Ärzte Zeitung online, 24.03.2017
 

Deutsches Hygiene-Museum

Sprache wird sichtbar

Wie kann Sprache dargestellt werden? Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden wagt die Herausforderung und zeigt in einer Sonderausstellung, wie Worte im Mund entstehen und welche kulturelle Bedeutung Sprache hat. Gespannt wird ein weiter Bogen von der menschlichen Physis bis zur gesellschaftlichen Identität.

Von Luise Poschmann

Sprache wird sichtbar

Die biologische und kulturelle Bedeutung von Sprache wird anhand von Exponaten sichtbar gemacht.

© Oliver Killig

DRESDEN. Wenige Wochen vor seinem Freitod stellt der an einem Hirntumor erkrankte Autor Wolfgang Herrndorf in seinem digitalen Tagebuch fest, seine Sprache sei "seit Tagen kaputt". Er könne sich mit "C." kaum sinnvoll unterhalten, notiert er im Frühsommer 2013. "Sie versucht meine Sätze zu erraten und zu ergänzen. Ich bin traurig."

Bei Herrndorf, der kurz nach der Diagnose innerhalb von kürzester Zeit den fulminanten Jugendroman "Tschick" veröffentlichte, war 2010 ein Glioblastom festgestellt worden. Auf seinem zunächst privaten, mittlerweile veröffentlichten und anonymisierten Blog "Arbeit und Struktur", hielt er in den folgenden drei Jahren Eindrücke aus seinem Leben fest – vom Baden im See bis hin zu seinen körperlichen Veränderungen durch die Krankheit.

Die Sprachstörungen belasten den Schriftsteller immer mehr. Im Supermarkt kann er sich gegenüber einer Kassiererin nicht verständlich machen, beim Schreiben fehlen ihm die "passenden Verben". "Und wenn ich sie habe, fehlt mir die Konjugation. Das kann ich nicht für das Lektorat aufsparen, weil ich gar nicht weiß, was ich eigentlich sagen will."

Sprache vermittelt Zugehörigkeit

Die Sprachlosigkeit nimmt dem Menschen einen bedeutenden Teil seiner Kommunikation. Durch Sprache bringen wir Gedanken und Gefühle zum Ausdruck, sie dient dazu, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben. Sie ist aber auch ein bedeutender Faktor persönlicher und kultureller Identität, sie vermittelt Zugehörigkeit oder eben auch Ausgrenzung.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung "SPRACHE: Welt der Worte, Zeichen, Gesten" läuft noch bis 20. August 2017 im Deutschen Hygiene-Museum Leipzig.

Als Kooperationspartner beteiligt ist die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Weitere Infos, Öffnungszeiten und Eintrittspreise: www.dhmd.de

Diesem komplexen Gebilde widmet sich derzeit die Sonderausstellung "Sprache" im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, die noch bis zum 20. August zu sehen ist. In vier Abteilungen beleuchten die Kuratoren vielfältige Aspekte der Sprache: Ihre körperlichen Grundlagen, ihre sinnliche Wahrnehmung, Sprache als "Macht und Magie" und Sprache als Ausdruck von Zugehörigkeit und Selbstbestimmung in der heutigen Welt.

Seit seiner Gründung durch den Dresdner Industriellen und "Odol"-Fabrikanten Karl-August Lingner im Jahr 1912 verfolgt das Museum das Ziel, mit Hilfe von modernsten Techniken und einer besonderen Anschaulichkeit Kenntnisse über die Anatomie des Menschen zu vermitteln. Mit Blick auf die Sprache ist dies kein einfaches Unterfangen. Denn wie kann bildlich dargestellt werden, was maßgeblich aus Lauten besteht?

Dieser Aufgabe stellt sich in besonderer Weise der erste Ausstellungsraum, der unter dem Titel "Homo Loquens – Zur Sprache kommen" steht. Empfangen wird der Museumsbesucher durch ein übergroßes Modell eines "Muskelkopfes" aus den 1920er Jahren, der den Mund weit geöffnet und das Gesicht offenbar zu einem Schrei verzerrt hat. Er zeigt anschaulich, wie die Muskeln das Sprechen begleiten und der Ausdruck die Laute ergänzt.

Schnelle Artikulation von Lauten

Um sich der Anatomie des Sprechens zu nähern, bedient sich das Museum vielfältiger darstellender Möglichkeiten aus mehreren Jahrzehnten. Eine Zeichnung des Phonetikers Hector Marichelle aus dem Jahr 1902 etwa stellt verschiedene Lippenstellungen fest. Möglich machte ihm diese Beobachtung die Erfindung der Chronofotografie, mit der die Artikulation von Lauten auch bei schnellen Lippenbewegungen nachvollzogen werden konnte. Ungleich detaillierter ist die Bildgebung nach heutigen Verfahren möglich.

