Ärzte Zeitung, 25.05.2017
 

World Doctors Orchestra

Musik und Medizin verbinden

Helfen mit Musik statt Medizin: Im World Doctors Orchestra leben Ärzte aus aller Welt ihre Begeisterung für klassische Klänge aus.

Von Christina Bauer

Musik und Medizin verbinden

Das „World Doctors Orchestra“ geht dreimal im Jahr auf Tournee.

© Frank Helmrich / Meike Böschemeyer

MÜNCHEN. Sie sind leidenschaftliche Mediziner – und leidenschaftliche Musiker: Augenarzt Professor Jonathan Lass, Institutsleiter an einer Klinik in Cleveland, Psychiaterin Dr. Wibke Voigt, Leiterin einer Sucht-Klinik in Essen, und Kardiologe Professor Stefan Willich, Leiter der Sozialmedizin an der Charité in Berlin. Die letzten dreieinhalb Tage waren der grauhaarige Augenarzt, die rothaarige Psychiaterin und der hochgewachsene Kardiologe mit Cello (Lass), Querflöte (Voigt) und Taktstock (Willich) in ein musikalisches Intensivprogramm vertieft.

Mit an Bord sind auch Dr. Anna Lensebråten, Internistin an einer norwegischen Klinik (Pauke), Dr. Joel Ang, Internist und Infektiologe mit Praxis in Washington (Violine), und 105 weitere Kollegen. Das sind so viele Ärzte, wie in den Glaspavillon des Klinikums passen, wo das ungewöhnliche Orchester probt. Morgen steht ein Konzert im Herkulessaal der Münchner Residenz an, tags darauf eines im Salzburger Mozarteum. Die Einnahmen bekommen Hilfsorganisationen. In Bayern ist das die Bonifatius-Haneberg Stiftung für Obdachlose und nicht Krankenversicherte, in Salzburg das mobile Kinderhospiz Papageno. Indirekt helfen die Ärzte also auch durch das Musizieren.

Naturwissenschaft und Mathe

"World Doctors Orchestra" (WDO) nannte Dirigent Willich das 2007 initiierte Großprojekt. Dass sich so viele Ärzte für Musik begeistern, erstaunt ihn nicht. "Beides, Medizin und Musik, sind im Kern sehr präzise Bereiche. Der Arzt hat die naturwissenschaftliche Basis, auf der er Diagnostik und Therapie festlegt, der Musiker hat die quasi mathematische Komposition", stellt er fest.

Er selbst hat Kardiologie in Berlin, München und New York studiert, zudem Violine, Kammermusik und Dirigat (Stuttgart, Berlin). Schon während seiner Zeit in den USA dirigierte er Orchester, war später in Berlin zwei Jahre lang Rektor der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Hauptsächlich aber leitet er seit 1995 an der Charité das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie.

Psychiaterin Voigt, die mit Willich dereinst schon im RIAS-Jugendorchester musizierte, ergänzt, Musikunterricht sei in deutschen Arztfamilien seit jeher verbreitet. So mancher stehe irgendwann vor der Frage: Arzt oder Musiker? Voigt, selbst Ärzte-Tochter, entschied sich für Medizin. "Arzt werden und weiter Musik machen, das geht", sagt sie. "Aber Musik machen und weiter Arzt sein, das geht nicht." Flöte spielt sie heute im WDO, und in mehreren Ensembles.

Wohin das Orchester für die etwa drei Kurztourneen pro Jahr reist, entscheidet vor allem das Engagement der Mitglieder vor Ort. Sie organisieren alles. Bei den aktuellen Konzerten war das eine fünfköpfige Ärztegruppe. Jede Tour-Besetzung ist einzigartig, im Kollektiv sind über 1000 Ärzte aus 50 Ländern. Dieses Mal ist jeder Zweite aus Deutschland, zugleich spielen Kollegen etwa aus Costa Rica oder Thailand mit. Die Altersspanne reicht von 21 bis 79 Jahren, und wie immer sind besonders viele Internisten und Allgemeinärzte dabei. Nach zehn Jahren gibt es Erfahrungswerte und Netzwerke, vieles geht leichter als zu Beginn. "Das erste Mal waren 60 ärztliche Kolleginnen und Kollegen im Orchester, die sich alle noch nicht kannten, und wir hatten bereits die Berliner Philharmonie gebucht", erinnert sich Willich. "Da hatte ich richtig Bauchschmerzen."

Von der Bühne zum Patienten

Die seien seitdem weit weniger geworden. Nicht zuletzt gibt es bei den Proben oft Profi-Coaching. In München kam das unter anderem von Bläsern des BR-Symphonieorchesters und Streichern des Bayerischen Staatsorchesters.

Und dann ist da noch Mezzosopran Stella Grigorian, die ehrenamtlich mitwirkende Profi-Solistin. Das gab es beim WDO schon öfter. 2015, in der Kreuzkirche in Dresden, war Cellist Ludwig Quandt dabei. Mit 3000 Zuhörern war es das bisher erfolgreichste Konzert, erinnert sich Dr. Tobias Breyer. Der Essener Neuro-Radiologe spielt neben der Praxis-Arbeit Horn, und sitzt, wie Lass und Voigt, im Internationalen Orchesterkomitee.

Am folgenden Abend zupfen Lass und Ang bei Arien aus Bizets "Carmen" Pizzicato-Passagen, Voigt ist an der Flöte im Intensiv-Einsatz. Gregorian, in strahlend roter Robe, bringt mit voluminöser Stimme einen Extra-Schwung Glanz auf die Bühne. Und kurz danach sind die ersten schon wieder auf halbem Weg zu ihren Patienten.

1000 Ärzte aus 50 Ländern gehören zum

Pool des "World Doctors Orchestra" – jede Tourbesetzung ist einzigartig.

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