Ärzte Zeitung, 25.11.2016
 

In luftiger Höhe

So lernen Ärzte Bergsteiger zu retten

Die Weiterbildung zum Bergrettungsnotarzt hält für Ärzte Überraschungen parat. Dabei üben die Teilnehmer in einer Halle an Plastikpuppen, die an Seilen hängen, und lassen sich von einem nachgebauten Hubschrauber herab.

Von Barbara Schneider

So lernen Ärzten Bergsteiger zu retten

Eine Puppe als Patient: So üben Ärzte die Bergrettung bei einem Bewusstlosen nach einem Sturz.

© Barbara Schneider

Plötzlich wird es in der Halle hektisch. Die Leitstelle ist am Funk: Herzinfarkt in einer Seilbahngondel. Jörg Schüler und sein Team müssen jetzt schnell handeln. Der Arzt ruft den Rettungsflieger, schultert die Rettungstasche.

Nur ein paar Minuten später ist der Hubschrauber in der Luft. Er fliegt zur Hallendecke und schwebt über der Gondel. Von hier aus seilt sich Schüler langsam auf das Dach der Gondel ab.

Was aussieht wie im Ernstfall, ist in Wirklichkeit eine Übung. Jörg Schüler – gelber Helm auf dem Kopf, festes Schuhwerk, Klettergurt um die Hüfte – ist als Notarzt an diesem Tag nicht in den Bergen im Einsatz. Er trainiert in der Bergwacht-Halle in Bad Tölz.

Das Zentrum für Sicherheit und Ausbildung, in dem zwei Helikopter an der Decke schweben und eine Gondel zu Übungszwecken eingebaut ist, ist einzigartig in Deutschland. Hier bildet die Bergwacht Bergrettungsnotärzte für den Einsatz am Berg aus.

Bergwacht-Mitgliedschaft ist Pflicht

Jörg Schüler ist einer von insgesamt elf Ärzten, die an dem Kurs teilnehmen. Die Mediziner kommen aus ganz Bayern, auch zwei Österreicher sind dabei. Seit acht Jahren bildet die Bergwacht Ärzte für die Rettung im Gebirge aus.

Voraussetzungen sind alpine Erfahrung im Klettern und Skitourengehen, auch die entsprechende Kondition müssen die Anwärter mitbringen. Denn oftmals sind die Retter mehrere Stunden in schwierigem Gelände unterwegs, immer unter Zeitdruck. Und die Mediziner müssen Mitglied der Bergwacht sein.

Die Ausbildung umfasst sechs Module – angefangen beim Klettern und Skifahren, bis hin zur Luftrettung und zur Ausbildung in Höhenmedizin. Es ist eine Ausbildung, die im Prinzip jeder ehrenamtliche Bergretter der Bergwacht durchlaufen muss.

Die Ausbildung für die Ärzte ist allerdings kompakter und auf die speziellen Aufgaben der Mediziner zugeschnitten.

Die Ärzte lernen, wie sie im Winter verunglückte Skifahrer abseits der Pisten bergen ebenso wie Wanderer, die sich bei einer Bergtour verletzen oder einen Herzinfarkt in einer Seilbahn erleiden. Sie üben im Winter auf Skiern im Hochgebirge, im Sommer klettern sie im Gebirge. Die Flugrettung trainieren sie in der Halle in Bad Tölz.

Jörg Schüler hat inzwischen die Seilbahntür geöffnet und ist vom Dach in die Kabine geklettert. Seine Team-Kollegen kommen nach. Zusammen beginnen sie mit der Erstversorgung. Auf engstem Raum und in der wackeligen Gondel ist das eine Herausforderung.

"In die Berge, um hier zur Ruhe zu kommen"

Der 45-Jährige arbeitet sonst als Facharzt für Orthopädie in einer Praxis in Wasserburg am Inn. Er hat lange als Notarzt gearbeitet, weiß also, worauf es bei Notfällen ankommt. Seit vergangenem Jahr ist er bei der Bergwacht. Ehrenamtlich.

