Ärzte Zeitung online, 01.09.2017
 

Weltkriegsbombe

Frankfurt evakuiert zwei Krankenhäuser

Die größte Evakuierung der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die Entschärfung einer Weltkriegsbombe am Sonntag in Frankfurt betrifft Zehntausende Bürger – dazu zwei Kliniken, die Bundesbank-Zentrale und 20 Altenheime.

Von Pete Smith und Stefan Säemann

So bereiten sich Kliniken und Behörden auf die Evakuierung vor

Frankfurt bereitet sich auf die größte Evakierung in der Deutschen Nachkriegsgeschichte ein. Der Auslöser: der Fund einer Weltkriegsbombe

© Boris Roessler /dpa

FRANKFURT. Mehr als 60.000 Frankfurter müssen am Sonntagmorgen aus ihren Wohnungen. Denn der Kampfmittelräumdienst muss gefährliche Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigen. Die Entschärfung einer 1,8 Tonnen schwere Luftmine mit 1,4 Tonnen Sprengstoff TNT hat aber noch weitreichendere Auswirkungen. Eine Zone im Umkreis von 1,5 Kilometers rund um die britische Fliegerbombe muss menschenleer sein. Im dicht besiedelten Sperrgebiet liegen zwei Kliniken, 20 Altenheime, der Hessische Rundfunk, das Polizeipräsidium sowie die Zentrale der Bundesbank .

Es wird die größte Evakuierung der deutschen Nachkriegszeit, die der Krisenstab aus Polizei, Feuerwehr und Kampfmittelräumdienst generalstabsmäßig vorbereitet. In der Sperrzone liegen das Bürgerhospital und das Marienhospital. Der Krisenstab erarbeitete mit beiden Kliniken einen Zeit- und Ablaufplan.

Als Adhoc-Maßnahme wurden alle planbaren, nicht akuten Operationen, die einen längeren Krankenhausaufenthalt erforderten, auf einen späteren Zeitpunkt verschoben und die Patienten entsprechend informiert. Darüber hinaus meldete man die Notaufnahmen beider Krankenhäuser bei der Rettungsleitstelle für das Wochenende ab. Die im Bürgerhospital ansässige Notfallambulanz des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes werden erst am Samstagnachmittag geschlossen.

"Für Babys keine physische Belastung"

Frankfurt evakuiert zwei Krankenhäuser

Schon am Freitag wurden die Frühchen aus der bedrohten Klinik in ihren Inkubatoren mit Baby-Notarztwagen in andere Krankenhäuser gebracht. Das Bild zeigt die Verlegung auf dem Hof des Bürgerhospitals.

© Boris Roessler / dpa

 Das Bürgerhospital, das älteste Krankenhaus Frankfurts, mit 320 Betten hat mit etwa 3000 Neugeborenen jährlich die größte Geburtenstation Hessens. Zumindest am Sonntag tagsüber dürfen dort nun keine Kinder zur Welt kommen, andere Krankenhäuser springen ein.

 Die Klinik beherbergt zudem eine Intensivstation für Babys und ein Zentrum für Risiko-Schwangerschaften. Frühchen werden in ihrem Inkubator in andere Kliniken verlegt. Der Ärztliche Direktor Oliver Schwenn, sagte: "Das ist für Babys aber keine physische Belastung." Für deren Transport stehen spezielle Baby-Notarztwagen bereit. Die meisten Neugeborenen wurden ins Clementine-Kinderhospital, dem Schwesterkrankenhaus des Bürgerhospitals, transportiert, die Frühchen in die Uniklinik und ins Klinikum Höchst.

Auch die übrigen Patienten der 320-Betten-Klinik werden bereits bis zum Samstagabend auf andere Kliniken verteilt.  Ein Krisenstab entwickelte in Absprache mit den zuständigen Experten der Stadt, des Regierungspräsidiums und der Feuerwehr bereits am Mittwoch vergangener Woche einen koordinierten Ablaufplan, nach dem das 320-Betten-Haus Station für Station „in Schlaf versetzt“ wurde, wie Wolfgang Heyl, Geschäftsführer des Bürgerhospitals, die Maßnahmen umschrieb. Organisiert werden muss dabei unter anderem der Transport der Intensivpatienten, die beatmet werden müssen. "Das ist eine ziemliche logistische Herausforderung", sagt ein Vertreter der Stadt.

Alle abgesagten Operationen sollen zeitnah nachgeholt werden, versprach Klinikgeschäftsführer Heyl. „In den kommenden beiden Wochen werden wir die OP-Kontingente erweitern, damit alle Patienten einen Termin erhalten.“

Betroffen ist auch das St. Marienkrankenhaus mit 140 Betten. Die Klinik hat den Vorteil, dass sie mit dem St. Elisabeth-Krankenhaus im Stadtteil Bockenheim einen zweiten Standort hat. Dorthin werden die Patienten für einen Tag verlegt. Rettungsdienste aus dem Umland Frankfurt helfen bei der Verlegung.

Zweite Entschärfung in Koblenz

Bereits einen Tag zuvor wird im rheinland-pfälzischen Koblenz eine Weltkriegsbombe entschärft. Die Avakuierung der Umgebung betrifft rund 20.000 Menschen, zwar keine Klinik wie in Frankurt, dafür aber ein Gefängnis.

Was kennzeichnet die Blockbuster-Bombe aus?

  • Bei der in Frankfurt gefundenen britischen Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg handelt es sich um einen sogenannter Blockbuster Typ HC-4000.
  • Die Bombe war 1,8 Tonnen schwer, gefüllt mit 1,4 Tonnen Sprengstoff TNT
  • Die Druckwelle einer solchen Bombe erreicht eine Ausdehnung von 1,5 Kilometern. Gebäude im näheren Umkreis könnten bei einer Detonation einstürzen. Im weiteren Umkreis bis 1,5 Kilometer könnten Häuser immer noch schwer beschädigt werden.
  • Rund 60.000 Einwohner mussten im Umkreis von 1,5 Kilometern um die gefundene Bombe evakuiert werden. Das war die größte Aktion dieser Art seit dem Krieg.
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