Ärzte Zeitung online, 21.07.2017
 

Auf den Hund gekommen

Mit Hundespucke gegen Krankheiten

In den USA setzen Forscher ihre Hoffnungen auf Hunde: Mit der Genanalyse von Hundespeichel wollen sie Krankheitsursachen auf die Spur kommen – beim Hund und beim Menschen. Erste Erfolge gibt es bereits bei Autismus.

Mit Hundespucke gegen Krankheiten

Der beste Freund des Menschen könnte auch bei der Erforschung von Krankheiten helfen.

© Tatyana Gladskih / stock.adobe.com

WASHINGTON. Ein schwül-heißer Sommerabend in Washington. In den Biergarten, Regenbogenfahnen-geschmückt und gleich neben der Hochbahntrasse, strömen Hunderte von Menschen mit ihren Hunden. An der Leine laufen die Stars des Abends.

Sie heißen Minus, Mr. Bueno oder Zenit und sind gekommen, um an einem großen Wissenschaftsprojekt für Hunde teilzunehmen: Ihre Speichelproben sollen dabei helfen, Verhaltensstörungen, psychische und neurologische Erkrankungen aufzuklären – bei Hunden und vielleicht auch bei Menschen.

"Ich finde das Projekt super spannend", berichtet Jennifer, die mit ihrem Mischling Minus (10) in der Schlange steht, um sich registrieren zu lassen. Er ist blind von Geburt an. "Ich möchte mehr darüber erfahren, wo er herkommt", sagt Jennifer. Sie ist der ungewöhnlichen Einladung der Initiative "Future Tense" gefolgt, die Zukunftsforschung und Wissenschaft verknüpfen möchte.

13.000 Hunde in Datenbank

Seit Jahren bereits erforscht Elinor Karlsson, Direktorin am Broad Institute des MIT, das Erbgut von Hunden. Sie sucht Hinweise darauf, welche Gene für welche Auffälligkeiten verantwortlich sein könnten. 2015 rief sie dazu das Projekt "Darwin's Dogs" (Darwins Hunde) ins Leben, bei dem schon 13 000 Vierbeiner mitmachen: mit ihrer Speichelprobe und begleitenden Angaben der Besitzer zu Verhaltensweisen, Auffälligkeiten oder Ticks.

Auch an diesem Tag, als Karlsson das Projekt in Washington vorstellt, kommen die Angaben zahlreicher Hunde neu in die Datenbank hinzu. Mit High-Tech-Methoden wird das Material dann auf Abweichungen in bestimmten Regulations-Sequenzen der DNA durchsucht.

"Wir hoffen, dadurch auch neue Ansätze für die Entwicklung von Medikamenten für Erkrankungen beim Menschen zu finden", sagt Karlsson.

Fokus auf Autismus

Eine der Erkrankungen, die im Fokus der Forscher stehen, ist Autismus. In den USA erhält heute eines von 68 Kindern die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störungen (ASD, Autism Spectrum Disorder). Bislang kann Autismus nur durch eine komplizierte Diagnose von Psychiatern festgestellt werden, nicht durch einen DNA-Test.

Tierverhaltensforscher Nicholas Dodman (Tufts University) arbeitet seit Jahren daran, eine Verbindung zu ähnlichen, repetitiven Verhaltensmustern bei Hunden zu belegen.

Während manche sich ständig die Pfoten lecken, jagen Bull Terrier etwa häufig exzessiv ihrem eigenen Schwanz hinterher. Einer Studie Dodmans zufolge wiesen die Hälfte der mehr als 300 Bull Terrier Autismus ähnliche Störungen, wie das Schwanz-Jagen und Kontaktstörungen zu Menschen oder anderen Hunden auf.

Hormonwerte erhöht

In einer weiteren Untersuchung suchte er nach entsprechenden Biomarkern – und fand heraus, dass autistische Kinder und die betroffenen Hunde ähnliche erhöhte Werte der Hormone Neurotensin und CRH aufweisen. Derzeit sucht Dodman zusammen mit Forschern des National Human Genome Research Institute nach den zugrunde liegenden Genen.

Auch Tierverhaltensforscher Clive Wynne (Arizona State University) knüpfte sich bereits Hunde-Gene vor, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Er nutzt die Gen-Daten, um die Rasse eines Tieres zu bestimmen. Vor allem Mischlingshunden würde oft eine falsche Rasse zugeschrieben, was sich in Tierheimen als problematisch erweisen könne.

Denn die große Begeisterung vieler Amerikaner für Tierheim-Hunde flaue oft ab, wenn der potenzielle Kandidat als Pit Bull-Mischling angepriesen werde. "In nur zehn Prozent der Fälle lagen die Tierheime mit ihren Beschreibungen richtig", berichtet Wynne, der die Zuschreibungen mit Gen-Tests verglich.

Wynne wirbt deshalb dafür, in Tierheimen die Mischlinge, deren Charakter ebenso wie ihr Genpool bunt zusammengewürfelt sei, nur noch individuell zu beschreiben: als "Fitness-Fanatiker" oder "Schmusekissen". (dpa)

[21.07.2017, 12:51:44]
Thomas Georg Schätzler 
Genau!
Hunde, die sich ständig die Pfoten lecken, Bull Terrier, die häufig exzessiv ihrem eigenen Schwanz hinterherjagen leiden natürlich ohne differenzialdiagnostische Alternativen an "Autismus" oder anderen exklusiven "Autismus-ähnliche Störungen", wie Kontaktstörungen zu Menschen oder anderen Hunden???

Unsere Vierbeiner als angeblich beste Freunde des Menschen spiegeln jedoch nur die bio-psycho-sozialen Verhaltensauffälligkeiten ihrer menschlichen Bezugspersonen wieder. Zahllose Bücher, TV-Sendungen und Großveranstaltungen mit "Herrchens" und "Frauchens" gibt es dazu:
Cesar Millan ist in den USA "Der Hundeflüsterer" und hat seit 2004 eine eigene TV-Sendung. In Deutschland hat Martin Rütter mit "DOGS" die Hundeschulen für Menschen begründet.

Was aber Elinor Karlsson als Direktorin am Broad Institute des MIT in Boston/Mass. USA vermeintlich im Erbgut von Hunden sucht, sind m. E. nichts anderes als Hospitalismus- und Deprivations-Effekte. Hinweise, dass Gene für Verhaltens-Auffälligkeiten verantwortlich sein könnten, sind so lange entkräftet, wie es nicht artgerechte Hundehaltung, Fabrikfutter, fehlender Auslauf und Rudelbildung in den Städten, Neurotizismus der Hundehalter, Hundezwinger und menschengerechte Wohnungen als Großraumkäfige für die Tiere gibt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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