Ärzte Zeitung online, 27.07.2017
 

Quo vadis, Evolution?

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird – oder kann der Mensch sie austricksen?

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Das Ende der Fahnenstange: Ist die menschliche Evolution am Endpunkt angelangt?

© Fiedels / stock.adobe.com

STRAßBURG. Was haben der Laichausschlag eines Fischmännchens und die Strumpfhosen eines Models auf einem Werbeplakat gemein? Tom Theunissen sieht einen Zusammenhang: Beides wirkt auf jeweilige Artgenossen attraktiv. Beides kann somit ein entscheidender Faktor für die Evolution sein.

Nach vielen Hunderttausenden von Jahren biologischer, menschlicher Entwicklung geht der Grimme-Preisträger für den deutsch-französischen Sender Arte der Frage nach, ob diese nun zu Ende ist. Das Ergebnis nennt er: "Der Mensch von morgen – Ein evolutionärer Reisebericht". Gezeigt wird er am Samstag um 22.00 Uhr.

Gespräche mit Unternehmern und Taxifahrern

Theunissen wirft dabei einen – wie er sagt – "zoologischen Blick auf seine Weggenossen". Er befragt Wissenschaftler sowie einen Unternehmer, der Autisten beschäftigt. Er diskutiert von der Rückbank aus mit einem Taxifahrer über Selektionsmechanismen.

Und er wird persönlich: Als es um die Wehwehchen und ernsthafteren Leiden der Menschen geht, die eigentlich Evolutionshindernisse darstellen, erläutert der Autor seine Rot-Grün-Blindheit. "Wir sind und bleiben Mängelwesen", sagt Theunissen.

Evolution austricksen?

Doch ist der Mensch nicht intelligent genug, um die Evolution auszutricksen? Mit den Mitteln der Gentechnologie hat er die nötigen Gestaltungsmöglichkeiten an der Hand. Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sagt: "Ich glaube, man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Menschen, wenn ein Verfahren existiert, darauf aus Gründen verzichten werden, die rein ethischer Natur sind." Vielmehr müssten die ethischen Regeln und Verfahren gleichermaßen angepasst werden.

Schon Brillen helfen den Menschen, Probleme zu beheben. Eine Entwicklung, die mehr und mehr sogenannte Cyborgs entstehen lässt – menschliche Wesen mit technischen Ersatzteilen und Hilfsmitteln.

Stichwort: künstliche Intelligenz. Ein Weg, ewiges Leben zu schaffen und Aussterben zu verhindern? Die Evolutionsmedizinerin Luzie Verbeek macht im Gespräch mit Theunissen deutlich, dass Sterben ein wichtiger Teil der Evolution ist, schon aus Ressourcengründen. "Es ist nicht erstrebenswert, Sterblichkeit abzuschaffen."

Kompromisse statt Perfektion

Das könnte manchen Zuschauer beruhigen. Wie auch ihre Ausführungen, dass es bei Evolution nicht um Perfektionismus gehe, sondern oft um Kompromisse.

Insgesamt ist der Film weder düstere Dystopie noch eine beschönigende Utopie der Möglichkeiten. Sachlich geht Theunissen mit seinen Gesprächspartnern vielen Facetten des Themas nach.

Zugleich gestaltet er die kurzweilige Dokumentation Arte-typisch recht ansehnlich mit interessanten Kameraperspektiven, etwa aus dem Neanderthal Museum, Unschärfen, Zooms und rückwärts abgespielten Sequenzen.

Das Ganze ist mit ansprechender Musik unterlegt; immer wieder werden die Interviewparts auch mit zum Thema passenden Liedern von Tom Liwa unterbrochen. Inklusive Projektionen an der Wand.

Auch wenn Theunissen am Ende selbst ein bisschen enttäuscht über die gesammelten Erkenntnisse klingt, gibt er die Richtung für seinen Reisebericht eigentlich schon relativ früh vor: Seit rund 10 000 Jahren kann der Mensch Milch verdauen. Seitdem, so hält der Autor fest, hat der Körper keine revolutionäre Veränderung mehr erlebt. (dpa)

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Panorama (31017)
[28.07.2017, 14:28:47]
Horst Grünwoldt 
Homo sapiens
Der "Mensch" -wie wir ihn heute kennen, hat bekanntlich noch keine "hunderttausende" Jahre Evolution absolviert. Und nicht erst seit 10 Tausend Jahren können Hominiden als Säugetiere Milch verdauen. Soweit zur Entwicklungs- und Zeitskala.
Seitdem dürfte aber die biologische Evolution des Neuzeitmenschen so gut wie abgeschlossen sein.
Alleine die kulturelle und technische Entwicklung ist seitdem in erstaunlicher Weise vorangeschritten. Und damit auch die Evolution des menschlichen Gehirns.
Ob dies besondere Organ der allumfassenden Menschheit auf Dauer noch in der Lage sein wird, nicht nur im Schädel eingeschlossen den weiblichen Geburtskanal komplikationslos zu passieren, sondern in einer unfriedlichen Welt neue moralische Qualitäten und sittlich-soziales Verhalten zu entwickeln, bleibt nur zu hoffen. Dazu sollte aber jedes menschliche Individuum nicht einhundert Jahre der Erkenntnisgewinnung brauchen.
Denn in vergleichender Betrachtung unserer animalischen Ahnenreihe können wir ja erfahren, dass tierische Lebenserwartung immer begrenzt ist. Und das können uns die Zellbiologen -trotz genetischer Experimente- schon heute bestätigen.
Wenn wir jetzt weitverbreitet feststellen können, dass unsere heute ü 50 Jährigen -im Vergleich mit unseren Eltern, der krisengeschüttelten Generation der ersten 20. Jahrhundertshälfte- "biologisch" ca. 10 Jahre jünger fühlen und erscheinen, dann ist aber mitnichten auch die menschliche Lebenserwartung damit gestiegen.
Dafür genügt schon ein Blick in die Todesnachrichten der Wochenendzeitung, in denen nachwievor alle Altersgruppen auftauchen. Dabei wird mir sogar die unsinnige (statistische) Aussage über eine "ermittelte" Lebenserwartung bewußt. Letztlich sind Leben und Tod immer individuelle Ereignisse, die niemand voraussagen kann.
Erst recht nicht prospektiv über die weitere "Evolution" der (globalisierten) Menschheit Jahrzehnte hinaus. Dafür alleine ist die Politik und das Schicksal von abhängigen Menschen viel zu unberechenbar!
Das soll uns aber schon heute nicht vom positiven Denken und humanen Tun abhalten...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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