Ärzte Zeitung online, 09.02.2017
 

Dubioses Pulver in Briefsendungen

Detektivarbeit mit Elektronenmikroskop

Mehrere Dutzend Briefe mit dubiosem Pulver haben Unbekannte im Januar an deutsche Justizbehörden verschickt. Ermittlungen gestalten sich aufwändig und sollen zentral ausgewertet werden. Die Behörden gehen von einem Zusammenhang aus.

Von Iris Leithold

SCHWERIN. Stundenlang gesperrte Gerichte, Feuerwehrleute in Schutzanzügen, Speziallabore im Dauereinsatz: Eine Serie von Briefsendungen mit dubiosem Pulver hat im Januar deutsche Justizbehörden in Aufregung versetzt. Über mehrere Tage verteilt gingen 25 verdächtige Briefe ein – beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ebenso wie bei der Justiz in Neubrandenburg. Allein im kleinen Mecklenburg-Vorpommern waren es fünf. "Weitere zwölf Briefsendungen mit Pulver wurden auf dem Postweg angehalten", sagt Christian Pfab von der Staatsanwaltschaft im bayerischen Coburg. Dort ist ein bundesweites Sammelverfahren gegen unbekannt eingeleitet worden.

Die Pulver erwiesen sich nach Laborprüfungen in allen Fällen als harmlos – bislang wurden in Deutschland noch nie biologische Substanzen in solchen Briefen nachgewiesen. Allein um biologische Erreger auszuschließen, untersuchen Wissenschaftler Pulverproben zunächst unter dem Elektronenmikroskop.

Keine voreiligen Schlüsse

"Dem schließen sich molekularbiologische Untersuchungen an", sagt Julia Sasse vom Robert Koch-Institut Berlin. Mit den Tests werde nach etwa zehn biologischen Substanzen gefahndet. Welche das sind, will sie nicht sagen. "Die ersten Ergebnisse liegen nach wenigen Stunden vor."

Die Wissenschaftlerin warnt davor, bei vermeintlichen Anschlägen mit verdächtigen Substanzen in Briefen nur die Möglichkeit biologischer Erreger in Betracht zu ziehen. Das sei stets der erste Gedanke, seit 2001 in den USA Briefe mit Milzbrandsporen versandt worden waren. Fünf Menschen starben nach Kontakt mit dem weißen Pulver. Sasse zufolge müssen dubiose Briefinhalte auch auf Radioaktivität, flüchtige chemische Substanzen und Sprengstoff untersucht werden. Das erledigen in der Regel die Einsatzkräfte vor Ort.

Verdächtiges Pulver rieselt

Nach den Anthrax-Fällen 2001 in den USA gab es in Deutschland eine Riesen-Welle von Nachahmern, erinnert sich Wissenschaftlerin Sasse. "Wir haben irgendwann aufgehört zu zählen." Ihr wäre es lieb, wenn die mediale Aufmerksamkeit bei solchen Vorkommnissen geringer ausfiele. Das sieht der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement Darmstadt genauso. "Wir raten, diskret mit solchen Fällen umzugehen", sagt er. Andernfalls könnten Nachahmer auf den Plan gerufen werden.

Doch Anfang des Jahres wurden plötzlich reihenweise solche Fälle bekannt. Am 11. Januar rieselte Mitarbeitern in mehreren Bundesländern verdächtiges Pulver entgegen, als sie Briefe öffneten. Auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe war betroffen. Das Innenministerium in Baden-Württemberg äußerte kurz danach die Vermutung, dass es sich wohl um Puderzucker gehandelt hatte.

Doch wer verschickt solche Briefe – und nimmt in Kauf, dass damit eine enorme Reaktion von Einsatzkräften ausgelöst wird? Kriminalpsychologe Hoffmann sieht eine Motivation in der Freude mancher Menschen daran, für Unruhe und Angst zu sorgen. "Wenn ein Gebäude geräumt wird, kann sich ein Täter einreden: ,Ich bin wirkungsmächtig.‘" Das steigere das Selbstwertgefühl. Auch Wut auf Behörden könne eine Rolle spielen.

Die Welle vom Januar gehört zu den größeren Vorkommnissen dieser Art in den vergangenen Jahren. 2014 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamts elf Briefsendungen mit Verdacht auf "Ausbringung gesundheitsgefährlicher Substanzen" registriert, wie es im Amtsdeutsch heißt. Im Jahr darauf waren es 14, Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor. Ermittelt wird meist wegen Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, so auch in den jüngsten Fällen. Mitunter gelingt es, die Absender ausfindig zu machen. Laut BKA wurde 2015 eine Frau zu 600 Euro Geldstrafe verurteilt, die ein Jobcenter mit angeblichem Milzbrand bedroht hatte. (dpa)

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