Ärzte Zeitung online, 02.06.2017
 

Gerichtsmediziner auf Verbrecherjagd

Was macht die TV-Forensiker sexy?

Leichen, immer wieder Leichen, die seziert, durchleuchtet, bestaunt werden: Das TV-Genre "Gerichtsmediziner auf Verbrecherjagd" ist populärer denn je. Warum eigentlich?

Von Pete Smith

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Urvater der TV-Gerichtsmediziner: Jack Klugman als Dr. Quincy

© 23kpaQuincy / dpa

"Was ist das in Ihrem Gesicht?", neckt Boerne seinen Kollegen Thiel. "Ein Lächeln? Oder hatten Sie einen Schlaganfall?" Die Figur des fies-schrulligen Rechtsmediziners Professor Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers, ist nicht allein bei Fans des Genres Kult.

Ihr ist es wohl auch zu verdanken, dass sich der erstmals 2002 ausgestrahlte "Tatort" aus Münster mit zuletzt fast 15 Millionen Zuschauern zu einem der erfolgreichsten Ableger der beliebten ARD-Krimireihe entwickeln konnte. Boerne ist die launige Variante des unangefochtenen Stars unter den medial in Szene gesetzten Ermittlern – dem Forensiker.

Im deutschen Fernsehen vergeht kein Tag, an dem nicht auf irgendeinem Sender eine Leiche beschaut, bestaunt, untersucht, seziert oder durchleuchtet wird. "Quincy", der von Jack Klugman verkörperte Urvater aller Bildschirm-Forensiker und selbst längst in Rente, hat inzwischen Dutzende von Nachfahren, die Dr. Robert Kolmaar (Ulrich Mühe in "Der letzte Zeuge"), Temperance Brennan (Emily Deschanel in "Bones – Die Knochenjägerin"), Professor Dr. Leo Dalton (Jacques Breuer in "Gerichtsmediziner Dr. Leo Dalton") oder Dr. Jordan Cavanaugh (Jill Hennessy in "Crossing Jordan – Pathologin mit Profil") heißen.

Wobei letztere schon deutlich macht, dass die Übergänge vom Rechtsmediziner zum Pathologen in den fiktionalen Adaptionen durchaus fließend sind. Auf Genauigkeit kommt es nicht an. Hauptsache es wird gestorben, gerätselt, gefachsimpelt und im Extremfall auch schon mal ein bisschen geschnippelt.

Auf Verbrecherjagd

Im Serien-Genre "Gerichtsmediziner auf Verbrecherjagd" sticht vor allem eine US-Produktion heraus, die sich im Laufe der Jahre geografisch aufgefächert hat und Staffel für Staffel auch deutsche Serienjunkies beglückt: "Crime Scene Investigation" (Tatortermittlung), ehedem "CSI: Den Tätern auf der Spur", gibt es inzwischen als "CSI: Miami", "CSI: NY" und "CSI: Las Vegas".

Produzent des Dauerbrenners ist kein Geringerer als Jerry Bruckheimer, der spätestens seit dem Erfolg seiner "Pirates-of-the-Caribbean"-Blockbuster als einer der vermögendsten Vertreter seiner Zunft gilt.

Tatsächlich lässt sich mit der kalten Kulisse eines Seziersaals oder – noch etwas eisiger - eines Leichenschauhauses ordentlich Geld verdienen, egal ob man die Schauplätze wohlig-gruselig, wissenschaftlich-nüchtern oder augenzwinkernd-humorig in Szene setzt.

Kein Wunder, dass sich auch die deutschsprachigen Fernsehsender seit Jahrzehnten um die genialsten, klügsten, charmantesten, attraktivsten oder kuriosesten Rechtsmediziner streiten. Das ZDF (ZDF neo) schickt "Der letzte Zeuge" und "Silent Witness" ins Rennen, RTL "CSI" und "Bones – Die Knochenjägerin", Super-RTL buhlt mit "Crossing Jordan" um die Quote, Kabel eins mit "Navy CIS", und Vox lockt mit "Medical Detectives – Geheimnisse der Gerichtsmedizin".

Experten des Todes

Darüber hinaus gibt es etliche Dokumentationen, die mit "echten" Helden werben, Dokus wie "Experten des Todes – Gerichtsmediziner im Einsatz" (3sat), "7 Tage … in der Gerichtsmedizin" (NDR), "Autopsie – Mysteriöse Todesfälle" oder "Dr. G – Beruf: Gerichtsmedizinerin im Fernsehen" (beide RTL 2).

Was macht den Forensiker aber nun so sexy? Immerhin hat er es Tag für Tag mit verwesenden Leichen zu tun, deren Geruch an ihm haften bleibt und die sich zum Selfie kaum eignen. Voyeurismus? Wissenschaftliche Neugier? Sensationslust?

Der Arzt und Schauspieler Joe Bausch, der im Kölner "Tatort" den Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth mimt, macht sich auf das Phänomen seinen eigenen Reim: "Das große Interesse von Zuschauern und Lesern an der Arbeit der Rechtsmediziner rührt vermutlich aus dem Wunsch nach Sicherheit", meint Bausch, der als Gefängnisarzt in der JVA Werl in NRW tätig ist.