So wird im abgedunkelten Raum der Tonfilm einer Magnetresonanz-Tomografie (MRT) gezeigt, der erst im letzten Jahr angefertigt wurde. In Echtzeit kann der Zuschauer die Form- und Lageveränderungen der Zunge, des Gaumens, des Kehldeckels und des Kehlkopfes verfolgen, während der im Profil stehende Sprecher aus einem Text vorliest oder von eins bis zehn zählt.

Sprache und Werkzeug

Sprache wird sichtbar

Detail einer Tastatur mit Lexigrammen in der Zeichensprache Yerkish.

© Oliver Killig

Doch wie kamen die Menschen überhaupt erst zur Sprache? Ein nachgebildeter Faustkeil steht für ein Experiment, dessen Ergebnisse ein Forscherteam um Thomas Morgan von der University of St. Andrews Anfang 2015 im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlicht hat. Die Wissenschaftler wollten den Nachweis erbringen, dass die Herstellung des Werkzeuges im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung des Menschen gestanden haben könnte.

Probanden sollten in Gruppen gemeinsam eine Steinklinge aus der Zeit der Olduwan-Kultur vor rund 2,6 bis 1,5 Millionen Jahren herstellen und sich dafür unterschiedlicher Kommunikations- beziehungsweise Lerntechniken bedienen. Einige durften bei der Produktion nur zuschauen und es anschließend selbst versuchen, anderen wurde mittels Gestik geholfen. Die besten Ergebnisse erzielte – wenig überraschend – die Gruppe, die zur Vermittlung Sprache benutzte. Der Faustkeil ist im Museum natürlich nur ein Hinweis auf die umfangreichen Forschungen zur Sprachentwicklung, die noch längst nicht abgeschlossen sind.

Wie sich die ersten Schritte in einer völlig neuen Sprache anfühlen, können die Besucher live vor Ort erfahren. An der Universität Edinburgh und am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen wurde eigens für die Dresdner Ausstellung eine interaktive Lernstudie entwickelt. In deren Mittelpunkt steht die künstliche Sprache "Ferro", die nicht aus Wörtern, sondern aus Symbolen besteht. Anhand der Teilnehmer im Museum wollen die Forscher weitere Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Menschen Sprachen lernen.

Ist Sprache schließlich erlernt, bilden sich Sprachräume und Sprachheimaten. Auch wenn etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mittlerweile mehrere Sprachen beherrscht, wird kulturelle Identität weiter oft auch über eine gemeinsame Sprache definiert. Über Generationen hinweg überliefern Lieder, Sprüche und Märchen die Traditionen einer Gesellschaft.

Ausgrenzung mit Holztäfelchen

Im Umkehrschluss kann Sprache aber auch genutzt werden, um andere Menschen aus einer Gesellschaft auszuschließen. Eine fremde Sprache oder ein Dialekt kann selbst bei sonstiger Zugehörigkeit ausgrenzende Wirkung haben. In der Ausstellung wird ein Holztäfelchen mit der Aufschrift "Breton" aus den 1930er Jahren gezeigt. Dieses wurde an der Schule Saint-Nicolas-du-Pélem zur Demütigung von Kindern verwendet, die den bretonischen Dialekt sprachen. Mit der Einführung der öffentlichen Schule im Jahr 1882 sollte das Hochfranzösisch als einzige legitim gesprochene Sprache durchgesetzt werden.

Noch deutlicher wird die Ausgrenzung durch die Instrumentalisierung von Sprache durch Populisten und Rechtsextreme. Dies geschieht auf zweierlei Art: Einerseits werden Fremde aufgrund ihrer Nichtzugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft diskriminiert. Andererseits wird Sprache ganz bewusst eingesetzt, um fremdenfeindliche Ansichten zu verbreiten und zu verstärken.

Es ist kein Geheimnis, dass bestimmte politische Parolen oder Kampfbegriffe dazu in der Lage sind, Emotionen und die öffentliche Diskussion in bestimmte Bahnen zu lenken. Durch ständige Wiederholung sickern Ausdrücke in den Alltag ein und werden durch ihre weitere Verwendung oft ohne große Mühe Teil des kollektiven Sprachgebrauchs.

An dieser Stelle zeigt sich die Ausstellung hochaktuell und geht auf den Sprachgebrauch der "Pegida"-Bewegung ein, die in Dresden ihren Ursprung hat. Die Provenienz eines Wortes wie "Lügenpresse" wird ebenso thematisiert wie der Ausruf "Wir sind das Volk!", bei dem heutzutage auch immer ein implizites "...und Ihr nicht" mitschwingt.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Anna-Maria Schielicke von der TU Dresden rät im Begleitband zu der Ausstellung dazu, "sprachliche Tabus", die aus guten Gründen existierten, zu verteidigen. "Sprachlich alles zuzulassen, vergiftet den Diskurs und verändert ihn grundlegend", schreibt sie. Also ein Plädoyer für das Schweigen? In jedem Fall eines für den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Sprache.

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