Ärzte Zeitung, 20.01.2017
 

Raumschiff Enterprise

"Medizin im 20. Jahrhundert ist ja finsteres Mittelalter!"

Tricorder, PADD, Hypospray: Die Drehbuch-Autoren von Raumschiff Enterprise erdachten visionäre Technologien – für damalige Verhältnisse. Mittlerweile haben Forscher einige Tools entwickelt, die den Star Trek-Vorbildern erstaunlich nahe kommen.

Von Pete Smith

"Medizin im 20. Jahrhundert ist ja finsteres Mittelalter!"

Schöne neue Welt der Medizintechnik: der Tricorder aus dem Raumschiff Enterprise.

© Elaine Thompson / AP Photo / picture alliance

Dr. Leonard Horatio McCoy, leitender Schiffsarzt der "Enterprise", ist alarmiert. Leutnant Chekov wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Wären sie in ihrer Gegenwart, dem 23. Jahrhundert, müsste er sich um den Navigator nicht sorgen. Aber sie sind 300 Jahre in die Vergangenheit gereist.

"Wir dürfen ihn nicht der Medizin des 20. Jahrhunderts überlassen!", stöhnt McCoy. Im 20. Jahrhundert wurden Wunden noch mit Nadel und Faden genäht. Es gab Dialyse. Und Chemotherapie. Admiral McCoy, genannt "Pille", kann es nicht fassen: "Das ist ja finsteres Mittelalter!"

Der 2227 geborene Bordarzt, Verfasser des medizinischen Standardwerks "Leonard McCoys vergleichende Physiologie außerirdischer Spezies", gehört seit 2266 zur Crew des Raumschiffs Enterprise.

Wie Captain Kirk, Mr. Spock und Commander "Scotty" Scott kann sich auch "Pille", wie er von seinen Kollegen liebevoll genannt wird, den mitunter stressigen Alltag durch eine Reihe recht nützlicher Technologien erleichtern.

Spektakuläre Entwürfe

Tricorder, PADD, LCARS und Hypospray, für die vor 50 Jahren gestartete "Star-Trek"-Reihe erdacht, sind aus heutiger Sicht geradezu spektakuläre Entwürfe, die Scanner, Smartphone, Tablet, Sprachsteuerung und elektronische Krankenakten vorwegnehmen.

In der am 8. September 1966 erstmals ausgestrahlten Serie wurden überdies höchst modern anmutende medizinethische Fragen erörtert. Das wurde bei der Fortbildungsveranstaltung "Medizin und Ethik in der Zukunft – 50 Jahre Raumschiff Enterprise" deutlich, zu der Dr. Kurt W. Schmidt, Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin am Agaplesion Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main eingeladen hatte.

"Das war schon visionär", kommentiert der Medizinethiker die frühen "Star Trek"-Folgen. "Jahre später begann eine Debatte, ob es künftig Computern gelingen werde, aus den gewonnenen Daten eines Patienten eine eindeutige Diagnose zu erstellen. Heute sind die Informatiker zurückhaltender – man kann auch sagen: Sie gehen strategischer vor. Ihr Ziel ist jetzt, dass der Computer den Arzt bei der Diagnosestellung unterstützen soll."

Als Beispiel nennt Schmidt das von IBM entwickelte Computersystem "Watson", das "Informationen über den Patienten mit aktuellen Befunden und Unmengen an medizinischer Fachliteratur abgleicht und dem Arzt am Ende mögliche Diagnosen bereitstellt".

Als "Pille" seinen Dienst auf der Enterprise antritt, betrachtet er die technischen Errungenschaften durchaus ambivalent. Während er die Teleportation ("Beamen") kategorisch ablehnt, hat er gegen die medizinischen Innovationen nichts einzuwenden.

Vor allem der Tricorder (TRI-function reCorder) leistet McCoy und den anderen Crewmitgliedern unschätzbare Dienste. Das portable Allzweckgerät mit mehr als 200 Sensoren kann in Nullkommanichts sowohl physikalische als auch medizinische Parameter erheben, etwa den Mineralgehalt eines Felsens oder den Grad einer Verletzung, Blutdruck, Puls, Blutzucker und Körpertemperatur.

Viele Nachahmer gefunden

Die von Drehbuch-Autoren erdachte Technologie überzeugte so sehr, dass sie Jahrzehnte später in der Realität mehrfach Nachahmer fand. So brachte das Unternehmen Vital Technologies Corporation 1996 ein Gerät auf den Markt, das wie der Tricorder unterschiedlichste Werte misst.

2011 lobte die X-Prize Foundation einen mit zehn Millionen US-Dollar dotierten Preis für ein mobiles Gerät aus, das "Patienten besser als oder genauso gut wie ein Gremium approbierter Ärzte diagnostizieren kann". Der "Tricorder X Prize" soll 2017 verliehen werden. 312 Teams aus 38 Ländern haben sich am Wettbewerb beteiligt.

Neben dem Tricorder stehen McCoy, Kirk und Spock weitere elektronische Geräte wie das PADD (Personal Access Display Device: persönliches Zugriffs- und Anzeigegerät) zur Verfügung. Das ist eine Art Taschencomputer, mit dessen Hilfe die Raumfahrer Arbeiten kontrollieren, Systeme überprüfen und Nachrichten versenden können.

Das Akronym erinnert nicht von ungefähr an das englische Wort Notepad (Notizblock), das auch Namenspate des Notebooks und iPads war. Bereits Anfang der 1990-er Jahre brachte Apple seinen Personal Digital Assistant (PDA) heraus, der angeblich durch das PADD inspiriert wurde. Heute sind Tablets gang und gäbe.

Vergleich mit Touchscreens möglich

Die Anzeige eines PADDs wird durch LCARS (Library Computer Access and Retrieval System: Bibliothekscomputer-Zugriffs- und Abfragesystem) gesteuert, eine benutzerfreundliche und zugleich intuitive Oberfläche, die sich dem jeweiligen User anpasst und seit "Raumschiff Enterprise – Das nächstes Jahrhundert" (1987-1994) auch sprachgesteuert funktioniert.

Vergleichbar ist sie am ehesten mit den heute üblichen Touchscreens. Nutzer des Linux-Betriebssystems übersetzen LCARS spaßeshalber mit "Linux can also run Starships" ("Linux kann auch Raumschiffe steuern").

Tatsächlich haben sowohl Windows als auch Linux Benutzeroberflächen entwickelt, die den heimischen PC optisch an LCARS anpassen.

"Bei Star Trek können sich zudem alle Lebewesen untereinander verständigen", ergänzt Kurt Schmidt. "Die gesamte Serie ist auf Frieden durch Verständigung angelegt. Möglich macht das ein Universalübersetzer. Etwas Ähnliches hat inzwischen die Firma Voxtex entwickelt. Der Phraselator 2 kann bis zu 60 Sprachen ausgeben."

Ein portables Allzweckgerät

Die Phantasie der Enterprise-Autoren war grenzenlos. Sie erfanden zum Beispiel den Tricorder (TRI-function reCorder). Dieses portable Allzweckgerät mit mehr als 200 Sensoren konnte in Nullkommanichts sowohl physikalische als auch medizinische Parameter erheben.

Der Tricorder war in der Lage, etwa den Mineralgehalt eines Felsens, die Anzahl der in der Nähe befindlichen Lebewesen, den Grad einer Verletzung, Blutdruck, Puls, Blutzucker und Körpertemperatur zu bestimmen.

Lesen Sie dazu auch:
Ist Captain Kirk Philosoph?: Star Trek und die Ethik der Medizin

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