Ärzte Zeitung, 10.10.2016

"Nebel im August"

Kinofilm zeigt die Hölle auf Erden

Behinderte und geisteskranke Menschen zu ermorden, war im Nationalsozialismus grausamer Alltag. Ein Kinofilm zeigt jetzt genau diese Brutalität – schonungslos.

Von Pete Smith

Kinofilm zeigt die Hölle auf Erden

Schwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) am Krankenbett.

© Bernd Spauke / Studiocanal / dpa

NEU-ISENBURG. "Wir können dir helfen", sagt der Direktor der Nervenheilanstalt Irsee zu dem 13-jährigen Ernst, seinem neuen Patienten. Der Junge fragt, ob es in der Klinik auch eine Schule gebe. Dr. Walter Veithausen verneint. Da huscht ein Lächeln über Ernsts Gesicht – alles ist gut.

Die Eingangsszene von "Nebel im August" ist exemplarisch, denn in Irsee ist nichts, wie es scheint. Die vermeintliche Idylle entpuppt sich schon bald als Hölle auf Erden und der väterliche Arzt als Teufel in Menschengestalt.

Kinofilm zeigt die Hölle auf Erden

Ernst Lossa (Ivo Pietzcker, links) und Anstaltsleiter Dr. Werner Veithausen (Sebastian Koch, rechts) im Film „Nebel im August“.

© Bernd Spauke / Studiocanal / dpa

Ausgezeichnet mit dem Bayrischen Filmpreis und dem Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke, ist der Film gerade angelaufen und bringt eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auf die Leinwand – die Ermordung geistig Kranker, die bis heute als "Euthanasie", als "schöner Tod", verharmlost wird.

Ermordung durch Giftinjektion

"Nebel im August" erzählt die authentische Lebensgeschichte des Ernst Lossa, der am 8. August 1944 in der sogenannten Nervenheilanstalt Irsee mittels Giftinjektion ermordet wurde. "Asocialer Psychopath" steht in seinem Totenschein. Ernsts Vater gehörte den Jenischen an, einem fahrenden Volk, das die Nazis als "Zigeunermischlinge" diffamierten und von denen viele in Konzentrationslagern starben.

Nach dem Tod der Mutter wurden Ernst und seine beiden Schwestern in ein Kinderheim gesteckt. Der unangepasste Junge galt als "nicht erziehbar" und wurde später von seinen Schwestern getrennt.

An diesen Moment kann sich Amalie Speidl, inzwischen 85 Jahre alt und in Backnang bei Stuttgart lebend, noch gut erinnern. "Tut euch von eurem Bruder verabschieden", habe man zu ihr und ihrer Schwester gesagt. "Er kommt jetzt in ein anderes Heim, ein schönes Heim, da hat er es sehr gut." Erst Jahrzehnte später sollte sie erfahren, was wirklich mit ihrem Bruder geschah.

Ankömmlingen wird der Kopf geschoren

Der Film beginnt bei Ernsts Ankunft in Irsee. Unmittelbar nach seiner Begegnung mit dem Anstaltsleiter erfährt der Junge den grausamen Alltag der Einrichtung. Ankömmlingen wird der Kopf geschoren, dann stellt man die jungen Patienten ruhig. Bald bekommt Ernst mit, wie eine Krankenschwester Kindern vergifteten Himbeersaft einflößt, damit sie den "süßen Tod" sterben.

Selbst als mit Einstellung der sogenannten T 4-Aktion das Morden offiziell verboten ist, geht das Sterben in Irsee weiter. Direktor Veithausen hat dazu einen Plan ausgeklügelt: "Wir haben dem Gemüse durch einen mehrstündigen Kochvorgang jeglichen Nährwert entzogen", rühmt er sich vor Kollegen und Parteigenossen. "Das heißt: Die Patienten verhungern, während sie essen." Das muss er vor seinem eigenen Personal vorerst kaschieren. Daher heißt es hier: "Die Suppe wird so lange abgekocht, bis sie absolut keimfrei ist."

Dass das Schicksal des 1929 in Augsburg geborenen Ernst Lossa nicht in Vergessenheit geraten ist, verdankt die Nachwelt den Recherchen des späteren Ärztlichen Direktors der Anstalt Dr. Michael von Cranach. In Ernst Lossas Krankenakten, sagt der Arzt, sei mehrfach vermerkt, dass der Junge versucht habe, anderen Patienten zu helfen. Von Cranach machte den Journalisten Robert Domes mit der Geschichte vertraut, der aus dem Stoff einen Jugendroman schrieb. Dieser bildet die Filmvorlage.

Anstaltsleiter wurde begnadigt

Ernst Lossas Mörder kamen weitgehend ungeschoren davon. Der Anstaltsleiter, der im wirklichen Leben Dr. Valentin Faltlhauser hieß, wurde 1949 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, eine Strafe, die wegen angeblicher Haftunfähigkeit immer wieder aufgeschoben wurde, bis das bayrische Justizministerium Faltlhauser 1954 begnadigte. Zwischen 1939 und 1944 ermordeten die Nazis mehr als 70.000 kranke und behinderte Menschen, viele der beteiligten Schwestern und Pfleger durften nach 1945 in ihren Berufen weiter arbeiten.

Den Film "Nebel im August" empfindet Amalie Speidl als "große Ehre". Dankbar sei sie, "dass man meinen Bruder nicht vergisst". Hauptdarsteller Ivo Pietzcker sehe ihrem Bruder tatsächlich ähnlich, sagte die 85-Jährige bei einem Treffen mit der Filmcrew, zu der auch die Schauspieler Sebastian Koch (Dr. Veithausen) und Fritzi Haberlandt (Oberschwester Sophia) zählen.

Eine Kamera hält die bewegende Begegnung der Generationen fest. Als der 14-jährige Darsteller die weinende Seniorin in den Arm nimmt, scheint es für den Moment so, als ob sie in Ivo tatsächlich Ernst sieht, ihren älteren Bruder, der im Unterschied zu ihr nie erwachsen werden durfte.

[10.10.2016, 20:18:32]
Wolfgang P. Bayerl 
vielleicht wäre ein Blick nach Syrien zeitgemäßer
dort werden gerade Frauen und Kinderleichen aus dem Meer gefischt. zum Beitrag »
[10.10.2016, 20:13:54]
Heidemarie Heubach 
heutige Parallelen wahrnehmen !
ob wir wirklich aus dieser furchtbaren Geschichte gelenrt haben ? - ich glaube: nein. Denn der Umgang mit hirnverletzten Komapatienten, genannt "Hirntote" läßt, leider, schon den Vergleich mit den damals als "unwertes Leben" betitelten Behinderten zu. Es mangelt an Ehrlichkeit, Transparenz und würdevollem Umgang mit diesen Patienten, die - nach Aussagen eines mir bekannten Explantationshelfers - zur Organgewinnung präpariert und wie Schlachtschweine ausgeweidet werden, wieder fernab jeglicher Öffentlichkeit und rein gewinnorientiert. Was damals "nur" Kosten produzierte, die Tötung von Menschen, bringt heute im zweitgrößten Geschäft der Welt, gleich nach der Rüstungsindustrie, Megagewinne für die Medizin-und Pharmaziebranche. Schlimmer wie damals finde ich das. zum Beitrag »

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