"Ich gehe gerne in die Berge, um hier zur Ruhe zu kommen", sagt er. Als Bergretter wird er gerufen, wenn ein Skifahrer verunglückt, ein Wanderer einen Schwächeanfall erleidet oder ein Gleitschirmflieger abstürzt.

Schüler gehört zur Bergwacht Wasserburg, die die Kampenwand im Chiemgau betreut. Bayernweit gibt es insgesamt 300 Stützpunkte der Bergwacht in den Bergen – davon 90 Rettungswachen im Talbereich.

7000 Einsätze im Jahr

Im vergangenen Jahr musste die Bergwacht Bayern rund 7000 Mal ausrücken. Besonders häufig werden die Bergretter im Winter gerufen: In der vergangenen Skisaison waren die Retter den Angaben der Bergwacht zufolge 3400 Mal im Einsatz.

Ein Großteil der Unfälle passierte beim Skifahren oder Snowboarden. Es gab aber auch sechs Lawineneinsätze. Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen. Deshalb trainieren die Ärzte gerade schwierige Situationen.

In der Halle sind mehrere Stationen aufgebaut. Die Ärzte üben verschiedene Situationen. Sie müssen einen Bergwanderer retten, der 150 Meter abgestürzt ist und mit multiplen Verletzungen am Steilhang liegt.

Rettungspuppe hängt im Seil: was tun?

An einer weiteren Station geht es um einen Kletterer, der nach einem Steinschlag bewusstlos ist. An der Kletterwand hängt eine Simulationspuppe in Klettermontur. Kopfüber, abgestürzt.

Ulrike Eifert und ihr Team müssen den verunglückten Kletterer bergen. Die Ärztin berät sich mit ihren Kollegen: Wer kontaktiert die Leitstelle? Wer fliegt mit dem Hubschrauber los und birgt den bewusstlosen Kletterer? Welche Vorbereitungen müssen getroffen werden?

Nachdem die Aufgaben verteilt sind, greift die Ärztin zum Funk und fordert einen Hubschrauber an.

Ulrike Eifert ist die einzige Frau in der Halle. Die Ärztin aus Sonthofen ist in ihrer Freizeit viel in den Bergen unterwegs. In der Bergrettung zu arbeiten, war schon immer ihr Traum. "Mich reizt der Arbeitsplatz in den Bergen, in unwegsamem Gelände Leute zu retten", sagt sie über ihre Motivation.

Wie eine medizinische Versorgung unter schwierigen Bedingungen möglich ist, wie sie sich aus einem Hubschrauber abseilt und einen Patienten im Bergesack evakuiert, das lernt sie in dem Lehrgang.

Nur die nötigsten Instrumente und Medikamente dabei

Viele Medikamente und Instrumente haben die Ärzte in ihrem Rettungsrucksack nicht dabei. Nur das nötigste: Sauerstoff, Infusionen, EKG, Pulsoximeter, Defibrillator. Das Gepäck muss leicht sein. Denn es kann sein, dass die Bergretter erst einmal drei bis vier Stunden hinaufsteigen oder mit den Tourenskiern durch unwegsames Gelände laufen müssen.

In der Halle hat Ulrike Eifert inzwischen den Bergesack ausgepackt. Behutsam hebt sie zusammen mit einem Kollegen die Simulationspuppe in den Sack. Die Ärztin schaut sich die Wunde am Kopf an, untersucht das linke Bein, das völlig verdreht daliegt.

Ein Kollege übernimmt, dann funkt sie an die Leitstelle: "Offenes Schädelhirntrauma nach Steinschlag in Kombination mit Oberschenkelfraktur links." Die Ärzte wissen, was zu tun ist. Ruhig und ohne Hektik versorgen sie den Patienten, legen Infusionen, intubieren, schließen ein EKG an.

Im Anschluss an den Übungsdurchlauf sprechen die Ärzte ihren Einsatz in der Seilbahngondel kritisch durch. Das Feedback ist positiv: Das Team hat die Verunglückten gerettet.

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