nehmen und zu finanzieren.

Noch ein Kritikpunkt: Der Fonds selbst ist meiner Ansicht nach falsch konzipiert, denn er schließt Menschen aus, die als Kinder / Jugendliche von Nicht-Familienangehörigen sexuelle Gewalt erlitten haben.
Zudem ist erwiesen, dass länger andauernde psychische Gewalt und auch körperliche Gewalt – gerade auch im familiären Bereich – ähnlich schlimme Verletzungen und Beeinträchtigungen hinterlässt, wie sexuelle Gewalt. Warum schließt der Fonds derartige Gewalt nicht mit ein? Würde das dann zu teuer? Oder haben wir hier Gewaltopfer erster und zweiter Klasse?
Und generell: Hatten wir nicht gerade erst wieder in den Nachrichten von furchtbarer Gewalt und »Schwarzer Pädagogik« in mehreren Heimen im Norden Deutschlands gehört? Das ist kein „sexuelle Missbrauch in der Familie” und diese Menschen finden ebenfalls keine adäquate Hilfe...

Warum nicht? Weil generell in Deutschland eine massive Unterversorgung mit Psychotherapie besteht und weil innerhalb der bestehenden Psychotherapie viel zu wenige Therapeuten bereit oder in der Lage sind, Menschen mit Traumatisierungen, mit Borderline-Problematik bzw. strukurellen Störungen zu therapieren.
Hier müsste es viel mehr Psychotherapeuten mit der Fortbildung »Schematherapie« geben, die dann auch GKV-Patienten therapieren müssten, statt wie bisher, meist nur in Kliniken oder gegen Privatzahlung zu arbeiten.

Und noch ein Problem, das der Beitrag hier glücklicher Weise klar benennt: Um männliche Opfer von Gewalt kümmert sich kaum jemand. Durch gewollte und gezielte mediale Manipulation ist schon seit Jahrzehnten der Eindruck geweckt worden, dass die Männer die Täter und die Frauen die Opfer seien. Siehe dazu auch diesen Artikel:
http://www.heise.de/tp/artikel/48/48221

Angesichts dieser Situation überlege ich, ob es möglich wäre, über einen Verein einen Hilfsfonds zu gründen, sodass spendenfinanzierte Psychotherapie möglich wird und die Klient/innen nur einen kleinen Beitrag selbst zahlen müssen, um ihrer Therapiemotivation damit Ausdruck zu geben.

Clemens M. Hürten - Heilpraktiker der Psychotherapie zum Beitrag »

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