Ärzte Zeitung, 18.01.2017
 

Hepatitis C

Der Krankheit ein Gesicht geben

Mit dem Kunstprojekt "HCV ins Bild rücken" versuchen Hepatitis-C-Patienten, ihre Erfahrungen mit der Krankheit zu verarbeiten und Zeichen für die Öffentlichkeit zu setzen.

Von Volker Schuck

Der Krankheit ein Gesicht geben

Kreative Arbeit mit Mosaiksteinen: Chance für Hepatitis-C-Patienten, sich mit der Erkrankung zu beschäftigen.

© Volker Schuck

MÜNCHEN. Künstlerin Sabine Stamm beugt sich über das noch unfertige Mosaik und zeigt der jungen Frau: "Hier würde ich die Figur mit Fensterglas begrenzen." Stamm ist mit sechs Hepatitis-C-Patienten in einem kleinen Atelierraum dabei, deren Erfahrungen mit der Erkrankung in Mosaikbilder zu übersetzen. Die Figur ist ein merkwürdiges Tier, ein "bunter Hund", wie ihn die junge Frau nennt, die ihn gezeichnet hat. Er soll nach ihrer Aussage das Animalische, aber auch das Lebendige verkörpern.

Öffentlichkeit herstellen

Das gemeinsame Wochenende in München hat sie alle im Rahmen des Kunstprojekts "HCV ins Bild rücken" zusammengeführt. Das vom Unternehmen AbbVie unterstützte und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Leberhilfe konzipierte Projekt erfreut sich von Beginn an eines enormen Zuspruchs. Die Veranstaltung hat damit das gesetzte Ziel deutlich erreicht: Betroffenen die Chance zu vermitteln, der Krankheit ein Gesicht zu geben sowie die Öffentlichkeit über die Erkrankung zu informieren und damit das Wissen um Hepatitis C zu fördern.

Seit 2014 finden dreimal jährlich in verschiedenen Städten Deutschlands Workshops statt. Als Schirmherrin für das Projekt konnte Karin Maag gewonnen werden. Sie ist Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages und setzt sich dort unter anderem auch für die Belange von Menschen mit chronischen Erkrankungen ein.

Im vergangenen Jahr ging es um das Schwerpunktthema "Heilung". Dabei wurde in jedem Workshop eine andere gestalterische Technik gewählt. In München zum Beispiel waren dies die Mosaikarbeiten, die der künstlerischen Leiterin Sabine Stamm zufolge durchaus eine symbolische Komponente haben: "Es geht dabei auch darum, ein in Brüche gegangenes Leben wieder zusammenzufügen".

Gewiss würde jeder Workshop-Teilnehmer dies unterschreiben: Denn wie sehr die Biografien der Patienten durch die Erkrankung beschädigt sind, das offenbaren sie nach und nach im persönlichen Gespräch.

Die Entscheidung für die Therapie, für das Leben, ist oft nicht der große Wendepunkt, der die Befreiung bringt. Das betont eine der Teilnehmerinnen, die ihr Bild "Der Virus ist eliminiert, der Stempel bleibt" genannt hat: Ein zweifarbiger Stein steht für den Moment, an dem sie – trotz Vorbehalte gegen die Ärzte, wie sie sagt – für eine Behandlung bereit war, nachdem sie einige Freunde an die Krankheit verloren hat. Eine Schnur mit Steinen hat sie in ihr Bild geklebt, als Symbol für die besiegten Viren. Ein weiteres Mosaik zeigt ebenfalls den Übergang vom Zustand "vor der Behandlung" zu dem "nach der Heilung": Eine strahlende Sonne dominiert das Bild, das im oberen Teil noch chaotisch wirkt, mit vielen verteilt angeordneten andersfarbigen Steinen. Im unteren Teil wird es ruhiger und strukturierter: So fühlt es sich an, meint die Künstlerin, wenn man das Leben wieder in den Griff bekommt und eine positivere Einstellung dazu gewinnt. Dazu habe auch beigetragen, dass sie im Gefühl lebe, allen Schwierigkeiten zum Trotz – zum Beispiel im Beruf – die Krankheit allein überwunden zu haben.

Ambivalenz der Gefühle

Festhalten am Schönen, aber auch das Negative nicht verleugnen – das ist der Tenor vieler Aussagen, die in diesem Workshop zu hören sind. Denn eine Heilung, die Elimination des Virus, bedeutet schließlich nicht, dass damit das Leben wieder eine Wendung ins Positive bekommen muss.

Diese Ambivalenz der Gefühle zeigt sich auch in den angefertigten Bildern: "Die Träne" beispielsweise ist nicht nur Zeichen des Leids, sondern auch der großen Emotion und der Freude – Schmerz und Heilung kommen hier zusammen. Die überdeutliche Träne im Augenwinkel zeugt auch von Erleichterung. Und nicht zuletzt, auch das betont ein Teilnehmer des Workshops, ist die Beschäftigung mit der HCV-Infektion nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, sondern auch mit der Umwelt. Wie könnte man das besser vermitteln als durch ausdrucksstarke Bilder?

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