Ärzte Zeitung online, 30.03.2017
 

Nachruf

Charité-Legende mit 104 gestorben

Sie war die älteste Doktorandin der Welt und zugleich Begründerin der modernen Neonatologie in der DDR. Am 23. März ist die Kinderärztin Professor Ingeborg Rapoport im Alter von 104 Jahren in Berlin gestorben. Rückblick auf ein Leben voller Superlative.

Von Angela Misslbeck

BERLIN. Ihre Lebensgeschichte liest sich wie ein spannender Roman, und manches klingt beinahe unglaublich. Ingeborg Rapoport hat nicht nur Medizingeschichte geschrieben, sie ist auch in die Welt der Rekorde eingegangen.

Gerade erst zwei Jahre ist es her, dass sie im Alter von 102 Jahren die mündliche Doktorprüfung zu ihrer Dissertation aus dem Jahr 1938 abgelegt hat und dafür vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf mit dem Doktortitel ausgezeichnet wurde. "Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant", sagte der Dekan der Medizinischen Fakultät des UKE Professor Uwe Koch-Gromus nach der Prüfung. Es wird kolportiert, dass Rapport mithilfe von Bekannten und Verwandten gelernt habe, denn das Alter ging auch an der umtriebigen Ärztin nicht spurlos vorbei, und selbstständiges Lesen war ihr wegen einer ausgeprägten Sehschwäche nicht mehr möglich.

Hamburg war die erste Heimat der Kinderärztin in Deutschland. Geboren wurde sie als Ingeborg Syllm 1912 in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun. Wenig später zog ihre Familie in die deutsche Hansestadt um. Dort studierte die Kaufmannstochter Medizin und legte 1937 ihr Staatsexamen ab. Doch der "Dr. med."-Titel für ihre Dissertation über die Diphtherie wurde ihr unter der Nazi-Herrschaft wegen ihrer jüdischen Abstammung verweigert. 1938 emigrierte Rapoport in die USA. Dort arbeitete sie als Assistenzärztin in verschiedenen Krankenhäusern, erwarb am Woman's Medical College of Pennsylvania den Medical Doctor (MD) und spezialisierte sich anschließend auf Pädiatrie.

Die 1946 geschlossene Ehe mit dem Arzt und Biochemiker Samuel Mitra Rapoport führte Ingeborg Rapoport ein zweites Mal in die Emigration. Ihr Mann wurde als überzeugter Kommunist unter der McCarthy-Präsidentschaft in den USA ins berufliche Abseits gedrängt. Daher emigrierte die Familie nach Österreich.

"Ganz nebenbei" zog Ingeborg Rapoport vier Kinder groß. Das berufliche Engagement der Eltern scheint auch die Kinder stark geprägt zu haben, denn drei von ihnen sind in der Biochemie und Kinderheilkunde tätig geworden (der vierte ist Mathematiker). Die Lebensgeschichte der Familie ist in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Fernseh-Dokumentation "Unsere drei Leben" zusammengefasst. Der Titel lehnt sich an den Buchtitel "Meine ersten drei Leben" der Autobiografie an, die Ingeborg Rapoport im Alter von 85 Jahren veröffentlicht hatte.Ab 1952 wurde die Familie schließlich in der DDR heimisch. Während Samuel Rapoport an der Charité Berlin zu einem herausragenden Biochemiker wurde, erwarb seine Frau 1953 den deutschen Facharzttitel für Kinderheilkunde. Sechs Jahre später habilitierte die medizinische Forscherin in experimenteller Biochemie an der Humboldt Universität.

Damit war der Grundstein für ihre Karriere in der Neonatologie der Charité gelegt. Ab 1958 arbeitete sie in der Säuglings- und Frühgeborenenstation der Charité, die sie später leitete und zu einer eigenen Abteilung für Neugeborenenmedizin weiter entwickelte. 1969 erhielt sie schließlich den allerersten Lehrstuhl für Neonatologie in Deutschland an der Charité. Rapoport gelang es, in dieser Position ganz praktische Erfolge vorzuweisen. Dazu zählt der Neuaufbau einer Station für Neugeborenen-Intensivtherapie und einer Forschungsabteilung.

Einer ihrer größten Erfolge war jedoch die beachtliche Senkung der Säuglingssterblichkeit in den 70er Jahren. Dafür erhielt die engagierte Kinderärztin und überzeugte Sozialistin 1984 den Nationalpreis der DDR im Kollektiv.

"Als erste Professorin für Neonatologie an der Charité hat Professor Rapoport das Fachgebiet in der DDR maßgeblich geprägt. Es wird noch heute erzählt, dass sie als fürsorgliche Ärztin auch junge Krankenschwestern für die Neugeborenenintensivpflege begeistert hat", sagte der stellvertretende Klinikdirektor der Charité, Professor Christof Dame am Mittwoch über sie.

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