Bausch weiter: "Sicherheit in Bezug auf Aufklärungsarbeit und ungeklärte Todesfälle. Im Film wird so gut wie jedes Verbrechen aufgeklärt. Stets ist der Rechtsmediziner zur Stelle und findet wissenschaftlich fundierte Details, die zum Stellen des Täters führen. Der Rechtsmediziner schafft Vertrauen."

Vertrauen flößte uns schon Medical Examiner Dr. R. Quincy ein, dessen reales Vorbild der kalifornische Gerichtsmediziner Dr. Thomas Noguchi gewesen sein soll, der mit Autopsien von Marilyn Monroe, Robert Kennedy und John Belushi Medizingeschichte schrieb.

Wie viel mehr dürfen wir dann erst von seinen omnipotenten Nachfahren erwarten, die sich mit forensischer Daktyloskopie, Toxikologie, Serologie, Entomologie, Odontologie und Psychologie, mit Ballistik, DNA-Typisierung, Faseranalyse und Graphologie brüsten, wahlweise den Kastle-Meyer-Test oder die PCR-Vervielfältigung anwenden und bei Bedarf den Restriktionsfragmentlängenpolymorphismus0?

Frauen dominieren das Genre

Wie Quincy und Boerne folgen auch die Protagonisten der literarischen Forensik einem Leitmotiv, das der Arzt und Krimiautor Arthur Conan Doyle, Erfinder der Sherlock-Holmes-Figur, entwickelt hat: der deduktiven Methode. Jene ahmt das Verfahren der medizinischen Diagnostik nach. Nicht von ungefähr waren in der Genreliteratur viele Ermittler Arzt oder Apotheker oder wurden von ausgewiesenen Experten unterstützt.

Als erster Rechtsmediziner der Detektivliteratur gilt Dr. John Evelyn Thorndyke. Auch dessen Erfinder, der britische Krimischriftsteller Dr. Richard Austin Freeman, war Arzt. Heute sind es vor allem Frauen, die das Genre dominieren: Karin Slaughter (mit der Gerichtsmedizinerin Sara Linton), Patricia Cornwell (mit der Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta), Kathy Reichs (mit der forensischen Anthropologin Tempe Brennan), Karen Rose (mit der erfahrenen Gerichtsmedizinerin Lucy Trask) und Felicitas Gruber (mit der kühlen Rechtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth, genannt die "kalte Sofie").

Die männliche Seite

Daneben gibt es natürlich auch männliche Autoren, die mit Rechtsmedizinern und Pathologen Bestseller am Fließband produzieren: Simon Beckett (mit dem forensischen Anthropologen Dr. David Hunter) oder Colin Cotterill (mit dem Pathologe Dr. Siri Paiboun), um nur einige zu nennen.

Eine besondere Rolle unter diesen Autoren nimmt der deutsche Rechtsmediziner Professor Michael Tsokos von der Berliner Charité ein, der seine Disziplin mithilfe verschiedener Medien seit Jahren auch populärwissenschaftlich vermarktet. Beispielsweise moderierte er für den National Geographic Channel 2012 acht Episoden der Wissenschaftsdokumentation "Suche nach Mister X – Das Forensik-Experiment", beschrieb die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin ("Sind Tote immer leichenblass?"), widmete sich als Autor realen Fallgeschichten ("Dem Tod auf der Spur") und schrieb mit dem Krimiautoren Sebastian Fitzek ("Abgeschnitten") einen True-Crime-Thriller.

In dem 2014 ausgestrahlten Spielfilm "Die letzte Instanz" (ZDF) spielte er an der Seite von Jan Josef Liefers sich selbst. Ebenfalls 2014 startete RBB die Krimishow "Vier Unschuldige und ein Todesfall", in der Tsokos als forensischer Deuter auftritt.

Ein Buch mit der ganzen Wahrheit

"Ein Buch mit der ganzen Wahrheit, wie wir Rechtsmediziner sie täglich erleben, wäre keinem Leser zuzumuten", ist der Berliner Forensiker überzeugt. Sein Expertenwissen dosiert er noch aus einem anderen Grund: "Ich habe in meinem Berufsleben genug Möglichkeiten kennengelernt, ein Tötungsdelikt zu begehen, ohne dass überhaupt vermutet wird, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Aber diese Büchse der Pandora dürfen wir Rechtsmediziner nicht öffnen."

Mit seinen fiktionalen Kollegen würde Tsokos im Übrigen nur ungern tauschen. Schließlich sei sein Beruf faktisch viel facettenreicher als in der Fantasie der meisten Autoren. "Wir arbeiten ja nicht nur mit den Toten, sondern auch mit den Lebenden."

Urvater der TV-Forensiker

- Urvater der Serien-Forensiker ist Dr. Quincy (Jack Klugman). Die TV-Serie wurde 1976 gestartet und lief bis 1983.

- Reales Vorbild von Quincy soll der kalifornische Gerichtsmediziner Dr. Thomas Noguchi gewesen sein.

- Noguchi schrieb mit Autopsien von Marilyn Monroe, Robert Kennedy und John Belushi Medizingeschichte.

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