Ärzte Zeitung online, 01.09.2017

Studie

Homo- und Bisexuelle psychisch oft belastet

Die Lebenssituation Homosexueller ist wenig untersucht. Eine neue Studie hebt die gesundheitlichen Belastungen hervor.

BERLIN. Die Lebenssituationen von homosexuellen und bisexuellen Menschen unterscheiden sich einer neuen Studie zufolge zum Teil erheblich von der von heterosexuellen. Demnach verfügen sie im Schnitt über einen höheren Bildungsabschluss, leben seltener in Partnerschaften und verlassen sich weniger auf ihre Familien. Zudem seien sie psychisch stärker belastet und neigten häufiger zu Depressionen, heißt es in dem Bericht, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorstellte.

Für die Studie stützen sich die Autoren auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels, einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage, die das DIW einmal im Jahr deutschlandweit durchführt. Dabei wird neben dem Einkommen, dem Beruf, der Bildung und der Gesundheit auch die sexuelle Orientierung abgefragt. Die Studie beruht auf Fragebögen von knapp 460 LGBs – LGB ist das englische Kürzel für Menschen mit lesbischer, schwuler oder bisexueller Identität – sowie mehr als 39.000 Heterosexuellen.

Dabei wird auch deutlich, dass LGBs mit ihrem Leben durchschnittlich weniger zufrieden sind als Heterosexuelle. Sie neigen häufiger zu psychischen Problemen und Depressionen. "Als ein Grund wird angenommen, dass LGBs aufgrund ihrer sexuellen Orientierung stigmatisiert und diskriminiert werden und dadurch chronischem Stress ausgesetzt sind", schreiben die Autoren.

26 Prozent der befragten Schwulen und Lesben gaben laut Studie an, einen Fachhochschulabschluss zu besitzen. Bei Heterosexuellen mit der gleichen Altersstruktur lag dieser Anteil lediglich bei 15 Prozent. Die Fachhochschulreife konnten 21 Prozent der LGBs vorweisen (Heterosexuelle: 15 Prozent). Ungeachtet dessen verdienen vor allem homosexuelle Männer im Schnitt einen deutlich niedrigeren Stundenlohn als heterosexuelle – unter Berücksichtigung von Alter, Branche und Qualifikation rund 2,64 Euro unter den durchschnittlichen 18 Euro Heterosexueller.

Auch was die Formen des Zusammenlebens angeht, gibt es Unterschiede. So leben Menschen mit lesbischer, schwuler oder bisexueller Identität häufiger allein. 72 Prozent der befragten Homo- und Bisexuellen in einer Partnerschaft wohnen auch zusammen (Heterosexuelle: 84 Prozent). Dabei handelt es sich wiederum deutlich häufiger um Haushalte, in denen beide Partner verdienen.

Die Studie bemängelt, dass es bislang nur sehr wenige Daten über Schwule und Lesben gibt. "Zwar stellt die Gleichstellung Homosexueller in Deutschland ein seit langer Zeit viel diskutiertes Thema dar", heißt es. "Aber scheinbar so triviale Fakten wie die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden LGBs basieren bestenfalls auf groben Schätzungen." Das DIW geht demnach davon aus, dass derzeit knapp zwei Prozent der Erwachsenen in Deutschland homo- oder bisexuell sind.

Auch der Bundesverband der Schwulen und Lesben in Deutschland beklagt eine große Informationslücke. "Wir haben unzählige Umfragen, in denen gezielt nach Diskriminierung von Schwulen und Lesben gefragt wird", sagte Verbandssprecher Ulrich. "Aber über andere Aspekte wissen wir noch gar nichts, etwa was das Alltagsleben oder auch die Gesundheit von LGBs angeht." In Deutschland sei die nun vorgelegte Studie deshalb eine der ersten dieser Art.(dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Herzschutz-Effekt durch spezielle Fischöl-Kapseln

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren hat in der REDUCE IT-Studie eine erstaunliche Wirkung entfaltet. Zu einem anderen Ergebnis kommt die Studie VITAL. mehr »

In Westeuropa sterben Deutsche am frühesten

Deutschland hat unter 22 westeuropäischen Ländern die niedrigste Lebenserwartung. Wie aus einem aktuellen WHO-Bericht hervorgeht, gibt es im weltweiten Vergleich noch immer drastische Unterschiede – von bis zu 40 Jahren. mehr »

Gemeinsam gegen Antibiotika-Resistenzen

Die Weltantibiotikawoche ist angelaufen: Während die WHO für mehr Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Medizin wirbt, versucht ein Projekt von Ärzten und Kassen die Bürger für Resistenzen zu sensibilisieren. mehr »